Thomas Engers Debüt Roman ''Sterblich'' ist der Beginn einer Reihe um den Online Journalisten Henning Juul, dem noch fünf Romane folgen sollen, deren Titel auf der Internetseite des Autors schon veröffentlicht sind. Dies lässt hoffen, dass er sich ein großes Ganzes ausgedacht hat und die Entwicklung des Titelhelden und einige angefangene Stränge in der Handlung weisen auch deutlich darauf hin.
Zunächst einmal werden wir tief in die Gedankenwelt des Journalisten Hennig Juul hineingezogen, der nach zwei Jahren wieder seinen ersten Arbeitstag hat, nachdem er bei einem Brand seinen Sohn verloren und selbst schwer verletzt wurde.
Noch immer traumatisiert von dem Brand, versucht er wieder ein normales Leben anzufangen, aber sein erster Blick beim Betreten eines jeden neuen Gebäudes geht zu den Feuermelden oder Brandlöschgeräten, in seiner eigenen Wohnung wechselt er manisch die Batterien der Feuermelder aus und wir ahnen schon, dass noch ein weiter Weg vor ihm liegt.
Aber Juul ist auch ein Top Journalist und gleich am ersten Arbeitstag bei einer Online Redaktion wird er mit einem brutalen Mord konfrontiert, eine Filmstudentin wurde gleichzeitig gesteinigt, ausgepeitscht und verstümmelt. Ausgerechnet mit dem neuen Freund seiner Ex-Frau, für die er immer noch einiges empfindet, muss er nun zusammen arbeiten, was ebenso demütigend ist, wie die Tatsache, dass eine ehemalige Praktikantin jetzt seine Chefin ist. Tapfer schluckt er alles herunter und schafft es dennoch aufgrund seines Instinkts und mit Hilfe eines mysteriösen Informanten aus den Reihen der Polizei, mit dem nur über das Internet Kontakt aufnimmt, den Täter ausfindig zu machen.
Trotz der Brutalität des Mordes, ergeht sich der Autor nicht in seitenlangen, detaillierten Beschreibungen, gewalttätige Szenen werden relativ dezent dargestellt, kein perverser Serientäter ist am Werk, es ist ein Krimi eher nach klassischem Strickmuster und ebensolchem Motiv.
Am Anfang gerät ein zu offensichtlich Verdächtiger ins Visier der Polizei, es geschehen weitere Morde, bald merkt man, dass mehrere Verbrechen miteinander verflochten sind und nachdem Hennig Juul die Stränge entwirrt hat, bietet die endgültig Auflösung angesichts der relativ beschränkten Zahl der beteiligten Personen durchaus noch eine Überraschung.
Ob die Arbeit eines Journalisten realistisch dargestellt wird, vermag ich nicht zu beurteilen, aber sie kommt sehr authentisch und glaubwürdig herüber, etwas befremdlich hingegen fand ich dagegen die wenigen Passagen aus der Perspektive des ermittelnden Kommissars, dessen Gedanken nur darum zu kreisen scheinen, wie er seine attraktive Kollegin ins Bett bekommen könnte.
Thomas Enger versteht es Spannung durch klassische Ermittlungsarbeit, bedrohliche Situationen, Cliffhanger und sogar die eine oder andere Verfolgungsjagd zu erzeugen, ohne dass er eines dieser Stilmittel überstrapaziert, allerdings kann er auch nicht vermeiden, dass die inneren Monologe des Titelhelden die Spannung wieder ausbremsen und manchmal etwas langatmig sind.
Meine größten Schwierigkeiten hatte ich aber mit Hennig Juul selbst, der so von Unglück und Traurigkeit überschüttet, in seinem Leid baden muss, dass der Autor es mir schwer gemacht hat, etwas anderes außer Mitleid und Verständnis für Juul zu empfinden und ihn um seiner selbst willen zu mögen, obwohl natürlich an mehreren Stellen sein nobler Charakter offensichtlich wird, er überlässt zum Beispiel die Lorbeeren für seine Recherchen seinem Partner.
Am Ende bleiben einige Fragen offen, die genug Stoff für die weiteren Romane liefern und auch Henning Juul hat in seiner Trauerarbeit eine entscheidende Stufe genommen, so dass die Serie einiges an Potential zu bieten hat, das in dem Auftaktroman noch nicht völlig ausgeschöpft wurde, der trotzdem ein spannender und intelligenter Krimi geworden ist.