Horsts Konzept ist faszinierend. Wie schon in den beiden vorherigen Büchern - das dritte habe ich noch nicht gelesen - setzt er sein Konzept fort, den Leser durch die gewählte Perspektive radikal in den Kopf, das Bewußtsein der Hauptperson zu ziehen. Man ist Kirchenberg, hört mit ihm, geht mit ihm, sieht mit ihm und ermittelt mit ihm, und das gibt der Lektüre dieser Bücher eine Intensität, die ich bei keinem anderen Autor finde. Dabei folgt er in der Sprache den jeweiligen Stimmungen der Szenen, und das ist mal anrührend, mal hektisch, mal lustig und mal zynisch, aber immer passend, immer spannend und äußerst kreativ. Es gibt z. B ein Kapitel, das nur aus Fragen besteht, das aber unendlich viel über den Protagonisten aussagt. Dann Kirchenbergs wunderbare kleine Gedankenschübe, in denen er über das ständige Stehen vor Türen oder über die rollenabhängige Erotik von Schauspielerinnen nachdenkt, und selten habe ich eine schönere Definition von Jugend gelesen als auf Seite 120. Horst stellt mit dieser Art zu schreiben keinen geringen Anspruch an den Leser, sicherlich, wer sich aber drauf einlassen kann, hat ein unvergleichliches Leseerlebnis.
Es geht in diesem Buch, das mir als das bisher ernsteste des Autors erscheint, um drei parallele Fälle, Leichen natürlich. Der Hauptfall - in einem Keller werden die Knochen abgeschnittener Hände gefunden - wird dabei von den beiden Routinefällen sehr geschickt umrahmt. Dieses Mal ermittelt Kirchenberg nicht im großen Team, sondern meistens im Zweiergespann, wobei sein Teampartner der wunderbare Antiheld des Romans ist, am Ende aber noch - auch das ist famos gemacht - mit einer Überraschung aufwartet. Auch die restlichen Figuren des Romans sind sensibel, empathisch und sehr fein gezeichnet. Die Dialoge sind wie immer perfekt, und das Gespräch am Ende des Buches, das - ohne zuviel zu verraten - den Hauptfall zu Ende bringt, ist einfach ganz große Klasse.
Und das Ganze ist ohne jeden Zweifel ein Krimi. Mit Kirchenberg diesen Weg durch die teilweise haarkleinen Ermittlungen zu gehen, Menschen gegenüber zu stehen, kleine Erfolge zu haben, sich zu irren, aufs Maul zu kriegen und am Ende doch noch überrascht werden, das ist unglaublich spannend.