Immer noch sehe ich ihn vor mir, den Ort, der im Leben von Francis Mackey eine so große Rolle spielt: Faithful Place - ärmlich und heruntergekommen, eine Wohngegend, deren Name eher für Hoffnungslosigkeit steht, als für Treue oder Vertrauen. Francis, der schon früh diesem Ort, an dem er aufgewachsen ist, den Rücken gekehrt hat, wird von der Vergangenheit eingeholt und muss sich dem stellen, wovor er damals geflüchtet ist - seinen schwierigen Familienverhältnissen und dem Hass der Nachbarsfamilie, der heute noch genauso brennt, wie damals als er ging. Die Nacht seiner Flucht aus der Familie ist es, die ihn zurückführt, denn Rosie, seine Freundin, die gemeinsam mit ihm ein neues Leben beginnen wollte, erschien nicht zum verabredeten Zeitpunkt. Jahre schien es, als habe sie es sich im letzten Moment anders überlegt und sei ohne ihn gegangen, doch als in einem verlassenen Haus in der Straße eine Leiche gefunden wird, ändert sich für Francis das ganze Leben...
Tana French hat nun nach Grabesgrün und Totengleich ihr drittes Buch geschrieben und wieder ist es nicht für Fans blutiger Thriller und reißerischer Brutalitäten geeignet.
Die Bücher der Autorin leben von den unglaublich realistischen Stimmungen, deren Erzeugung ihr absolut meisterhaft gelingen. Sie arbeitet ihre Protagonisten mit einer so großen Liebe fürs Detail aus, dass man meint, sie existierten wirklich. Die Sprache ist es, die mich bei ihr immer wieder so gefangen nimmt. Sie schafft Stimmungen und Bilder, die man nicht verlassen möchte, die bei jeder Lesepause (und die muss man leider bei diesem dicken Werk ab und zu einlegen) nachwirken. In "Sterbenskalt", der Originaltitel "Faithful Place" würde meiner Meinung nach besser passen, spürt man förmlich über allem was der männliche Ich-Erzähler über seine Vergangenheit erzählt, Traurigkeit und Verbitterung, jedoch auch immer einen Hauch Wehmut. Diese Wehmut ist es, die seine Liebe zur Familie und zum Faithful Place verrät, obwohl er sich das nicht eingestehen mag und oft hasserfüllt von und mit ihr spricht. Es sind Ahnungen, die auf den Leser überspringen, Ahnungen von tiefen Verletzungen, von Schmerzen und Trostlosigkeit und sie sind nicht greifbar, nicht in Worte gefasst, gelingen der Autorin nur durch ihren präzisen Stil.
Die Handlung selbst rückt in den Hintergrund. Sie ist hier nicht so gewichtig und spannend wie in den Vorgängern. Es sind einzig die Menschen, der Ort und die unterschiedlichen Beziehungen, die einen beim Lesen nicht mehr loslassen und die durch ihre Intensität noch lange nachklingen. Wer sich nicht auf solche Stimmungsbilder einlassen mag, für den könnte das Buch etwas langatmig sein, doch ich habe jede Sekunde und jede Seite genossen.
Für mich eine absolutes Highlight in meinem Lesewinter - ein Buch mit dem man sich einschneien lassen kann.