Vermutlich erscheint diese als eine der letzten Vine-Rezensionen.
Aber mir war es wichtig, dass neben mir auch meine Lebensgefährtin, eine seit vielen Jahren auf den Bereich der Onkologie spezialisierte Krankenschwester, die u. a. über Zusatzausbildungen in den Bereichen Chemotherapie, Palliativmedizin, Angehörigenbetreuung und Sterbebegleitung verfügt, dieses Buch liest und sodann zusammen mit mir diese Rezension erstellt.
Judith End ist eine lebensbejahende positiv eingestellte 25jährige Studentin, die, obwohl allein erziehend, ihr Leben vollkommen im Griff hat.
Doch dann tritt, für sie vollkommen unerwartet, die Diagnose ,Krebs' in ihr Leben.
Frau End beschreibt im vorliegenden Werk in Tagebuchform, wie sie diese Diagnose erlebte und ihr Umfeld darauf reagierte. Und sie beschreibt was folgte: Weitere Diagnosen, Therapien, Operationen und schließlich die schwierige Rückkehr in ein Leben, welches sie in dieser anderen neuen Form erst akzeptieren musste, bzw. muss. Textinhaltlich schont sie weder sich, noch andere vorkommende Personen.
So ist dieses Buch vom Schreibstil her sicherlich einfach, vom Inhalt her aber ungemein schwer zu lesen. Denn unweigerlich kochen beim Leser Emotionen hoch: Tränen steigen auf, wenn sie in bestimmten Situationen absolut passende Bildhafte Vergleiche zieht, mal Selbstironisch, mal Grob, mal nahezu Emotionslos schildert, welchen Weg sie bewältigte. Doch manchmal kann man nicht anders als Lachen, wenn Frau End die eine oder andere kindliche Reaktion von Paula, ihrer 4-jährigen Tochter, beschreibt.
Doch auch und gerade deren ebenso schwieriges Schicksal, muss sie doch bereits in zartem Alter für sich selbst mit den durch die Krankheit der Mutter verbundenen Änderungen in ihrem eigenen jungen Leben klar kommen, ist nicht weniger bedeutsam und eindringlich beschrieben, als das der Autorin selbst.
Das diese ihre liebevoll ,Apachin' genannte Tochter liebt, wie sehr ihr die pure Präsenz Paulas trotz aller aus ihr resultierender Zusatzbelastung Kraft und Auftrieb gibt, zeigt schon der gewählte Buchtitel.
Doch Frau End hatte insgesamt mit Ihrem Umfeld sehr viel Glück:
Da sind die Eltern, die sich natürlich Sorgen machen, diese aber unter Kontrolle haben, einfach für die Tochter da sind, unaufdringlich, und gerade deshalb ungemein hilfreich und effektiv.
Da ist die Schwester, zwar selbst im Studium, aber bei ihr wohnend, immer hilfsbereit, jedoch klug, bzw. empathisch genug, dabei kein falsches Rollenverständnis zu entwickeln, sondern gleichzeitig ihr eigenes Leben nicht zu vernachlässigen.
Mehrere echte Freunde, also jene, die nicht zurückweichen, sondern begleiten.
Und letztlich ein Mann, der ihr zeigt, dass es wirklich liebenden Menschen immer um die Person und nicht um den Körper geht. Wer dieser Mann ist und welche Rolle er im Leben der Autorin spielt wird nicht verraten. Denn ein wenig Überraschung sollte beim Lesen schon noch möglich sein.
Hinsichtlich des durch Frau End beschriebenen (Kranken)Weges sei noch angemerkt, dass meine Partnerin bei der Lektüre der Schilderungen mehrfach den Eindruck gewann: "Diese Frau kenne ich, diese Frau war eine meiner Patientinnen". Dies ist natürlich nicht so, zeigt aber, wie absolut realistisch, authentisch und ehrlich die vorliegende Schilderung ist.
Beginnend über die leider öfter vorkommende Fehldiagnose, über das Verhalten des medizinischen Personals bis hin zu den körperlichen Folgen der Operationen wird sehr stimmig beschrieben, was einen Krebspatienten erwarten kann.
Auch die geschilderten emotionalen und seelischen Reaktionen werden in dieser Form von den allermeisten Patienten so durchlebt.
Unterschiede in der Reaktion auf diese Befindlichkeiten bestehen zumeist lediglich darin, ob sich ein Patient dann dauerhaft in seinen Ängsten verliert, sein Glas also immer Halbleer ist, oder er, bzw. sie es schafft, sich auch in dieser negativen Situation nach einer angemessenen Zeit auf seine physischen und psychischen Stärken zu besinnen, das Glas also als Halbvoll anzusehen.
Für den Genesungsweg, aber auch die eigene Lebensqualität ist es sicherlich von Vorteil, sich nicht beharrlich in jedem Loch auszuruhen, in das man gerade fällt.
Fazit:
Dieses hervorragende Buch ist uneingeschränkt eigentlich jedem noch Empathie empfindenden Leser zu empfehlen.
Absolute Zielgruppe sind für uns aber Angehörige und Freunde von Erkrankten. Denn mit Hilfe dieses Buches werden sie viel Besser verstehen können, aus welchen Beweggründen sich ihr(e) Mann, Frau, Sohn, Tochter, Vater, Mutter, Freund oder Freundin zeitweise zurückzieht, Hilfe ablehnt, schlicht - sich einfach verändert. Ferner werden sie erfahren was sich hinter den Türen der Arztpraxen abspielt, welche Stärke der geliebte Mensch dort aufbringen muss.
Anderen Patienten jedoch kann ,Sterben kommt nicht in Frage, Mama' je nach individueller Lebenseinstellung entweder unbedingt oder keinesfalls empfohlen werden.
Wer bislang das Leben in all seinen Facetten genoss, Probleme als Herausforderungen verstehen konnte, neugierig, wissbegierig und positiv durchs Leben ging, dem wird dieses Buch sicher dabei helfen sich auf kommendes Unbill innerlich vorzubereiten, seine mentale Stärke in den richtigen Momenten abrufen zu können.
Bei wem aber dieses Buch zu dem nicht mehr zu löschenden, alles beherrschenden Gedankengang "Oh Gott, das steht mir alles noch bevor" führen könnte, der sollte es lieber nicht zur Hand nehmen, sondern eher darauf hoffen, dass ihm Schwestern und Ärzte in den entscheidenden Momenten stützend zur Seite stehen werden.
Weiterhin zu empfehlen ist es für die Angehörigen aller Berufsgruppen, die viel mit Kindern zu tun haben. Denn auch sie sind mit den Veränderungen, die eine Erkrankung der Eltern nun mal leider auch für Kinder und im Verhalten der Kinder mit sich bringt, konfrontiert.
Frau End wünschen wir in Hinblick auf die auf Seite 266 beschriebenen Gefühle aus ganzem Herzen, dass sie eines Tages Diagnose und Therapie ,Krebs' als zwar schmerzlichen, aber endgültig abgeschlossenen Lebensabschnitt abhaken kann.