(Vorsicht, Spoiler!)
Vier Freunde wollen das Wochenende damit verbringen, in zwei Kanus den Cahulawassee River herunterzufahren, bevor dieser Fluß und die von ihm durchquerte Wildnis durch ein großangelegtes Stauseeprojekt zur Stromversorgung Atlantas in einen "toten See" verwandelt wird. Diese vier Freunde können unterschiedlicher nicht sein. Ihr Wortführer Lewis (Burt Reynolds) ist ein Draufgänger, der nicht an Versicherungen glaubt und nach eigenem Bekunden auch mit der Zivilisation nicht allzu viel anfangen kann, während sein Freund Ed (Jon Voight) zwar durchaus den ein oder anderen Angelausflug macht, sich aber in der Wildnis, in der sie sich nun befinden, sichtlich unwohl fühlt. Auch der eher intellektuelle Drew (Ronny Cox), der mit seiner Gitarre im Gepäck reist, scheint den Gedanken, ganz allein durch die Wildnis zu paddeln, nicht sonderlich zu goutieren, während Bobby (Ned Beatty) ein dicklicher Aufschneider ist, der allenfalls die Bequemlichkeiten der Zivilisation vermißt.
Zunächst verbringen die vier Männer einen recht angenehmen Tag in ihren Booten, messen sich mit den Stromschnellen und genießen des Abends Ruhe und Lagerfeuerromantik. Am nächsten Tag dann begegnen Ed und Bobby zwei Hinterwäldlern, die die Situation der City Slickers ausnutzen, Ed an einem Baum fesseln und Bobby vergewaltigen. Bevor nun auch Ed an die Reihe kommen kann, wird einer der beiden Hinterwälder (Bill McKinney) von Lewis mit einem Pfeil niedergestreckt, doch der andere Angreifer kann fliehen. Nachdem die vier Männer nach einer langen Debatte, was nun zu tun sei, die Leiche vergraben haben, machen sie sich mit ihren Booten daran, ihre Reise fortzusetzen - doch der überlebende Hinterwäldler wird alles daran setzen zu verhindern, daß auch nur einer der vier Männer lebendig in der Zivilisation ankommt.
John Boormans Film "Deliverance" (1972) wurde im Jahre 2008 in die U.S. Film Registry aufgenommen - in die Gesellschaft solch exzellenter Klassiker wie "The Searchers", "12 Angry Men" oder "Taxi Driver" -, und man mag sich zunächst fragen, warum einem Billigprojekt wie diesem Film, auch wenn er ziemlich spannend ist und von Kameramann Vilmos Zsigmond gekonnt photographiert wurde, eine derart große Ehre zuteil geworden ist.
Ich denke, daß dies damit zusammenhängt, daß "Deliverance" nur auf den ersten Blick eine verstörende Abenteuergeschichte erzählt, auf den zweiten Blick aber ein ziemlich pessimistisches Licht auf die Position des Menschen in der Natur wirft und dabei auch dazu anregt, über die Kosten und die Dauerhaftigkeit unseres zivilisierten Daseins nachzudenken.
Das wird schon am Anfang des Filmes deutlich, wenn wir in einem Voice-Over die Unterhaltung der vier Männer hören - die sie so eigentlich gar nicht führen können, sind sie doch auf zwei Autos verteilt. Während Lewis seinem Ärger darüber Luft macht, daß man einen Fluß vergewaltige, nur um in Atlanta Strom für ein paar Klimaanlagen zu schaffen und die anderen Männer mehr oder eher weniger geistreiche Kommentare zu diesen Äußerungen abgeben, sehen wir riesigen Baggern dabei zu, wie sie den Erdboden aufreißen, um Platz für den Stausee zu schaffen. Einige Minuten später weilt die Kamera dann bei unseren vier Protagonisten, die mittlerweile in einer kleinen Niederlassung mitten im Wald angekommen sind. Hier macht sich Bobby ungeniert über die Einheimischen lustig, die er als Produkte jahrelangen Inzests verhöhnt - womit er, rein sachlich, allerdings Recht hat.* Anders als Bobby sieht Drew in den Hinterwäldlern keine Kretins, und er beginnt, mit einem jugendlichen Banjospieler um die Wette zu jammen - das Ergebnis ist als "Dueling Banjos" nicht nur soundtrackbeherrschend, sondern auch in die Musikgeschichte eingegangen.
Im Laufe des ersten Tages wird vieles über die vier Männer klar. So treten an Lewis' Naturverbundenheit durchaus unsympathische Züge in den Vordergrund - Drew meint denn auch, Lewis habe sich sein Wissen über die Natur nur angelernt, ohne, zu seinem Leidwesen, sie wirklich verstehen zu können -, die deutlich machen, daß Lewis durchaus ein gefährlicher Mann sein kann. Als Bobby, dem man kurz zuvor noch hatte sagen müssen, daß man natürlich flußabwärts fahren würde, nach den ersten erfolgreich überwundenen Stromschnellen gedankenlos und lautstark triumphiert "We beat this river, didn't we?", bekommt er von Lewis ein vielsagendes "You don't beat this river" zu hören. Es geht also auch bei dieser Flußfahrt um den ewigen Kampf zwischen Mensch und Natur. So ist es denn auch eine Art perverser dramatischer Gerechtigkeit, daß ausgerechnet Bobby von den zwei zwielichtigen Jägern gedemütigt und gezwungen wird, wie ein Schwein zu quieken, bevor sie ihn dann schließlich vergewaltigen - eine Mißhandlung, die von der Kamera mit quälender Nüchternheit eingefangen wird. Die Natur, der Fluß - laut Lewis' Worten von den Menschen auf rücksichtslose Weise zur Steigerung ihres Wohllebens vergewaltigt - schlägt zurück, indem sie in Form zweier unheilvoller Waldgeister das gleiche Verbrechen an demjenigen der vier Männer begeht, der bislang am wenigsten Respekt für sie gezeigt hat.
In dieser Krisensituation erweist sich nun die Gefährlichkeit Lewis', der dafür plädiert, den Getöteten zur Vermeidung von Unannehmlichkeiten irgendwo im Wald zu verscharren. Während Drew die Stimme der besseren Seiten der Zivilisation verkörpert, indem er an das Gewissen seiner Freunde appelliert sowie sich auf das Gesetz beruft, gibt ihm Lewis - quasi eine Art Wochenend-Kurtz à la Joseph Conrad - zu verstehen, daß es draußen in der Wildnis kein Gesetz gebe und gewinnt in einer pervertiert demokratischen Wahl die Zustimmung der zwei anderen Männer. Nicht zufällig ruht die Kamera während dieser ganzen Abstimmung auf der Leiche des Hinterwäldler, die in erniedrigender Pose auf einem kranken Baum liegt - so als wollte uns der Film zeigen, wie schmutzig letzten Endes die Existenz auf sich selbst zurückgeworfener Individuen im rechtsfreien Raum ist, und daß dem keineswegs die Abenteuerlichkeit und der machohafte Heroismus anhaftet, die aus Lewis' Worten spricht. Ist es etwa diese Art von verzweifelter Grausamkeit, die Lewis vorschwebte, als er - vor Antritt der Reise - sagte "Sometimes you have to lose yourself before you can find anything"?
Die Stimme der Vernunft, Drew, verstummt dann kurz darauf für immer - und es ist bezeichnenderweise unklar, ob Drew, nach dem Verscharren der Leiche ein gebrochener Mann, freiwillig aus dem Boot gesprungen oder durch eine Kugel des zweiten Hinterwäldlers getroffen worden ist. Als die drei Männer später seine Leiche finden, scheint sie dies auch gar nicht mehr zu interessieren, denn sie beschweren den Körper mit Steinen und versenken ihn im Wasser. Eingekesselt in einer Falle und durch Lewis' Verwundung zum Handeln gedrängt, ist es nun an Ed zu entscheiden, ob er seine Verbundenheit mit Zivilisation und Moral über Bord werfen will, um sein nacktes Überleben und das seiner Gefährten zu sichern.
Die Szene, in der Ed einen steilen Hang hinaufklettert, um den oben auf sie lauernden Gegner mit Pfeil und Bogen zu töten, ist von manchen Zuschauern des Films als unrealistisch kritisiert worden. Die Frage, ob ein solcher Kletterakt realistisch ist oder nicht, ist meines Erachtens indes völlig belanglos, denn sie trifft nicht den Punkt, ist das Erklimmen der Steilwand doch rein symbolisch zu verstehen. Wir haben vorher gesehen, daß Ed, obgleich ein hervorragender Bogenschütze, nicht die Nerven hat, auf ein Reh zu schießen, trägt er doch noch zu viele zivilisationsbedingte Hemmungen in sich - was ihn, nebenbei bemerkt, menschlich und sympathisch macht. Nun aber muß er alle Vorstellungen von Recht und Moral, alle Beißhemmungen abwerfen und einen Menschen töten, wenn er überleben will, und die Steilwand veranschaulicht dieses innere Hindernis äußerlich. Das Klettern, das Eins-Werden mit der Natur - nicht etwa im Sinne des Sonntagswanderers -, ist ein anstrengender Prozeß, aber der Fels labt Ed auch mit einem Quellbach und belohnt ihn, kaum ist er oben angekommen, mit einer schönen Aussicht (er sagt tatsächlich "Christ, what a view!" und zeigt, daß er nun Teil dieser grausamen Natur ist). Nicht zufällig entgleitet ihm zu diesem Zeitpunkt auch seine Brieftasche mit den Photos seiner Familie, die er sich sehnsuchtsvoll angesehen hat, und fällt, unwiderruflich verloren, in den Fluß. Zwar kann er auch im Angesicht der Not nicht kalter Hand einen Menschen töten, aber der Zufall hilft ihm gnädigerweise.
Die Natur - hier nicht im idealisierten Sinne derer, die in ihren Ökohäusern wohnen und sich als Teil des gehegten Waldes fühlen, zu verstehen, sondern als die menschenfeindliche, grausame Macht, die sie den ersten Menschen gewesen sein muß - hat auf ganzer Linie gesiegt. Von den vier Männern ist einer - der anständigste ("He was the best of us. Amen", sagt Ed beim Verschwindenlassen der Leiche) - tot, ein anderer ist grausam gedemütigt und mißbraucht worden, Lewis wird wahrscheinlich sein Bein verlieren und somit seinem Ideal des unerschrockenen Naturmenschen nie wieder nacheifern können.
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