Über den Autor:
Marco Seliger ist sicherlich einer der wenigen Journalisten, die einen recht wirklichkeitsnahmen Eindruck davon haben, was das Soldatenleben - auch im Einsatz - ausmacht. Als Chefredakteur der Zeitschrift "Loyal" und freier Autor diverser Artikel zum Thema Afghanistan in den "großen deutschen Presseorganen" hat er sich bereits viele Jahre lang mit dem Thema beschäftigt.
Meine Erwartungen:
Geprägt durch meine Kenntnis über den Autor und auch die ein oder andere Rezension aus der deutschen Blogger-Szene habe ich vorab sehr hohe Erwartungen an das Buch gestellt. Zum einen ging ich davon aus, realistische Darstellungen des ISAF-Einsatzes Deutschlands dargestellt zu bekommen, aber vor allem habe ich mir investigative, und die ein oder andere skandalöse Enthüllung versprochen.
Über den Inhalt:
Das Buch ist im Stile eines Tagebuches verfasst (Was sich rückblickend auch aus dem Untertitel "Aufzeichnungen über einen verdrängten Krieg" ableiten lässt).
Beginnend mit einer kurzen Einleitung über die Geschichte Afghanistans ( 1830 - heute), die ich vor allem aufgrund ihrer Knappheit(9 Seiten) gut fand, dokumentiert Seliger in 19 weiteren Kapiteln wesentliche Ereignisse des ISAF-Einsatzes.
Inhaltlich wird dabei regelmäßig innerhalb eine Kapitels teilweise auch innerhalb eines Absatzes die politische Perspektive (vor allem NATO, USA und Deutschland) als auch einzelne Situationen in Afghanistan an sich beschrieben. Die 10 Jahre des bisherigen Einsatzes sind dabei recht gleichmäßig über die einzelnen Kapitel verteilt.
Die Inhalte des Buches spiegeln die aktuellen Erkenntnisse der Geschichtsschreibung/ Geschichtsdokumentation wieder und gehen bis zur Ermordung des ehemaligen Afghanischen Präsidenten in August 2011. Alle für die deutschen wesentlichen Ereignisse - vor allem die, bei denen deutsche Soldaten durch Gefechtshandlungen oder Anschläge gefallen sind - werden mindestens erwähnt.
Leider ist es durch vielfachen Perspektiven-Wechsel nicht immer leicht 100% zu folgen. Vor allem aber ist zu kritisieren, dass bei den meisten Stellen nicht erkennbar ist, aus welchen Quellen Seliger seine Informationen bezieht. Aus dem Kontext und als regelmäßiger Leser seiner anderen Beiträge kann man wohl erahnen, dass viele Informationen aus Interviews und Reportagen während seiner Afghanistan-Reisen wiederverwertet wurden. Jedoch hatte ich zu oft den Eindruck, dass bloße unbewiesene Behauptungen aufgestellt werden.
Als besondere "Unzulänglichkeit" empfinde ich jedoch, dass nur an zwei Stellen im Buch kenntlich gemacht ist, wo der Autor Klarnamen verwendet und wo er zum Schutze der Soldaten verfälschte Namen nutzt. Er erwähnt die Tatsache, dass er Namen verfälscht wohl in seinen abschließenden Danksagungen, jedoch hätte ich hier das kleine wohlbekannte Sternchen hinter dem "Decknamen" für deutlich besser gehalten.
Abgerundet wird meine negative Kritik durch kleinere Ungenauigkeiten in einigen Aussagen (so liegt Pol-E-Khomri nicht 150km südwestlich von Mazar-E-Sharif, wie vom Autor behauptet, sondern südöstlich) bis hin zu inkorrekten oder nicht vollständigen Darstellungen einzelner Ereignisse. Da dies aber nur dem auffallen wird, der auch dabei war, besteht hier große Gefahr, dass Andere einen falschen Eindruck bekommen.
Fazit:
Wer das Buch kauft, um sich einen kritischen Eindruck vom Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan in Verbindung mit den dahinterliegenden politischen Verquickungen zu machen, ist mit dem Buch sicherlich gut bedient.
Vor allem Über Sinn und Unsinn politischer Absichten und über einen potenziellen Erfolg dieser Mission kann man nach der Lektüre sicherlich vielfältiger diskutieren. Schwierig dabei ist jedoch die unklare Trennung von Realität, Bahauptung und bloßer Vermutung. Das Buch hat leider auch nicht den großen Enthüllungscharakter wie z.Bsp. "Ruhet in Frieden, Soldaten!" von Reichelt und Meyer. Dahingehend hatte ich mir etwas zu viel versprochen. Es ist allerdings weit weniger emotional gefärbt als "Ein schöner Tag zum Sterben" von Heike Groos.
Als recht umfassende Zusammenfassung des deutschen Einsatzkontingentes ist es jedoch sehr gut geeignet. Wer kritisch mit dem gebotenen Stoff umzugehen weiß, wird es sicherlich nicht bereuen, dieses Buch gelesen zu haben.
Ich habe es jedenfalls dahingehend nicht getan.
In jedemfalle dient auch dieses Buch dazu die öffentliche Diskussion über unsere Streitkräfte anzufachen.