Eigentlich ist mit dem Sterben ja alles zu Ende. Dieses Buch dagegen fängt mit dem Tod an. Und danach geht es so richtig los mit der Lebensgeschichte, die der Autor hier im ersten von sechs Bänden erzählt.
Die Art, in der er das tut, ist einfach überwältigend gut. Ehrlich und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erzählt er sogar peinliche Situationen aus seiner Pubertät, Dinge, die man normalerweise schön für sich behält.
Dabei gehen seine Schilderungen weit über das hinaus, was man sonst in Autobiographien oder in autobiographisch angehauchten Romanen zu lesen bekommt. Denn Knausgård hat eine ganz spezielle Art, eine Situation bis in die kleinsten Einzelheiten zu schildern. Bei seiner Lesung in Berlin hat er gesagt, dass er auch auf drei Seiten einen Tisch beschreiben könne, und das glaube ich ihm nicht nur, ich weiß auch, ich würde das mit der gleichen Begeisterung lesen wie alles in diesem Buch.
Allein schon der Anfang: Das Buch beginnt mit einer sachlichen Beschreibung der Vorgänge, die nach dem Tod eines Menschen in dessen Körper ablaufen, um dann sofort in eine Kindheitsszene zwischen Karl und seinen Vater überzugehen. Und dieser Übergang ist zwar ungewöhnlich, aber so fließend und selbstverständlich geschrieben, dass keine Zäsur entsteht.
Mit der Anfangsszene ist das Hauptthema des Buches klar. Und auch die Art des Verhältnisses zum Vater wird sofort deutlich. Der Vater ist distanziert und bedrohlich, immer präsent, auch wenn er gerade nicht anwesend ist. Alles dreht sich um ihn und seine Anforderungen. Alles ist streng reglementiert. Eine schöne Kindheit ist das nicht gerade. Ein schönes Sterben auch nicht, wie man später sieht, denn der Vater säuft sich zu Tode.
Schon auf den ersten Seiten glänzen der Scharfsinn und die genaue Beobachtungsgabe des Autors. Mir war es beispielsweise noch nie aufgefallen, dass mit dem Tod nie in der Höhe, sondern immer im Erdgeschoss oder im Keller umgegangen wird. Eine Leichenhalle im obersten Stockwerk ist nicht denkbar. 'Als verfügten wir über eine Art chtonischen Instinkt, irgendetwas tief in uns, das unsere Toten zu jener Erde hinabführen muss, aus der wir gekommen sind.' (S. 11).
Hinreißend komisch sind die pubertären Erlebnisse des Autors. Die Schrecken der ersten Erektion, der Versuch, eine Party mit Alkohol auszustatten, misslingende Sylvesterfeiern und die Schwierigkeiten mit dem anderen Geschlecht wurden schon oft beschrieben, aber nicht so lesenswert wie hier. Nicht so detailliert, nicht so ehrlich, nicht so hervorragend formuliert.
Das Spannungsfeld zwischen der individuellen Einmaligkeit und des kollektiven Erlebens ein und desselben Ereignisses ist mir nie so deutlich geworden wie in zwei Szenen dieses Buches, nämlich bei einem Besuch beim Bestatter und im Kreißsaal bei der Geburt der ersten Tochter.
Beim Bestatter trifft die selbst erlebte Trauer auf die Kleenex-Tücher, die auf dem Schreibtisch des Bestatters stehen, weil ein Trauernder nach dem anderen in dieses Büro kommt. Im Kreißsaal, wo das eigene Kind zur Welt kommt, ein Moment, der so intensiv ist, wie kein anderer im Leben, ist noch zu merken, dass kurz vorher weitere Schwangere hier ihr Kind zur Welt gebracht haben.
Für den Einzelnen einmalige Momente werden gleichzeitig tausendfach auf der Welt erlebt. Wir sind alle miteinander verbunden, auch wenn wir nichts voneinander wissen.
So ging es mir auch bei der Lektüre. Ich hatte das Gefühl, ich lese etwas über einen alten Freund. Es gibt so viele Gemeinsamkeiten, so viel ähnliches Fühlen und Denken, ich finde so viele Parallelen zu meinem eigenen Leben. Zum Beispiel ist die Erinnerung an die Schulzeit bei mir ähnlich. 'Ich war von Hunderten Jungen und Mädchen in meinem Alter umgeben, fand aber keinen Zugang zu dem Zusammenhang, der für sie galt.' (S. 76).
Und auch, wenn es darum geht, Zeit für sich selbst zu haben, spricht Knausgård mir aus der Seele. 'Es war mir schon immer sehr wichtig, für mich zu sein, ich benötige große Flächen des Alleinseins, und wenn ich diese wie in den letzten 5 Jahren nicht bekomme, nimmt meine Frustration zuweilen beinahe panische oder aggressive Formen an. (') Dass mir die Zeit davonläuft, wie Sand zwischen meinen Fingern zerrinnt, während ich' tja, was mache ich eigentlich? Putzen, Waschen, Essen kochen, spülen, einkaufen ('). Es ist ein Kampf (').' (S. 45f.) Ja, genau! Genauso geht es mir mit dem lästigen Alltagskram, der einen vom Schreiben abhält, auch.
Trotzdem tut Karl Ove Knausgård sich die Putzerei über Tage hinweg ununterbrochen an, in einem schon fast herkulischen Umfang. Denn als der Vater stirbt, zeigt sich im Haus der Großmutter, in dem er zuletzt gelebt, besser gesagt vegetiert hat, das ganze Ausmaß der Verwahrlosung des Vaters. Karl Ove Knausgård beseitigt schon fast manisch die Hinterlassenschaften seines Vaters und damit auch die Angst vor dem Vater, die sein Leben bisher beherrscht hat. In aller Ausführlichkeit beschreibt Knausgård die nicht besonders appetitlichen Aufräum- und Putzarbeiten und spart auch nicht den verwahrlosten Zustand seiner Großmutter aus. Das ist detailreich, aber nicht langweilig beschrieben, und ein Paradebeispiel für den außergewöhnlichen Schreibstil des Autors.
Karl Ove Knausgård schreibt über das, was viele von uns denken oder erlebt haben, und kommt uns deshalb so nahe, als wäre er ein enger Vertrauter.
Denselben Eindruck hatte ich, als ich mich nach seiner Lesung in den Nordischen Botschaften in Berlin kurz mit dem Autor unterhalten konnte. Ich habe selten einen so faszinierenden und intensiven Menschen kennen gelernt.
Auf meine Frage, ob seine Frau nicht sauer war, weil er so ehrlich geschrieben hat, wie sehr ihn die Alltagsverrichtungen stören, antwortete Karl Ove Knausgård, dass seine Frau sich nicht so sehr daran gestört habe, sondern viel mehr am zweiten Band, in dem er über ihre Beziehung schreibt. Genauso ehrlich wie im zweiten Band, zwar nicht bis in die allerletzten Einzelheiten, aber sehr weitgehend. Ich bin gespannt. Leider kommt der nächste Band, 'Lieben', erst im Frühjahr 2012 heraus.
'Sterben' ist eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und ganz große Literatur. Dieses Buch gehört meiner Meinung nach an die Spitze der Bestsellerliste.
Bleibt zu hoffen, dass der Luchterhand-Verlag den langen Atem hat, alle sechs Bände herauszubringen. Wenn nicht, werde ich wohl Norwegisch lernen müssen.