Der deutsche Historiker und Publizist Johannes Wilms hat mit "Stendhal" eine vierte großartige Biographie vorgelegt. Bekannt wurde er 2005 durch seine viel gelobte "Napoleon" Biographie.
Stendhal wurde als ältestes von drei Kindern in Grenoble geboren, hieß eigentlich Marie-Henri Beyle. Warum er sich einen anderen Namen zugelegt hat ist nicht bekannt. Er hatte Probleme mit seiner Herkunft, mochte sich selbst nicht, hat deswegen unter dem Pseudonym, das sich nach allgemeiner Auffassung von Stendal, einem Städtchen in der Altmarkt, das er als Kaiserlicher Kriegskommissar im Dienste Napoleon Bonapartes besucht hat, herleitet, eine neue Wahlheimat gesucht.
Es gibt von Goethe den berühmten Ausspruch "Wer mich nicht liebt, der kann mich nicht beurteilen". Lieben konnte man diesen Stendhal eigentlich erst in den letzten 15 Jahren seines Lebens, als er mit dem ernsthaften Schreiben angefangen hat. Bis dahin lebte er ein Leben das ihm sicher keine Biografie eingetragen hätte. Johannes Willms hatte sicher eine gewisse Affinität zu diesem Stendahl, sonst hätte er diese wunderbare Biographie nicht schreiben können.
"Stendhal" ist keine Werkbiografie, viel eher eine akribische Biografie über seine Kindheit und die Zeit in der er in die Liebe mehr als in die Frauen verliebt war. Er wollte an der Liebe leiden, den Sturm der Gefühle erleben, so war ständig auf der Jagd nach dem Glück. Wenn er das Glück dann erreicht hatte war es auch schon wieder weg. Er war überzeugt, dass Illusionen immer Desillusionen folgen würden, darum resümierte er, "das Glück kann man nicht beschreiben, weil man es sonst zerredet". Diese These wird auch noch durch einen literatursoziologischen Grund untermauert. Stendhal hat nicht für die geschrieben, die in den damalig bekannten Romanen das Glück suchten das sie im eigenen Leben nicht fanden. Er hat für die wenigen geschrieben die so dachten wir er.
Stendhal war Soldat, Diplomat, Salonlöwe, Liebhaber der Frauen und der Künste und er war ein großer Zyniker. Er war ein ganz großer Liebender, obwohl er von der Liebe wenig verstand. Wen wundert es da das sein Buch "De l'Amour" sein schlechtestes war. "Stendhal" ist über weite Strecken auch eine erotische Biografie und deshalb kommt sie auch über weite Strecken sehr süffig und amüsant daher.
Der Autor behandelt Stendhal mit einer gewissen Ironie und er betont auch sehr ausführlich all die vielen unangenehmen Seiten die dieser hatte. Erst als nach 220 sein erster Roman "Armance" in den Fokus rückt, Stendhal zu sich selbst findet und ein großartiger Schriftsteller wird, da gibt es von Johannes Willms keine Kritik mehr. Vielleicht bleiben da doch leider zu wenige Seiten für so großartige Werke wie "Le Rouge et le Noir" oder "La Chartreuse de Parme". Wie Victor Hugo litt auch Stendhal unter dem Krankheitsbild Graphomanie, denn er hat eigentlich Zeit seines Lebens geschrieben - Briefe, Reiseberichte, Tagebücher und seine großen Werken.
Johannes Willma hat sich verständlicherweise auch der autobiografischen Quellen bedient, denn Stendhal hatte einen großen Drang zur Analyse und Selbstanalyse. Er war ein schüchterner Mensch, hatte eine große schwärmerische Einbildungskraft und war in einer oft schockierenden Offenheit ehrlich gegen sich selbst, besonders wenn er seine unglücklichen Lebensphasen fokussierte. In den frühen Jahren gibt es auch wenig Quellen, die diesen Stendhal von außen beleuchten. In späteren Jahren runden Aussagen von Freunden, die ihn kannten und sein schöpferisches Leben beurteilen konnten das Bild ab, so dass der Biograph sich nicht nur an Hand der vielen Briefe die Stendahl geschrieben hat im Reich der Mutmaßungen bewegen musste.
Wer in Stendhals Werk tiefer einsteigen möchte, der sollte vielleicht erst einmal diese Biografie lesen, um den Menschen Stendhal kennen zu lernen, danach vielleicht das Werk "Rot und Schwarz" und für denjenigen der die französische Sprache beherrscht das Buch "Mémoires d'un touriste".
Johannes Willms sei Dank, dass diese großartige, epochale Biographie erschienen ist. Er schreibt in einem Stil, der von der ersten bis zur letzten Zeile das Prädikat "meisterhaft" verdient. Dieses Buch wird zum engen Kreis meiner lebenslang unvergesslichen Lektüreerlebnisse zählen.