Der Pisa-Schock sitzt uns allen in den Knochen, und es wird in den Kultusministerien unter Schweiß und Tränen überlegt, wie der Abiturientenjugend beizubringen sei, was schönes, edles Deutsch nun wirklich sei und ausmache, wie Schiller die Exposition in den »Räubern« oder in »Kabale und Liebe« mit leichter Hand gestaltet habe, oder was der junge Goethe unter einer kessen und theatralischen Dreiecksbeziehung mit Decknamen »Stella« dramaturgisch alles versteckt hielt. Und so haben sich jüngst die Hörspielredaktionen von SWR und MDR und der Argon Verlag zusammengeschlossen um mehrere Klassiker wie »Emilia Galotti« (Lessing), »Urfaust«, »Iphigenie auf Tauris«, »Stella« (Goethe), »Die Räuber«, »Kabale und Liebe« (Schiller), »Der Hofmeister« (Lenz), »Der zerbrochene Krug«, »Prinz Friedrich von Homburg« (Kleist) und »Woyzeck« (Büchner) via CD ins Klassenzimmer zu bringen. Wobei es dem leitenden Projektregisseur Leonhard Koppelmann nicht um wie auch immer geartetes »Regiehörspiel« ging, sondern um ganz textnahe und unprätentiöse Auslegung der jeweiligen Vorlage. Koppelmann erläutert hierzu: »Dialoge zu lesen, ist schwierig für Ungeübte. Gesprochen jedoch entfalten sie ihren unentrinnbaren Reiz. Dazu bestechen die Theatertexte der deutschen Klassik durch ihre zeitlose Würde, ihre tiefe Humanität, ihre hohe Sprachkunst. Die Dialoge sind wie Musikstücke. In ihnen ist jene sprachliche Virtuosität zu hören, die Goethe, Schiller, Lessing, Kleist und die anderen zu Klassikern hat werden lassen, zu Tragsäulen unseres kulturellen Erbes.« Unterstützt wird das Projekt im übrigen durch die Kultusministerien von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und die Stiftung Medienkompetenzforum Südwest (MKFS). Zu einigen der Produktionen sind auch didaktische Handreichungen für den Unterricht vorbereitet worden, die wie beim Begleitmaterial zu »Emilia Galotti« die Möglichkeiten einer modernen Theater- und Medienpädagogik für die Schule ausschöpfen. In Koppelmanns Inszenierung der »Stella« von Goethe, die ich hier stellvertretend für das Gesamtkonzept der Reihe »Klassik: Jetzt!« hervorhebe, ist die Texttreue sowie die Noblesse und Zurückhaltung der Schauspielerinnen und Schauspieler ein hervorstechendes, gewolltes Merkmal ? ohne dass es je langweilig wird. Sybille Canonica spricht ?ihre? Stella zwar als eine durch Leidenschaft Zerrissene, aber der Weg in eine denkbare hysterische Übersteigerung wäre noch ein weiter. Oliver Stokowski als der düpierende Ehemann und Liebhaber Fernando lässt noch ganz viel Raum auf der Klaviatur des Sturm und Drang und verausgabt sich ganz bewusst nicht ? und das im Dienste einer nicht ?ausinterpretierten? Werktreue. Und darf man es sagen? Die kratzige, rauchzarte Stimme von Jule Böwe als Lucie und damit hin- und hergerissenes Kind zwischen Mutter und treulosem Vater, das war eine pikante Tingierung einer morbiden Konstellation. Koppelmanns Entscheidung, Goethes Urfassung von 1775 als Vorlage zu nehmen und nicht seine spätere Handschrift (1805) mit einem bürgerlichen Gift- und Schuss-Ende als Konzession an damalige Moral- Etikette, war richtig. Die behutsame und ansonsten textnahe Inszenierung ist wohltuend für die Ohren und dürfte auch in der Schule Fürsprecher gefunden haben. Die CD-Edition »Klassik: Jetzt!«, klug platziert und mit allen zehn Schauspielen bereits auf dem Markt, dürfte ein Renner werden, da das Hören allemal komfortabler scheint als das Blättern in vergilbten Reclam-Seiten.