"Wir haben unsere Heiligen und unsere Sünder." (287)
Simon Wiesenthal, der als Überlebender des Lagers Mauthausen im Nachkriegs-Österreich eine Disziplinar-Kommission verwaltete.
Wie unterschiedlich sind doch die Leben von Peter Wyden (geb. Weidenreich, 1923-1998) und von Stella Goldschlag (1922-1994) verlaufen. Beide wuchsen im Berlin der zwanziger und dreissiger Jahre auf. Beide waren jüdisch. Beide besuchten dieselbe jüdische Privatschule. Peter Wyden hatte das Glück, Eltern zu haben, welche die Notwendigkeit das Dritte Reich zu verlassen rechtzeitig erkannten und zielorientiert durchführten. Die Familie konnte 1937 aus Deutschland auswandern. Als Stella kurz vor Kriegsbeginn von ihrer Schulleiterin eingeladen wurde, nach England zu gehen, weigerte sich hingegen ihr Vater sie ziehen zu lassen. Wenn, dann sollten alle Familienmitglieder gemeinsam in die USA emigrieren. Als er sich jedoch Anfang 1940 um ein Visum bemühte, kamen seine Bemühungen zu spät. Von 1940 bis 1945 wurden nur 21.000 Flüchtlinge in die USA gelassen; zehn Prozent der nach dem Einwanderungsgesetz zulässigen Quote (vgl. S.85). Die Tickets, die Stella und ihre Eltern für die Escambion hatten, ein Schiff, welches Lissabon am 14. Oktober 1940 verlassen sollte, verfielen.
Auch Stellas erster Mann, Manfred Kübler, scheiterte bei seinem Versuch das Gelobte Land zu erreichen. Er befand sich auf dem Kreuzfahrtschiff St. Louis, welches am 13. Mai 1939 Hamburg verließ. Weder Kubaner noch Amerikaner liessen die Flüchtlinge an Land, so dass das Schiff umkehren musste. Andere europäische Länder nahmen teilweise die Passagiere auf. Die Küblers befanden sich jedoch unter jenen 200, die nach Hamburg zurückgeschickt wurden.
Beide, Stella und Manfred Kübler, sowie ausserdem auch Stellas Mutter mussten später Arbeitsdienste als "Rüstungsjuden" verrichten. Bis zu jenem Tag im Februar 1943, an dem in einer sogenannten Fabrik-Aktion rund 11.000 Personen abtransportiert wurden. Stella und ihre Mutter konnten entkommen. Nicht jedoch Manfred Kübler. Er wurde abtransportiert und starb bald darauf. Stella hingegen versuchte fortan als sogenanntes U-Boot zu überleben. Genau in der Woche, in welcher die Fabrik-Aktion stattfand, trat Peter Wyden in die Armee der Vereinigten Staaten ein. Er wurde Teil einer Propaganda-Kampfeinheit. Sein Ausbilder und Chef war kein anderer als der Mann, der die Identität von Adolf Schicklgruber aufgedeckt hatte: Hans Habe, der als Nr. 48 auf einem US-Prominentenverzeichnis stand und so noch im November 1940 Lissabon verlassen konnte.
Zum Verhängnis sollte Stella ein Dokument werden, welches sie von dem Fälscher Günther Rogoff alias Cioma Schönhaus erhalten hatte. Dessen Geschichte finden Sie in dem Buch
Der Passfälscher: Die unglaubliche Geschichte eines jungen Grafikers, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte. Sie konnte nicht wissen, dass dieser eine der meist gesuchtesten Personen von Berlin war. Als man bei einer Überprüfung ihrer Papiere seine Unterschrift erkannte, erhoffte man sich von ihr die Information über sein Versteck. Was folgte war Haft und Folter und schließlich Stellas Tätigkeit als Greiferin, als Verräterin an ihrem eigenen Volk.
Wer jetzt eine Anklageschrift erwartet, liegt falsch. Peter Wyden hat gleich zu Beginn des Buches eine Szene erwähnt, als er - damals noch in Berlin auf einer öffentlichen Schule - einmal den Hitlergruß verweigert hatte. Die Folge: Schikanen. Woraufhin der Bursche den Gruß wieder aufnahm. "Ich glaube, ich hatte nur eine Todesangst vor diesen Dolchen..." (39) Was wäre wenn? Wie hätte er sich verhalten, wenn er in Berlin geblieben wäre? Wie hätte sich Stella entwickelt, wenn sie nach New York gekommen wäre?
Peter Wyden beschreibt jedoch nicht nur sein oder Stellas Leben. Er holt weit aus. Erzählt von zahlreichen Schicksalen. Von Prominenten, von Verwandten und Freunden sowie von anderen Betroffenen; zB Erich Kästner, der in Berlin ein Nachbar war, und der zur Freude von Peter zahlreiche Briefe mit bunten Briefmarken aus dem Ausland erhielt. Oder Karola Ruth Siegel, die später als Ruth Westheimer bekannt wurde, und als Zehnjährige in der elterlichen Wohnung in der Brahmsstrasse, Frankfurt, zusah wie ihr Vater abtransportiert wurde. Sie sollte ihn nie mehr wieder sehen. Ihre Mutter und Großmutter sah sie zuletzt auf einem Bahnsteig, als sie am 5. Januar 1939 in einem Kindertransport in die Schweiz verschickt wurde. Oder José Luis Vilallonga, Schauspieler und Herausgeber der spanischen Playboy-Ausgabe. Mit sechzehn musste er im spanischen Bürgerkrieg jeden Morgen mit einem Exekutionskommando von General Frankos faschistischer Armee "Rote" erschiessen. Männer und Frauen. Diese drei Beispiele sind nur ein Bruchteil der im Buch enthaltenen Lebenslinien. Die Liste der Befragten (Zeitzeugen, Betroffenen, Historiker) im Anhang ist sehr, sehr lang!
Daneben erhält der Leser Geschichtsunterricht. Parallel zu den Lebensschicksalen werden wesentliche politische und militärische Ereignisse aus dem In- und Ausland aufgerollt. Des Weiteren sind psychologische Erkenntnisse in den Text eingebaut. Über das Böse, und wie es sich entwickeln kann. Das posttraumatische Stresssyndrom. Und die Auswirkungen auf die folgenden Generation. Explizit sichtbar gemacht an der Tochter von Stella. Yvonne. Seinen eigenen Sohn Ron, der als Politiker Karriere gemacht hat und Oregon in Washington vertritt, erwähnt Peter Wyden hingegen nur kurz am Rande.
Interessant sind Wydens Analysen wodurch sich Menschen auszeichnen, die als U-Boote die Zeit der Verfolgung und des Krieges überlebten. Ganz wesentlich: CHUZPE. Das perfekte Beispiel: Günther Rogoff, der mit einem Fahrrad in die Schweiz flüchtete. Er prüfte das örtliche Telefonbuch, fand einen Bauern, dessen Hof direkt an der Grenze bei Stein am Rhein lag, kaufte einen Blumenstrauß und meldete sich mit dem Strauß am Lenker beim Grenzpolizisten mit dem Hinweis, dass er eben diesen Bauern besuchen wolle! Frechheit siegt! Ausserdem wichtig: Scharfsinn, Schlagfertigkeit auf misstrauische Fragen, positives Denken, Geselligkeit und Anpassungsvermögen, die Fähigkeit zu schauspielern, zu improvisieren und die Fähigkeit zu Lachen! "Die ausgelassene Unehrerbietigkeit des Abenteurers" wie es Peter Wyden nennt. Und natürlich Glück und eine grenzenlose Energie.
Ca. 1/3 des Buches betrifft die Vorkriegsjahre sowie die ersten Kriegsjahre als Stella noch nicht für die Gestapo tätig war. Danach wird auf ca. 100 Seiten ihre Tätigkeit als Greiferin beschrieben, auch wie sie den Transport ihrer Eltern nach Theresienstadt (später Auschwitz) erlebt hat, und wie die Eltern Stellas Verrat empfunden haben müssen. Zuletzt wird sehr ausführlich auf über 100 Seiten auf die Nachkriegsjahre eingegangen. Die Prozesse und die Haft, aber auch Stellas Beziehung oder besser gesagt Nicht-Beziehung zu ihrer eigenen Tochter und deren Leben. Abgeschlossen wird das Buch mit dem Anhang, in welchem zu jedem Kapitel die Quellen und die Zeitzeugen vermerkt sind, sowie einem Register.
Mein Fazit:
Man merkt es diesem Buch an, dass darin 46 Jahre Arbeit stecken. Es bietet eine Fülle von Informationen. Besonders bemerkenswert ist, dass Peter Wyden Tatsachen auflistet, Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, ohne zu verurteilen. Gelegentlich wirken die enthaltenen Informationen sehr ausufernd. Wer nur eine Biografie erwartet, wird sich womöglich über diese "Längen" ärgern. Andererseits helfen sie beim Verständnis. Mir persönlich hat Peter Wydens Stil jedenfalls sehr zugesagt. Keine leichte Lektüre. Teilweise extrem erschütternd. Und dennoch oder gerade deswegen würde ich mir wünschen, dass dieses Buch viele Leser findet.