Ich habe mich sehr gefreut, dass Karen-Susan Fessel in diesem Frühling endlich wieder ein Buch veröffentlicht hat. Keine besonders bekannte Autorin, und dennoch eine der bekanntesten Vertreterinnen der neuen Generation von Lesbenbüchern aus Berlin, in denen Lesbischsein als solches kein Thema mehr ist, sondern einfach eine verdammt gute Geschichte erzählt wird.
Ganz nebenbei (jedoch vermutlich finanziell ertragreicher als die anderen Veröffentlichungen) hat die 1964 geborene Autorin 1999 bei Oetinger ein großartiges, poetisches Kinderbuch zum Thema Tod veröffentlicht***.
Auch ihr neuestes Buch ist bei Oetinger erschienen, diesmal für eine etwas ältere Zielgruppe, so ca. ab 14. Und auch dieses Buch lässt die schwierigen, schwermütigen Themen nicht außenvor. Im Mittelpunkt steht Leontine, genannt Leo, 15 Jahre alt und Halbwaise. Sie weiß nicht, wo ihr Vater ist und ihre Mutter ist gerade an AIDS gestorben. Ihre Kindheit war kein Zuckerschlecken, wie man sich vorstellen kann: Die Mutter auf Drogen, dazwischen immer mal auf Entzug, Leo selbst wird vom Jugendamt in verschiedenen Heimen und Pflegefamilien herumgereicht. Kurz nach dem Tod ihrer Mutter zieht sie aus Berlin zu ihrer Tante Wanda nach Braunschweig. Wanda nennt Leo „Steingesicht“, weil diese nie eine Miene verzieht, aber das ist liebevoll gemeint. Überhaupt fühlt sich Leo eigentlich zum ersten Mal in ihrem Leben wohl bei ihrer Tante, die kaum älter ist als sie und so ein ganz anderes Leben führt, als sie es gewöhnt ist.
Dennoch: So leicht ist das natürlich nicht. Hin-und hergerissen zwischen Trauer, Wut und Angst, jemanden jemals wieder zu vertrauen tut sie sich schwer damit, Freundschaften zu schließen und stößt die Leute, die sie mag, auch so manches Mal vor den Kopf. Und dann ist da noch Malin, die etwas in ihr auslöst, mit dem sie nun gar nicht gerechnet hätte...
Ich habe schon einige lesbische Mädchenbücher gelesen. Ein paar gute waren dabei („Amor kam in Leinenschuhen“ von Doris Meissner-Johannknecht z.B.), aber manche sind auch unsäglich klischeehaft und man das Gefühl, es soll nur auf Teufel-komm-raus vermittelt werden: Das ist alles gaaaaanz normal, und zwischen den Zeilen prangt er, der pädagogische Zeigefinger.
Nee, den hat Karen-Susan Fessel gar nicht nötig. Sie kann einfach schreiben, und ich hoffe sehr, dass das über kurz oder lang mehr Leute merken als „nur“ die lesbische community.
„Steingesicht“ ist wunderschön. Ein richtig guter Schmöker für Mädchen, jedoch sprachlich durchaus nicht anspruchslos. Nicht nur lesbische Mädchen und Frauen werden sich in der Geschichte wiederfinden. Und ihren Horizont erweitern.
Ja, ja, zugegeben, dies ist ein Problembuch. Nicht nur, dass das Mädchen lesbisch ist, sie hat auch noch eine Mutter, die an AIDS gestorben ist und drogensüchtig war - hing das am Ende noch zusammen oder wie oder was und sind das nicht ein paar Probleme zuviel in einem einzigen Buch???
Find ich nicht. Denn Karen-Susan Fessel weiß, wovon sie schreibt, da sie sich stark in der HIV-Prävention engagiert. Und das Schönste ist doch die Botschaft: Lesbischsein ist nun wirklich nicht das Problem. Und da das Buch von einer Lesbe geschrieben wurde, ist die Normalität des Lesbischseins am Ende keine gekünstelte.
***Das andere Buch heißt „Mama ist jetzt ein Stern“.