Drei Punkte will ich diesem Rezensions-Artikel voranstellen: Peer Steinbrück ist keine Eier-legende-Woll-Milch-Sau und die Autoren dieses Buches unternehmen erfreulicherweise auch nicht den Versuch ihn als ein solch wundersam fehlerloses und nur mit Vorzügen ausgestattetes Wesen zu portraitieren oder gar zu inszenieren.
Zum zweiten aber ist es kaum möglich, ein etwa 350 Seiten starkes Buch über einen aktiven Politiker zu schreiben, der zudem (was bei der Entstehung des Buches schon sehr zu ahnen war, bei Erscheinen Mitte September 2012 dann schon beinah Gewissheit) nach dem höchsten Regierungsamt greift, ohne das ein solches Buch, wenn auch indirekt und subtil und ohne Vorsatz, in der Essenz zwangsläufig ein Plädoyer dafür oder dagegen wird, den Portraitierten in dieses Amt zu wählen. Dies sollte man dem Buch und seinen Autoren nicht anlasten, denn ein solches Buch soll ja ein Bild zeichnen, dass dem Leser einen Eindruck von der biographisierten Persönlichkeit vermittelt. Die Frage ist, wie glaubhaft, wie vollständig ist das Bild was da gezeichnet wird.
Und drittens und letztlich, ist es genauso wenig möglich über ein solches Buch zu schreiben, ohne das auch eine Grundhaltung gegenüber dem Menschen, um den es im Buch geht, seitens des Verfassers durchschimmert. Völlige Neutralität in der Rhetorik gibt es nicht. Mir ist sie jedenfalls nicht gegeben. Darum scheint es mir geboten darauf hinzuweisen, dass der Autor dieser Zeilen zwar nicht beabsichtigt mit dieser Rezension Wahlkampfhilfe zu leisten, aber doch den Gedanken an einen Bundeskanzler Steinbrück um einiges erträglicher findet, als die Aussicht auf weitere vier Jahre mit Frau Merkel an der Spitze der Regierung.
Zum Buch: Die Autoren, Eckart Lohse und Markus Wehner, beide Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, stehen nicht im Verdacht besonders SPD nah zu sein. Nicht zuletzt gilt auch ihr Blatt, die FAZ, tendenziell eher als CDU nah, zumindest aber als konservativ. Diese wohltuende Distanz durchzieht auch das gesamte Buch. Auf keiner Seite des Buches entsteht der Eindruck, Steinbrück solle hier weich gezeichnet werden. Er wird nicht ikonisiert, ja nicht einmal mit besonderer Milde betrachtet. Sachlich und kritisch wird Steinbrücks Vita abgeschritten, wobei der Fokus natürlich besonders auf seiner politischen Laufbahn liegt, insbesondere auf den Jahren als Finanz-Minister in Schleswig-Holstein und NRW, als Ministerpräsident ebenda und auf den Jahren 2005-2009, in denen er als Bundesfinanzminister die volle Wucht der Finanzkrise zu spüren bekam. Allzu viele Privatheiten interessieren Leser eines solchen Buches vermutlich ohnehin nicht - wir sollten uns auch grundsätzlich davor hüten das politische Feld und seine Akteure zu boulevardisieren - doch selbst wenn, für glamouröses Spektakel taugt Peer Steinbrück nun einmal nicht. Sein (übrigens bemerkenswerter) Familien-Stammbaum wird angemessen beleuchtet, wie natürlich auch seine grundsätzliche Sozialisation. Wie Herr und Frau Steinbrück aber zu einander fanden, ist mit nur drei Zeilen abgehandelt. Das genügt auch. Das sie drei Kinder haben ist erwähnt, wie sie entstanden nicht.
Verstärkt liegt der Blick eher auf dem Verhältnis Steinbrücks zu politischen Weggefährten, freundschaftlich Verbundenen (keineswegs nur in der SPD zu finden) und Kontrahenten (augenfällig häufig aus der SPD stammend), sowie zu seiner Partei ganz grundsätzlich.
Das anekdotenhaft, szenische Aufzählen, im sachlich, seriösen, Journalisten-Duktus, von Leistungen und Verdiensten, wie eben auch Versäumnissen und Fehleinschätzungen Steinbrücks, ist nicht nur angenehm zu lesen, sondern wird dem Portraitierten auch am ehesten gerecht. Schnörkellos und unverbrämt wird gesagt, was zu sagen ist. Gelungenes und Schiefgegangenes (und eben nicht >nicht ganz optimal Gelungenes< wie es dem Schönsprech vieler Politakteure leider eher entspräche).
Insgesamt entsteht zwar ein positives Bild von Peer Steinbrück, doch keineswegs das eines unfehlbaren Übermenschen, aber eben doch das eines Charakterkopfes, einer Ausnahmepersönlichkeit und eines anständigen, ehrbaren Kerls. Tendenziell werden zwar negative Aspekte mit mehr Akribie beschrieben und ausgewertet, was aber - so scheint es - hauptsächlich geschieht, um eine relative Ausgewogenheit von pro und kontra im Buch herzustellen.
Alles in allem wird Steinbrück mit diesem Buch weder hochgejubelt, noch runtergeputzt und man hat am Ende das Gefühl glaubhaft über ihn informiert worden zu sein. Mehr kann ein solches Buch nicht leisten.
Da die Autoren reichlich Zitate mit ins Buch nahmen, hält es auch den einen oder anderen Lacher parat, so man Peer Steinbrücks scharfe Rhetorik mag. Beim Bewerten von eben jener ureigenen Steinbrück-Rhetorik scheint Uneinigkeit zwischen den Autoren bestanden zu haben. In vielen Passagen wird gerade diese unverstellte Klarheit, die oft gut gewürzt sich angenehm abhebt von einer immer häufiger schon krankhaft anmutenden Politikersprache, die um politische Korrektheit zwanghaft bemüht in Formulierungen wie "Bürgerinnen- und Bürgersteig" kulminiert oder im Bemühen auch dem dusseligsten Allgemeinplatz verklausuliert noch den Anstrich von Bedeutung zu geben zu geistigen Totalausfällen wie "Eine feste Grundlage ist die beste Voraussetzung für eine stabile Basis" führt (Welch wunderbarer Satz!). In anderen Passagen aber wird schon fast penetrant an eben dieser scharfen Unmissverständlichkeit herumkritisiert. Diese Unterschiedlichkeit im Empfinden spiegelt letztlich aber trefflich das Empfinden von Steinbrücks Sprachstil in der Bevölkerung wieder. Manch zarter Seele sind die Worte Steinbrücks doch zu klar, wohl auch zu wahr. Denn gerade der in Ideologien verhaftete Teil seiner eigenen Partei reagiert traditionell akut dünnhäutig und zartseelig, wenn jemand die Grenzen des Machbaren aufzeigt und das Weltbild bekleckst. Noch dazu, wenn er der Polemik Freilauf gestattet. Man kann es erfrischend finden oder verletzend.
Ich hätte das Buch nicht Biographie genannt, denn um eine politische Biographie von Bestand zu erarbeiten, braucht es zeitlichen Abstand zum Geschehen. Anders sind politische Handlungen, Entscheidungen und Einflussnahmen kaum zu bewerten. Das Wort >Portrait< trifft es eher.
Ein sehr gutes Portrait Peer Steinbrücks ist das Buch allemal, ein glaubhaftes, und eine gute Möglichkeit sich über ihn zu informieren. Unter Hinzunahme seines selbst verfassten Buches "Unterm Strich" aus 2010, in dem er sich sehr klar positioniert, Notwendiges benennt, auch wenn es nicht jedem gefallen wird und mit seiner eigenen Partei ordentlich Schlitten fährt, kann man zu einem umfassenden Bild dieses Mannes gelangen - in der Innen- und Außenbetrachtung.
Steinbrück hat Ecken und Kanten, an denen man sich schon mal kräftig stoßen kann, so steht er einem Heer an Opportunisten in der Politik diametral gegenüber. Das stößt nicht auf uneingeschränkte Gegenliebe, aber es wirkt glaubhaft, dass es ihm darum auch nicht geht.
Das die SPD ihm diesen oft harten Kurs gegen die eigene Partei mehrheitlich nicht verübelt und ihn dennoch zum Kanzlerkandidaten gemacht hat, verdient Respekt und nährt doch die Hoffnung, dass Politiker auch heute eben doch aufrichtig und unangepasst sein können, auch quer denken dürfen und nicht opportunistisch versuchen müssen Mehrheiten zu erplappern. Es ist allen Unkenrufen zum Trotz wohl doch möglich. Das ist gut für unsere Demokratie!