Bezeichnend für die Kenntnisdefizite im Bereich George war die Aufnahme dieses Werks in den Feuilletons: Sie erfolgte fast ausschließlich uner Verweis auf die Person Claus Graf von Stauffenbergs und dessen Mitgliedschaft im George-Kreis. Das Werk Georges selbst, aber auch die zahlreichen zu seinem Kreis zählenden Geistengrößen (Kantorowicz, Vallentin, Gundolf) scheinen heute fast vergessen. Umso dankbarer ist man als Freund der George-Lyrik für die vorliegende spannende und in ihrer Technik meisterhafte Darstellung von Person und Werk.
Nur langsam, während der Lektüre, wird der Leser auf die eigentliche Herausforderung aufmerksam, die sich Karlauf hier stellte. Zunächst wunderte ich mich darüber, dass die ersten großen Lyrikbände (mein Favorit darunter: Das Buch der hängenden Gärten) nur erwähnt und anhand weniger Gedichte vorgestellt wurden, während ab der Darstellung des "Jahrs der Seele" sehr dichte biographische Bezüge zwischen Werk und Leben hergestellt werden. Unaufdringlich lässt der Autor den Leser in der weiteren Erzählung jedoch wissen, wie systematisch George Quellen zerstört hat und zerstören ließ, die den Mythos der eigenen Person in ein kritisches Licht rücken könnten. Der naheliegenden Falle, statt auf Fakten auf Spekulationen zu setzen, erliegt der Verf. zum Glück nicht. Und während der ganzen Lektüre wird für den Leser auf angenehme Weise bemerkbar, wie intensiv hier die beweisbaren Einzelumstände recherchiert sind.
So entstehen erzählerisch dichte Szenen, die sich dem Leser lange einprägen: Ein schweigsamer, verklemmter George im Salon Mallarmé: Mallarmé, nach seinen noch unvollendenten Werken gefragt, verweist auf die nicht korrigierten Englischarbeiten , die er als Englischlehrer noch vor sich hat. Oder Alfred Schuler und seine Theorie des Blutleuchtens, die den heutigen Leser ermessen lässt, welche Früchte des Abwegigen Ennui und Fin de Siècle hervorbrachten.
Die Hauptperson aber bleibt dem Leser trotz aller Bemühungen Karlaufs ein Rätsel: Einer eher skurrilen Gedankenwelt verhaftet und mit einer deutlich sichtbar narzistischen Persönlichkeit ausgestattet, wirkte sie doch vor allem auf differenzierte Geister tief beeindruckend. Wie dies dem Sohn eines Weinkommissionärs aus Bingen, der sich lange in breitem rheinhessischem Dialog erging, gelang, lässt sich offen gesagt nur schwer nachvollziehen. Dies liegt aber nicht am vorliegenden Werk, das beinahe alle wichtigen Bekanntschaften Georges im Hinblick auf Strukturelemente vergleicht und bemüht, einen Blick auf diesen charismatischen "Herrscher" zu werfen.
Gekonnt ist auch der Maximin-Komplex abgehandelt, jene Liebe zu einem Minderjährigen, der nach einigen poetischen Versuchen als 16jähriger an Menenghitis starb und von George zu Gottstatus erhoben wurde. Karlauf hält sich streng an die (wenigen) Fakten und zeigt, wie der Freundeskreis dieses Thema eher totgeschwiegen hat bzw. wie Freunde wie Verwey darauf hinwiesen, dass dieser Mythos bereits vor der Bekanntschaft mit Maximin selbst bestand und für George weniger Inhalt als kultische Form zählten. Da schüttelt es den Leser schon und er lacht umso lauter beim ebenfalls hier wiedergegebenen Brecht-Zitat: George war ein Heiliger, der deswegen nur bedingt überzeugte, weil er seine Säule an zu volkreicher Stelle aufgestellt hatte.
Es bleibt die schöne Lyrik, die das Buch in interessante Kontexte rückt, und das Rätsel einer Person, das den Leser nach der Lektüre des Buches verwirrt zurücklässt - allerdings auf einem höheren Niveau.