Eine Inhaltsangabe spare ich mir, meine Rezension wird lang genug. Für all diejenigen, die keine Spoiler lesen wollen oder den Film noch nicht kennen, hier die Kurzvariante:
Jeder, der mit den humorlosen Actionfilmen der letzten Jahre keine Probleme hatte, kann auch hier unbesorgt zugreifen, da die Action handwerklich gut gemacht ist. Hardcorefans des Schwarzeneggerfilms sollten ihre Erwartungen allerdings runterschrauben. 5 von 10 Sterne und damit 3 Amazonsterne von mir, aber da auf der Dvd lediglich die Kinofassung vorhanden ist, habe ich einen Stern abgezogen. Ansonsten ist die Dvd technisch sauber produziert.
Mir selber bereitete der Film nur mäßig Freude und im folgenden werde ich meine Gründe erörtern. Dafür muß ich allerdings jede Menge spoilern: diesen Film, den Schwarzeneggerfilm sowie die eigentliche Kurzgeschichte, weiterlesen auf eigenen Wunsch.
WARNUNG, SPOILER
Ich habe jetzt schon öfters gelesen, dieser Film wäre kein Remake, sondern eine treue Interpretation der Kurzgeschichte "We Can Remember It for You Wholesale" [deutsch: "Erinnerungen en gros"], auch Jessica Biel vertritt anscheinend diese Meinung. Äußerst gewagte These [eher Marketinglüge], mit der ich gerne aufräumen möchte.
Die eigentliche Kurzgeschichte handelt nämlich von einem Angestellten, der aus seinem öden Leben ausbrechen möchte. Hierzu will er sich mittels der Firma Rekal Erinnerungen an eine Marsreise einpflanzen lassen. Seine eigentliche Identität kommt ans Licht, eigentlich ist er Geheimagent. Daraufhin kann er sich an seinen letzten abgeschlossenen Auftrag erinnern, ein Attentat auf dem Mars. Nun wird er von der Regierung gejagt, aber er kann erfolgreich mit dieser verhandeln. Er landet wieder bei Rekal, um eine neue Erinnerung zu bekommen, dabei gibt es dann aber wieder ein kleines Problem.
Die Figur heißt übrigens Douglas Quail [nicht Quaid], seine Frau Kirsten [nicht Lori], er ist kein Doppelagent [er wurde einfach nur von der Regierung deaktiviert], es gibt keinen Cohaagen [oder sonst einen alleinigen Bösewicht], keine Melina [oder sonst einen Loveinterest], keinen Führer des Widerstands [es gibt noch nicht mal einen Widerstand], die eigentliche Firma heißt Rekal [nicht Rekall] und es gibt keinen actiongeladenen Showdown [das Ende hat einen Twist bzw. eine zynische Gemeinheit].
Alle diese Änderungen stammen aus dem Schwarzeneggerfilm und dieser Film trägt nicht nur denselben Namen wie dieser, auch die Plotstruktur mit allen Änderungen wird quasi anstandslos übernommen. Damit ist dieser Film ein eindeutiges Remake und keine etwaige Neuinterpretation des Ursprungmaterials.
Aber halt, es gibt einen gewaltigen Unterschied, der Mars fehlt diesmal. Wahrscheinlich keine mutige Veränderung zwecks Neuausrichtung, sondern die typische Hollywoodangst vorm kapitalen Flop.
Alle Marsfilme der letzten Jahre floppten gewaltig: "Red Planet", "Mission to Mars", "Ghosts of Mars" oder letztens erst "John Carter". Natürlich lag das nicht an den schlechten Drehbüchern der ersten drei Filme, oder an der total mißlungenen Werbekampagne des letzten; nein, natürlich lag es nur am Handlungsort, eine wahrhaft meisterhafte Deduktion Hollywoods, bei der ein Sherlock Holmes nur staunen könnte. Also mußte der Mars aus der Handlung fliegen.
Blöderweise fangen hier dann die Probleme an. Im Schwarzeneggerfilm gibt es durch die gewagte Marsbesiedlung Mutanten. Der Führer der Widerstandsbewegung Kuato [übrigens der einzig fürs Remake geänderte Namen, wahrscheinlich nicht "realistisch" genug] ist bspw. ein Gedankenleser. Daher brauchte es unbedingt einen Spion, der nicht wußte, daß er einer ist. Deswegen ist Quaid/Hauser im Scharzeneggerfilm ein Doppelagent. Im aktuellen Film ist Rebell Matthias natürlich kein wandelnder Lügendetektor, wofür also einen Doppelagenten?
Dies dachten sich die Verantwortlichen anscheinend auch, Hauser ist in diesem Film kein Doppelagent, er lief tatsächlich zum Widerstand über, wurde aber blöderweise geschnappt und umprogrammiert. Dies ist ein Füllhorn für klitzekleine Problemchen.
1. Ich soll tatsächlich glauben, daß die von Jessica Biel so farblos dagestellte Melina, tatsächlich den Topagenten des Regimes umgedreht hat. Bittere Pille, aber okay.
2. Mister Superagent hat sich nicht nur schnappen lassen, er glaubte auch noch an die Deus ex machina Problemlösung für die Androiden, und daß er erfolgreich und unbemerkt eine Nachricht rausschleusen konnte. Uhm, okaay.
3. Dafür konnte er aber einen Kumpel gewinnen, der ihm im weiteren Handlungsverlauf [sprich, sobald er auf einen Plotstopper trifft] mit Rat und Tat zur Seite steht. Die Anfangshilfe nehme ich in Kauf, aber daß der Helfer sogar sein Leben für ihn läßt, ist schon echt bewunderungswürdig.
4. Warum will Cohaagen ihn wieder zurück haben? Im Schwarzeneggerfilm war das alles von langer Hand geplant und sie waren die besten Freunde, aber hier?
Hauser verrät ihn nicht nur, er ist anscheinend auch total unfähig [abgesehen von der Motivation Dritter]. Daß es sehr gelegen kommt, daß er eine "unkorrupte" Version von Hauser auf USB-Stick hat, davon will ich gar nicht erst reden.
5. Hauser ist/war ein Guter. Im Orignal weinte man Hauser keine Träne nach, der Mann war ein Bösling. Hier ist das so eine Art Erlösungsgeschichte ohne den eigentlichen Protagonisten. Der Film realisiert das auch und läßt Matthias für 2 Minuten Glückskeksweisheiten von sich geben ["Unsere Vergangenheit zählt nicht, unsere Handlungen definieren uns" oder so ähnlich]. Sehr unrund.
Alle diese Probleme existieren, wegen internen Logikschwierigkeiten, wenn ich auch noch anfange, äußere Logik auf den Film anzuwenden, dann sieht es noch düsterer aus.
1. Erde ist unbewohnt, wegen Giftgas. Himmel ist duster, aber ein paar Kilometer weiter in England ist blauer Himmel zu sehen. Häh? Daß Giftgas nicht stationär ist, ist ebenfalls ein kleines Problemchen.
2. Die Türen des Aufzugs können also während der Fahrt geöffnet werden. Rausklettern schadet auch niemanden, wieso auch? Von der Problematik mit dem Erdkern ganz zu schweigen.
3. Niemand kommt in Australien während der 15 Minuten Fahrt der Invasoren auf die Idee, den Aufzug zu sabotieren. Entweder das Terminal oder man schmeißt ein paar Bömbchen ins "Loch". Wie geht der finale Konflikt aus? Held sabotiert Aufzug und Terminal mit ein paar Bomben. Schön, daß wenigstens unser Topagent auf die Idee kam. Übrigens ist die gesamte Invasion im Fernsehen zu sehen, zusammen mit dem Entschluß den Aufzug zu verwenden, und nicht etwa Flugzeuge, sowie der Glanzeinfall die Operation persönlich zu überwachen, sind das wahrscheinlich die grandiosesten Ideen Cohaagens ever!
Im Original eine hintertriebene, kühl kalkulierende, smarte Person, hier der Dorftrottel, der irgendwie Premierminister geworden ist.
4. Wieso wissen Lori und die anderen Agenten nichts von Cohaagens Plan? Dämlich, aber diese Logiklücke gibt es auch schon im Original. Dort konnte man sich aber mit den gedankenlesenden Mutanten rausreden. Aber sehr schön, daß auch dieser Fehler einfach ungesehen übernommen wurde.
5. "Wir versuchen Quaid von der Rekall These zu überzeugen"-Szene. Es wurde echt der Arbeitskollege (und wahrscheinliche Agent) verwendet und nicht seine Ehefrau, die nur im Hintergrund zu sehen ist. Wenn sie schon dabei ist, dann steht sie nur im Hintergrund? Melina würde sich echt ohne Widerstand zu leisten, einfach abknallen lassen? Trotzdem schöne Idee mit den Tränen: Orignal zitiert, aber entschieden verändert. Zu dumm, daß das Setting so schlecht war.
6. Schöne Actionsequenz mit dem Aufzugssystem, aber bin ich der einzige, der an "Galaxy Quest" denken mußte? Dort sagt die von Sigourney Weaver gespielte Person in einer zumindest ähnlichen Sequenz "Diese Folge war schlecht geschrieben". Zugegeben, böswillig von mir, aber war tatsächlich mein erster Gedanke.
7. Der Widerstand ist nur ein paar Kilometer weit weg, in einer ansonsten komplett toten und verlassenen Zone. Sie haben eine eigene Zugverbindung und verbraten auch lustig Strom. Niemand kriegt das mit, obwohl zig Agenten nach Matthias suchen. Und ja, es gibt anscheinend Flugzeuge.
Hmm, vielleicht ist Hauser doch der Topagent, soviel Inkompetenz ist ja nicht zu ertragen.
8. Lori sagt so schön sinngemäß "Wir müßen ihn schnell töten, sonst tötet er uns". Was macht sie im letzten Aufeinandertreffen? Sie wartet solange mit ihrem Angriff, bis er endlich aufwacht und realisiert, daß sie Lori ist. Mädel, hättest mal besser auf dich hören sollen.
Daß sie so lange überlebt plus der Umstand, daß die Rolle von Richter, im Original der eigentliche Jäger, gestrichen wurde, hat bestimmt auch nichts damit zu tun, daß sie mit dem Regisseur liiert ist. Reiner Zufall wahrscheinlich.
Okay, irgendwann muß ich ja mal aufhören, es gibt leider noch mehr solcher Unstimmigkeiten. Kurt Wimmer [leider nicht in "Equilibrium"- sondern in "Ultraviolet"-Form] und zig andere Schreiberlinge haben es ernsthaft versaut.
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