Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Der Stechlin
OA 1899 (Vorabdruck 1897 in Über Land und Meer)Form Roman Epoche Realismus
In seinem postum erschienenen Altersroman zeichnet Theodor Fontane ein monumentales und vielschichtiges Bild der Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts.
Inhalt: Es geschieht nicht viel, aber doch entschieden mehr als Fontanes Zusammenfassung »Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich« vermuten lässt. Den äußeren Rahmen bildet die Geschichte zweier Familien: Auf der einen Seite steht der ehemalige Gesandte Graf Barby, ein eleganter Weltmann, der mit seinen Töchtern, der schillernden Melusine und der soliden Armgard, in Berlin lebt, auf der anderen der alte Dubslav von Stechlin, ein märkischer Junker, mit seinem Sohn Woldemar. Der Name der Stechlins leitet sich vom sagenumwobenen Stechlin-See her, der seit jeher auf Naturkatastrophen in der ganzen Welt mit hohen Wasserfontänen reagiert.
Hauptperson des Romans ist Dubslav von Stechlin, der seine Mitmenschen und die Zeitläufte abgeklärt betrachtet. Von der Grunddisposition her konservativ, beobachtet er dennoch offen und liberal die Zeichen einer neuen Zeit. Im Gegensatz zu seiner adelsstolzen Schwester Adelheid, Äbtissin eines Damenstifts, sind Dubslavs hervorstechendste Charaktermerkmale Toleranz und (Selbst-)Ironie.
Das Romangeschehen erstreckt sich über sechs Monate, in denen sich Verlobung und Heirat Woldemars mit Armgard ereignen, Woldemar einen kurzen dienstlichen Aufenthalt in England absolviert und Dubslav von Stechlin als Kandidat der Konservativen im Wahlkampf gegen einen Sozialdemokraten unterliegt, was ihn nicht sonderlich berührt. Nach Dubslavs Tod scheinen der ernsthafte Woldemar von Stechlin und seine sozial engagierte Frau Armgard gute Garanten für die Zukunft zu sein; hierin spiegelt sich Fontanes Wunsch nach einem neuen Preußentum.
Struktur: Fontane gestaltet seine Figren, wie häufig, kontrastierend. So bekommt die herbe, verschlossen wirkende Armgard von Barby erst vor der Folie ihrer pikanten Schwester Melusine Konturen. Woldemar verlobt sich mit Armgard, während er Melusine, die den alten Stechlin nachhaltig entzückt, nicht gewachsen wäre. Melusine entbehrt wegen ihrer traumatischen Eheerfahrung nicht der Tragik, doch nur Pfarrer Lorenzen ahnt ihr wahres Ich. Lorenzen, als positiver Gegensatz zum blasierten Superintendenten Koseleger konzipiert, vertritt eine aufgeklärte, christliche, sozial verantwortliche Haltung, die der politischen Haltung des alten Fontane wohl entsprochen hat.
Über weite Strecken ist der Roman bestimmt durch Konversation; die Folge von Dialogen, Monologen und Gedanken rückt ihn bereits in die Nähe des modernen Bewusstseinsromans. Elementare Themen wie Vergänglichkeit, mitmenschliche Verantwortung, sinnvolle und sinnlose Konventionen werden scheinbar plaudernd aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Die dezente Erzähler-Ironie verhindert, dass der Leser alle Äußerungen des alten Stechlin als fontanesches Vermächtnis interpretiert.
Wirkung: Bei zeitgenössischen Kritikern war der Roman wegen seiner Handlungsarmut umstritten. Häufig wurde die Figur Dubslav von Stechlin allzu sehr mit Fontane gleichgesetzt. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man die Modernität dieses Romans, der heute als Höhepunkt von Fontanes Schaffen gilt. D. Ma. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Der Stechlin
OA 1899 (Vorabdruck 1897 in Über Land und Meer)Form Roman Epoche Realismus
In seinem postum erschienenen Altersroman zeichnet Theodor Fontane ein monumentales und vielschichtiges Bild der Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts.
Inhalt: Es geschieht nicht viel, aber doch entschieden mehr als Fontanes Zusammenfassung »Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich« vermuten lässt. Den äußeren Rahmen bildet die Geschichte zweier Familien: Auf der einen Seite steht der ehemalige Gesandte Graf Barby, ein eleganter Weltmann, der mit seinen Töchtern, der schillernden Melusine und der soliden Armgard, in Berlin lebt, auf der anderen der alte Dubslav von Stechlin, ein märkischer Junker, mit seinem Sohn Woldemar. Der Name der Stechlins leitet sich vom sagenumwobenen Stechlin-See her, der seit jeher auf Naturkatastrophen in der ganzen Welt mit hohen Wasserfontänen reagiert.
Hauptperson des Romans ist Dubslav von Stechlin, der seine Mitmenschen und die Zeitläufte abgeklärt betrachtet. Von der Grunddisposition her konservativ, beobachtet er dennoch offen und liberal die Zeichen einer neuen Zeit. Im Gegensatz zu seiner adelsstolzen Schwester Adelheid, Äbtissin eines Damenstifts, sind Dubslavs hervorstechendste Charaktermerkmale Toleranz und (Selbst-)Ironie.
Das Romangeschehen erstreckt sich über sechs Monate, in denen sich Verlobung und Heirat Woldemars mit Armgard ereignen, Woldemar einen kurzen dienstlichen Aufenthalt in England absolviert und Dubslav von Stechlin als Kandidat der Konservativen im Wahlkampf gegen einen Sozialdemokraten unterliegt, was ihn nicht sonderlich berührt. Nach Dubslavs Tod scheinen der ernsthafte Woldemar von Stechlin und seine sozial engagierte Frau Armgard gute Garanten für die Zukunft zu sein; hierin spiegelt sich Fontanes Wunsch nach einem neuen Preußentum.
Struktur: Fontane gestaltet seine Figren, wie häufig, kontrastierend. So bekommt die herbe, verschlossen wirkende Armgard von Barby erst vor der Folie ihrer pikanten Schwester Melusine Konturen. Woldemar verlobt sich mit Armgard, während er Melusine, die den alten Stechlin nachhaltig entzückt, nicht gewachsen wäre. Melusine entbehrt wegen ihrer traumatischen Eheerfahrung nicht der Tragik, doch nur Pfarrer Lorenzen ahnt ihr wahres Ich. Lorenzen, als positiver Gegensatz zum blasierten Superintendenten Koseleger konzipiert, vertritt eine aufgeklärte, christliche, sozial verantwortliche Haltung, die der politischen Haltung des alten Fontane wohl entsprochen hat.
Über weite Strecken ist der Roman bestimmt durch Konversation; die Folge von Dialogen, Monologen und Gedanken rückt ihn bereits in die Nähe des modernen Bewusstseinsromans. Elementare Themen wie Vergänglichkeit, mitmenschliche Verantwortung, sinnvolle und sinnlose Konventionen werden scheinbar plaudernd aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Die dezente Erzähler-Ironie verhindert, dass der Leser alle Äußerungen des alten Stechlin als fontanesches Vermächtnis interpretiert.
Wirkung: Bei zeitgenössischen Kritikern war der Roman wegen seiner Handlungsarmut umstritten. Häufig wurde die Figur Dubslav von Stechlin allzu sehr mit Fontane gleichgesetzt. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man die Modernität dieses Romans, der heute als Höhepunkt von Fontanes Schaffen gilt. D. Ma. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Kurzbeschreibung
"Zum Schluss stirbt ein Alter, und zwei Junge heiraten sich; - das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht" schreibt Theodor Fontane 1897 in einem Brief über "Der Stechlin". Er konzentriert sich in diesem Werk auf die Darstellung der Personen und ihre Konversation untereinander. Ein Hauptthema der Gespräche ist der Konflikt zwischen Tradition und den Ideen der neuen Zeit - ein Gegensatz, der niemals an Aktualität und Brisanz verliert.
Gelesen wird der Roman von Gert Westphal. Der "König der Vorleser", wie er in der Zeit genannt wurde, stammte aus Dresden und erhielt dort eine Schauspielausbildung. Bald nach dem Krieg begann er beim Rundfunk seine Karriere als Hörspielregisseur und Vorleser, zunächst bei Radio Bremen, dann beim Südwestfunk. 1959 ging er als Ensemblemitglied zum Züricher Schauspielhaus. Er blieb aber auch weiterhin Vorleser, dessen Repertoire schier unübersehbar war. Seine Lieblingsautoren waren Johann Wolfgang von Goethe, Theodor Fontane und Thomas Mann. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .
Klappentext
»Einerseits auf einem altmodischen märkischen Gut, andererseits in einem neumodischen gräflichen Hause (Berlin) treffen sich verschiedene Personen und sprechen da Gott und die Welt durch. Alles Plauderei, Dialog, in dem sich die Charaktere geben, und mit ihnen die Geschichte. Natürlich halte ich dies nicht nur für die richtige, sondern sogar für die gebotene Art, einen Zeitroman zu schreiben«, so gibt Fontane selbst Handlung und Inhalt seines letzten Romans an, in dem er die Welt des preußischen Adels mit den Zukunftsideen einer neuen Zeit konfrontiert.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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Autorenportrait
Theodor Fontane (1819 -1898) ist der bedeutendste Erzähler des literarischen Realismus. Der gelernte Apotheker machte mit 30 Jahren das Schreiben zum Beruf, zunächst als Journalist und Theaterkritiker. Erst spät begann er erfolgreich Romane und Erzählungen zu schreiben. Seine Romane und Novellen, die vielfach verfilmt wurden, zählen zu den meistgelesenen Klassikern des 19. Jahrhunderts.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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