Aufgrund des Coverdesigns hatte ich zunächst angenommen, es handle sich um ein älteres Buch. Dies ist nicht der Fall. Das Buch erschien erstmals 2007. Bereits 1993 erschien "Statt Psychiatrie". Das hier rezensierte Buch enthält daraus wenige Beiträge, die jedoch allesamt aktualisiert oder sogar komplett neu geschrieben wurden (Wie Lehmann in der Einleitung verrät). Hierdurch erklärt sich auch die Angabe "2., vollständig überarbeitete Auflage", die sich hier beim Buch findet.
Der Titel "Statt Psychiatrie" entspricht dem Inhalt. Denn es geht primär um Alternativen zur Psychiatrie und nur am Rande auch darum, die Schwachpunkte der Psychiatrie aufzuzeigen. Gerade letzteres kann von Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen Betroffene (wie mich) triggern oder depressiv stimmen. Allerdings schafft es auch ein gewisses Verständnis dafür, warum in der Psychiatrie auf diese und keine andere Weise gehandelt wird.
Zum Thema wird ein breites Spektrum geboten. Dies erklärt sich schon durch die Verschiedenartigkeit der Beitragsschreiber. Diese stammen aus unterschiedlichen Ländern und haben sehr unterschiedliche Hintergründe. So setzt sich die Autorenschaft aus Psychiatrieerfahrenen, Angehörigen und/oder Fachleuten verschiedener Professionen zusammen.
Das Buch sollte von allen gelesen werden, die in irgend einer Form mit der Psychiatrie in Berührung kommen. Es zeigt am Rande auf, wie Diagnosen entstehen und warum sie sehr kritisch betrachtet werden sollten. Die meisten Menschen sowohl auf Seiten des Personal als auch des Klientels ist heute leider der Meinung, dass eine Diagnose richtig sein müsse, wenn sie ein Arzt gestellt hat. Dies ist (gerade in Psychiatrien besonders häufig) nicht der Fall.
Hierbei kann ich Patienten in Psychiatrien nur sehr dazu ermutigen, sich über die Entstehung der Diagnose zu informieren und Akteneinsicht einzufordern. In meinem Fall kam auf diesem Wege etwa heraus, dass man die Diagnose lediglich infolge extremer Schlamperei bei der Anamnese stellte. Man hatte sich lediglich bei einer Familiengehörigen über mich erkundigt, alle Angaben ohne weitere Prüfung komplett übernommen und mit mir nie ein Wort darüber gesprochen (Weder die Familienangehörige noch die Psychiatrie). Kein seltenes Vorgehen in Psychiatrien. Leider wird dabei nicht bedacht, dass bei dieser sogenannten "Fremdanamnese" das Bild stark von der berichtenden Person verzerrt wird. So können etwa Teile in die Darstellung mit einfließen, die nicht stimmen, während Tatsachen ausgelassen werden. Gerade bei der Darstellung innerpsychischer Vorgänge ist so die Entstehung eines falschen Bilds möglich, das anschließend durch eine wirklichkeits-schaffende Eigendynamik aufrecht erhalten werden kann.
Wie das Personal einer Psychiatrie über einen Patienten denkt, bewirkt auch in einem hohen Maße die Wahrnehmung des Patienten und wie sich diesem gegenüber verhalten wird. So wurde mir in einer Psychosegruppe von einem Krankenpfleger erklärt, zur Behandlung von Psychosen gebe es nur Medikamente. Alle übrigen Angebote der Psychiatrie sollten nur zur Kompensierung der Nebenwirkungen der Medikamente dienen. Früher hätte man auf andere Arten versucht, Psychosen zu behandeln, habe dann aber festgestellt, dass außer Medikamenten nichts Wirkung hätte. Für mich vollkommen unverständlich, sind doch alternative Behandlungsformen zahlreich vorhanden und zeigen gute Resultate (In Deutschland z. B. Soteria, welches es schon seit Jahren gibt und hier im Buch auch durch einen Beitrag dargestellt wird).
Auch bei den Nebenwirkungen der Medikamente werden diese Patienten gegenüber entweder bewusst vertuscht oder aus Nicht-Wissenheit nicht genannt. Dies ist aber auch darauf zurück zu führen, dass in einer Psychiatrie tätige Menschen in den wenigsten Fällen selbst Mittel wie Neuroleptika einnehmen mussten. Auch hierzu bietet das Buch interessante Stellen. Die tatsächliche Tragweite der Nebenwirkungen gerade bei Neuroleptikas ist so enorm, dass der Einsatz solcher Medikamente aus meiner Sicht allgemein in Frage gestellt werden sollte.
Eine Psychiatrie ist in einer Weise vergleichbar mit einem Atomkraftwerk: Kurzfristig besteht ein großer Nutzen und wenig Aufwand, langfristig entsteht jedoch mehr Schaden als alles andere. Denn Neuroleptikas zerstören das geistige Potenzial eines Menschen und beeinträchtigen seine sozialen Beziehungen. Das Buch zeigt, dass eine einfache Nicht-Behandlung einer Störung keine wirkliche Alternative ist. Allerdings entstehen durch alternative Behandlungsformen qualitativ bessere Ergebnisse und psychisch stabilere, leistungsfähigere Menschen.
Im Buch wird auch deutlich, welches Verhalten seitens Angehöriger sinnvoll und angebracht erschien. Dies trägt auch sehr wesentlich zum Verlauf einer psychischen Krankheit bei (Das Auftreten und der Verlauf eines psychotischen Schubs hängen in einem hohen Maße von der subjektiv empfundenen Belastung ab -> Obwohl dies Psychiatriepersonal meist klar ist, verhält es sich in der Regel nicht entsprechend dieser Kenntnis).
Die vorhergehende Rezension schien zu einem großen Teil Selbstdarstellung zu sein. Jedoch hätte ich das Buch kaum wirklich bewerten und darstellen können, ohne gleichzeitig auf heutige Zustände in einer Psychiatrie hinzuweisen.