Nach den Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes soll es in Deutschland im Jahr 2040 eine Bevölkerungszusammensetzung geben, bei denen die unter 20 jährigen 16 % ausmachen, die 20 bis 60 jährigen 46 % und die über 60 jährigen 38 %. Drastischer würde es noch, wenn die Best Ager, medizinisch gepuscht, ein stolzes Alter von 200 Jahren erreichen und weiterhin die Geburtenrate niedrig bliebe. Dieses Szenario finden wir in einer nicht allzu fernen Zukunft in Amerika.
Und es kommt dort noch dramatischer. Als Folge eines verheerenden Krieges unter Einsatz biochemischer Waffen, stirbt die Elterngeneration vollständig aus. Sie wurde nicht- wie alle anderen – von den Verantwortlichen gegen die drohende Gefahr geimpft. Die zurück bleibenden Kinder haben keine Rechte; sie dürfen vor allen Dingen nicht arbeiten, bevor sie 19 Jahre alt sind, und wenn sie keine Großeltern oder Urgroßeltern mehr besitzen, die sich um sie kümmern und sie ernähren, werden sie in den berüchtigten Waisenhäusern untergebracht oder leben – ständig auf der Flucht vor den Gesetzeshütern oder gewalttätigen Jugendbanden- auf der Straße unter ärmlichsten Bedingungen.
So geht es auch der 16-jährigen Callie und ihrem 7-jährigen Bruder Tyler, die beide Eltern verloren haben und keinerlei Verwandte besitzen. Sie leben in einem verlassenen Bürogebäude mit wenigen Erinnerungsstücken, die sie von ihren Eltern retten konnten, und wissen nicht, wovon sie sich ernähren sollen. Kaum eine Stunde Fußweg entfernt leben die Reichen Alten, auch Enders genannt, in ihren Prunkvillen und verschließen die Augen vor diesen Missständen.
Die Situation für Callie und ihre Freunde ist aussichtslos. Auch Michael, der sich mit Callie angefreundet hat, kann nur selten etwas Essbares auftreiben. Da Tyler krank ist und Medikamente benötigt, wendet Callie sich an eine Firma mit dem Namen „Prime Destinations“. Dort können „Starters“, wie Callie, ihren Körper gegen Geld an reiche Alte ausleihen. Auch wenn in dem Kontrakt viele Fragen offen sind, entschließt Callie sich, das Wagnis einzugehen. Sie erhält einen implantierten Neurochip, der mittels eines Body- Computer Interfaces vom Gehirn des Ausleihers gesteuert wird. Die ersten beiden kurzen Ausleihen ihres Körpers funktionieren problemlos. Als Callie wieder erwacht, kann sie sich an nichts erinnern. Die dritte Ausleihe soll überraschenderweise einen ganzen Monat lang dauern. Als Callie diesmal zu sich kommt, befindet sie sich nicht bei Prime Destinations, sondern auf dem Fußboden einer Diskothek. Die Verbindung zu ihrem Renter, einer Helena Wintershill, ist offenbar nicht permanent. Callie findet heraus, dass die meisten Anwesenden Enders in jungen Körpern sind. Sie lässt sie in dem Glauben, dass auch sie selbst eine „ Enders“ sei. Als sie den reichen Starter Blake, den Enkel des Senators kennen lernt, verliebt sie sich heftig in ihn. Doch Helena übernimmt wieder die Führung in Callies Körper, und das nächste Mal wacht Callie mit einer Waffe in der Hand auf. Sie hört fortan immer wieder die Stimme von Helena in ihrem Kopf, die auf der Suche nach ihrer verschwundenen Enkelin Emma ist und für deren vermeintlichen Tod den Senator verantwortlich macht. Ihn zu erschießen war Helenas Absicht als sie Callies Körper ausgeliehen hat. Dafür hat sie durch einen Experten Callies Chip manipulieren lassen. Callie gerät immer mehr in Schwierigkeiten, zumal Prime Destinations neue Projekte plant. Der Old Man, der ominöse Firmenchef, den noch nie jemand zu Gesicht bekommen hat, nimmt Kontakt zu ihr auf.
Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, so hat mich diese Geschichte bis zum letzten Wort fasziniert und gefesselt. Die Horrorvision einer Zukunft! Ein Verfall der Werte, eine paranoide Gesellschaft, die auf dem besten Wege ist, das Recht auf die Würde des Menschen durch die Faszination des Machbaren auszuhebeln. Wird Callie am Ende zur Mörderin wider Willen? Die junge Protagonistin Callie ist sehr authentisch beschrieben, so dass man als Leser mit ihr Höhen und Tiefen erlebt. Den Verlust geliebter Menschen, eine enttäuschte Liebe, und die permanente Frage, wem ich vertrauen kann. Auch die Nebenfiguren sind sehr anschaulich dargestellt: Ich kann mir die Enders mit den verwitterten Gesichtern und den Falten lebhaft vorstellen. Der Old Man hat so etwas Furchterregendes wie Voldemort aus Harry Potter. Und gruselig die Vorstellung, wie es sich anfühlen würde, in einem fremden Körper zu agieren.
Mir gefällt es auch, dass die verschiedenen Gesellschaftsschichten sich so drastisch voneinander abheben. Hier die Juwelen tragenden und Golf und Bridge spielenden Enders in ihren Prunkvillen, dort die rechtlosen, verwahrlosten Jugendlichen. Dies ist ganz und gar nicht klischeehaft, denn es gibt in vielen Ländern der Erde genügend Straßenkinder, die unter gleichen Bedingungen leben, während die Reichen und Schönen in Hollywood und anderswo über den roten Teppich laufen. Die Geschichte lässt viel Raum für Assoziationen, und ich empfand es auch als Mahnung an den Leser, über die ethische Ausrichtung einer Gesellschaft, deren Moral und Grundsätze, nachzudenken. Der Spannungsbogen des Buches hält sich bis zum Schluss, und ich bin ungeduldig zu erfahren, wie Callie sich der neuen Herausforderung im Band „Enders“ stellt, der hoffentlich bald erscheint!
Und nun vergebe ich 5 Sterne für dieses Jugendbuch, das in gleicher Weise für Jugendliche wie auch Erwachsene ein spannendes Lesevergnügen verspricht.