George Stark (Thad Beaumont) war, so steht's auf seinem Grabstein zu lesen, "not a very nice guy". Genau das bekommt Schriftsteller Thad Beaumont (George Stark) jetzt zu spüren: Totgesagte leben bekanntlich länger. Was in diesem Fall umso bemerkenswerter ist, als Stark eigentlich nie wirklich gelebt haben dürfte.
Thaddeus "Thad" Beaumont ist George Stark. Das allerdings wissen lange Zeit nur seine Agentin und der Verlag, bei dem er unter Pseudonym Romane veröffentlicht. In denen treibt ein Bösewicht namens Alexis Machine sein Unwesen, und zu Thads Leidwesen sind die Stark-Romane so erfolgreich, wie es die unter seinem eigenen Namen veröffentlichten Werke nicht sind - die Verkäufe der "Alexis Machine"-Bücher bringen Thad ein Sechsfaches dessen ein, was der Vater von Zwillingen durch seine hauptberufliche Tätigkeit als Literaturdozent nach Hause bringt. Immerhin ermöglicht Thads schriftstellerische Nebentätigkeit der vierköpfigen Familie, im Lesern des Werks von Stephen King wohlbekannten fiktiven Örtchen Ludlow, Maine, ein Leben in bescheidenem Wohlstand zu führen.
Dann aber fallen einem aufmerksamen Leser, in dessen Bücherregal sowohl Beaumonts als auch Starks Bücher stehen, Parallelen auf. Statt auf einen Erpressungsversuch einzugehen, tritt der erzürnte Autor lieber die Flucht nach vorn an und lüftet selbst das Inkognito. Für die Presse wird George Stark symbolisch zu Grabe getragen, das einschlägige Foto mit der ungewöhnlichen Grabsteininschrift erscheint im landesweit vertriebenen Magazin "People". Der verhinderte Erpresser schreibt einen eingeschnappten letzten Brief. Klappe zu, Affe tot? Weit gefehlt: Als kurze Zeit später ein Kriegsveteran mit seiner eigenen Armprothese zu Tode geprügelt wird, rücken Sheriff Alan Pangborn und seine Kollegen Thad auf die Bude und nehmen den ziemlich verstörten Autor kräftig in die Zange. Nur gut, dass Thad für die Tatzeit ein wirklich wasserdichtes Alibi hat, denn ansonsten würde er wohl unweigerlich im Kittchen landen. Der ganze Tatort nämlich ist förmlich übersät mit Fingerabdrücken - genauer gesagt: mit Thads Fingerabdrücken ...
Kings erstmals 1989 veröffentlichter Roman "The Dark Half" zählt in meinen Augen zwar nicht zu den stärksten Romanen des Autors, bietet aber dessen unbenommen trotzdem kurzweilige Unterhaltung - King versteht fesselnd zu schreiben, und diesbezüglich macht auch "The Dark Half" keine Ausnahme. Die Grundidee, auf der King seinen rund 400 Seiten starken (no pun intended) Schauerroman aufbaut, ist zudem originell: Des Autors dunkle Seite ist, o Ironie, nicht nur die literarisch erfolgreichere, sondern darf sich verselbständigen und sich im wirklichen Leben mal so richtig austoben. Man könnte wohl auch sagen: King hat Robert Louis Stevensons weltberühmte Geschichte von Dr. Jekyll und Mr.Hyde mit Gewinn gelesen und auf unnachahmliche Weise zu seiner eigenen gemacht - was man in diesem Falle übrigens genauso doppelsinnig verstehen darf, wie es die Formulierung nahe legt, denn wie in vielen Romanen Kings ist auch in "The Dark Half" das, was man zwischen den Zeilen herauslesen kann, mindestens so interessant wie der eigentliche Plot.
Thad Beaumont ist gewissermaßen ein literarischer Cousin von Hausmeister Jack Torrance, den King in "Shining" Amok laufen lässt. Beide, Beaumont wie auch Torrance, sind trockene Alkoholiker, und beide leiden unter dem, was man gemeinhin "writers' block" nennt; sprich: Beide Schriftsteller gelangen an den Punkt, an dem sie vor dem weißen Blatt in der Schreibmaschine sitzen wie das Kaninchen vor der Schlange. Im Unterschied zu seinem bedauernswerten Kollegen, der irgendwann manisch den immergleichen Satz in die Tasten haut ("All work and no play makes Jack a dull boy") gelingt Beaumont der Befreiungsschlag, indem er quasi kurzzeitig die Persönlichkeit wechselt. Aus dem stets leicht tölpeligen, kurzsichtigen Familienvater mit Alkoholproblem wird der durchtrainierte, hünenhafte und dabei auch noch äußerst erfolgreiche Schundromanschriftsteller - honi soit qui mal y pense. Aufmerksamen Lesern, die sich ein bisschen auskennen in Kings Oeuvre, werden die Parallelen zwischen "Shining" und "The Dark Half" schwerlich entgehen, und sie werden sich unwillkürlich fragen, wo die Gemeinsamkeiten zwischen dem Schriftsteller King und seinen schriftstellernden Figuren liegen.
In beiden Romanen hat King offenkundig eigene Ängste verarbeitet. Ist es in "Shining" noch die schriftstellerische Urangst, keinen Weg zu finden, auf dem sich die eigenen Gedanken in die passenden Worte kleiden lassen, scheint King in "The Dark Half" seiner latenten Unzufriedenheit damit Ausdruck zu verleihen, vom Feuilleton stets nur als Urheber von Trvialliteratur wahrgenommen zu werden - finanziell erfolgreich, beim Publikum beliebt, aber von der Literaturkritik geschmäht oder geschnitten. Es ist bezeichnend, dass Beaumonts schriftstellerische dunkle Seite nicht nur mit "pulp fiction" die Bestsellerlisten stürmen darf, sondern im wirklichen Leben mal all das tun darf, das sich für einen gesitteten, aber allenfalls leidlich erfolgreichen Autor verbietet. Stark nimmt Rache an allen, die ihn, den erfolgreichen Autor, haben ableben lassen, und er verfährt dabei auf genau die grausame Art und Weise Weise, für die seine Leser die Hauptfigur seiner Romane lieben: das Pseudonym wird lebendig und schlüpft dabei in die Rolle seiner literarischen Hervorbringungen - Kings doppelbödige, spannende Erzählung nicht auch als Parabel zu lesen, ist geradezu unmöglich.
R e s ü m e e
Kings Roman aus dem Jahre 1989 ist Unterhaltungsliteratur vom Feinsten; King schreibt, wie üblich, sehr fesselnd, seine Grundidee ist originell. Im Vergleich mit vielen seiner anderen Romane, in denen Kinder und Jugendliche die Protagonisten sind, fällt "The Dark Half" m. E. dennoch leicht ab. Mein Eindruck, dass die Hauptfigur Thad Beaumont etwas blass bleibt, kann allerdings der Tatsache geschuldet sein, dass King mit "The Dark Half" erneut eine Art Schlüsselroman verfasst hat - King ist Beaumont ist Stark, und ich kann mir gut vorstellen, dass King sich deshalb darum bemüht hat, in der Beschreibung des literarischen Ichs nicht mehr von seiner eigenen Person preiszugeben, als ihm selbst, Stephen King, gut tut. Wer auf der Suche nach einem spannenden, in gutem Sinne anspruchslosen Schmöker für den Strand ist, dem kann ich "The Dark Half" guten Gewissens empfehlen; meinen ganz persönlichen Favoriten aus der Feder Stephen Kings läuft der Roman allerdings nicht den Rang ab.