"Stardust Memories" wurde bereits eine Woche nach Erscheinen aus den amerikanischen Kinos genommen und konnte lediglich aufgrund der besseren Rezeption in Europa aus der Verlustzone kommen. Was war geschehen? Liebten die Amerikaner "ihren" Woody nicht mehr?
Zur Handlung: Der erfolgreiche Regisseur Sandy Bates (Woody Allen) reist zu einer Werkschau seiner Filme ins Stardust- Hotel in einem Seebad. Während er sich quasi im "Nahkampf" mit seinen Fans befindet (sie lieben seine bisher komischen Filme und respektieren keine natürliche Distanz zu ihrem Idol), sitzt ihm die Produktionsgesellschaft im Nacken, die entsetzt ist über seinen neuen Film. Ohne sein Wissen wurde nachgedreht, um den vermeintlich unkommerziellen Film zu "retten". Immer wieder schweifen seine Gedanken zu seiner alten Flamme Dorrie (eine sensationelle Charlotte Rampling). Seine aktuelle Geliebte Isobel (Marie-Christine Barrault) verlässt seinetwegen ihren Mann und bringt ihn dadurch in Bedrängnis, da er doch gerade mit der Musikerin Daisy (Jessica Harper) anbandelt. Es ist müßig alle Handlungsstränge nacherzählen zu wollen, da "Stardust Memories" ein stark assoziativer Film ist, der von der Handlungsebene, in Filminhalte, in Erinnerungen und Gedanken Sandys wechselt. Im Verlaufe des Films ändert sich mehrfach die Perspektive und erlaubt am Ende einen ganz neuen Zugang zum Film. Die Nähe zu Fellinis "8 1/2" wurde bereits erwähnt.
Viele Zuschauer sahen in dem Film nichts weiter als eine übellaunige Abrechnung eines Regisseurs mit seinem Publikum. Dies würde implizieren, dass die Zuschauer bisher die Filmfiguren Eins zu Eins mit ihrem Schöpfer identifizierten, so als sei der Trottel und Hypochonder immer gleich Woody Allen. Natürlich enthält der Film auch biographische Bezüge, aber letztlich bleibt Sandy Bates eine Kunstfigur. Die besondere Zerrissenheit der Figur zeigt sich in der Tatsache, dass in seiner Wohnung neben einem Plakat von Groucho Marx auch ein Bild eines Vietcongs im Augenblick seiner Hinrichtung hängt. Zutiefst nachdenklich geht der Regisseur mit seinem Werk um, versucht angesichts des Todes eines Freundes sich neu zu positionieren. In einer Traumsequenz fragt er Außerirdische nach der Existenz Gottes. Diese aber sehen darin die "falsche Frage", um danach über seine lustigen Filme zu reden. In einer weiteren surrealen Szene kommt es zu einem Polizeieinsatz, der den Ausbruch von "Finkelsteins Aggressionen" beschreibt. Die Besetzung ist vorzüglich. Immer wieder tauchen in großen Menschenmengen (Zugpassagiere, Fans, Ufo-Gläubige usw.) einzelne prägnante Gesichter auf, die im Laufe des Films ihre Sicht auf den Regisseur oder seine Filme ändern. Besonders verstörend zeigt sich der Film, als Sandy (scheinbar?) von einem Fan erschossen wird. Im selben Jahr hatte John Lennon auch keine Chance gegen einen besonders fanatischen Fan.
Wenn einige der Fans als Landplage beschrieben werden, so bleibt auch die Figur Sandy nicht ungeschoren, wobei der Vorwurf, er verkaufe seine Wehwehchen als Filmkunst, noch einer der harmloseren Vorwürfe ist. Oft zeigt er sich desinteressiert, bindungsfähig ist er sowieso nicht. Eine besonders wahrhaftige Dialogzeilen hat eine der Schauspielerinnen: "Ich habe versucht die Rolle sympathisch anzulegen, aber ich bin immer wieder über mein eigenes Ego gestolpert." Insgesamt klingt das zwar bitter, aber auch Allenscher Humor kommt nicht zu kurz. Die Verhaftung seines Chauffeurs ist eine hübsch absurde Episode. Untermalt wird der Film von klassischen Jazz-Standards (Count Basie, Cole Porter, Glenn Miller u.a.). Vor allem das beschwingte "I`ll see you in my Dreams" von Django Reinhardt steht oft im Kontrast zur eher melancholischen Handlung.
Der Film markiert auch das Ende der Arbeitsbeziehung zu United Artists. Den nächsten Film inszenierte Allen für Orion Pictures. Für mich ist "Stardust Memories" einer der reichhaltigsten und zu Unrecht unterschätzten Filme Allens, der ein mehrmaliges Ansehen lohnt. Sowohl inhaltlich als auch formal (Schnitt, vorzügliche Schwarz-Weiß-Kamera) ein großes Werk.
Die Ausstattung der DVD ist etwas zu puristisch. Da es kein Menü gibt, landet man mit der Spracheinstellung entweder in einer Sprachfassung (E, D, F, Sp, It) oder in einer untertitelten Fassung des Originals (fünf weitere Sprachen). Dass es deutsche und englische Untertitel geben soll, halte ich für ein Gerücht, jedenfalls lassen sie sich nicht einstellen (vielleicht geht es doch, siehe Kommentar). Extras sind nicht vorhanden. Dennoch, für einen der besten Allens, zu dem es keine bessere Veröffentlichung gibt, muss es fünf Sterne geben.
Sehr empfehlenswert!