Während die Chronik der Star Wars-Galaxie - ausgehend von der Schlacht um Yavin - viele Tausend Jahre in die Vergangenheit reicht, hat sie es in der Post-Endor-Ära bisher nur bis zum Jahre 137 NSY geschafft - da nämlich spielen John Ostranders und Jan Duursemas "Legacy"-Comics. In bisher 8 Sonderbänden wird die Geschichte der weit weit entfernten Heimat der Sith, der Jedi und so vieler anderer mit einigen ganz neuen und einer ganzen Menge sehr alter Ideen weitergeführt. Mit aller Macht wird versucht Star Wars irgendwie neu zu erfinden und dennoch den Wurzeln treu zu bleiben...was in diesem Fall heißt: wieder ein Skywalker, wieder ein Imperium, wieder die Sith, wieder ein achso epischer Krieg. Ob es gelingt? Nun ja, schwer zu sagen, einiges wirkt auf mich doch arg konstruiert, manches ist erfrischend einfach, anderes, vor allem die Mehrzahl der Hauptfiguren, aber auch ZU einfach. Das ganze geht so:
Fast 90 Jahre nach dem aktuell letzten Eintrag in die Chronik (Fate of the Jedi - Das Vermächtnis der Jedi) ist die galaxy far far away ein düsterer Ort; die Galaktische Allianz, die sich als Reaktion auf die Yuuzhan-Vong-Invasion gebildet hatte, ist zerbrochen, ein neues - und doch irgendwie altes - Imperium, geschützt von den "Imperialen Rittern", einem privaten Jedi-Orden, hat ihren Platz eingenommen. Doch nicht für lange: die Sith sind unter Darth Krayt ebenfalls zurückgekehrt, haben erst mit dem Imperialen konspiriert und sie dann eiskalt abserviert, den Jedi-Orden - den originalen wenn man so will - auf Ossus zerschlagen (mal wieder!) und die Macht übernommen. Ihr Ziel: Ordnung, natürlich - ganz in Caedus Tradition.
Beim Massaker von Ossus stirbt auch der Großmeister des Ordens, Kol Skywalker, ein - man kann es sich schon denken - Nachfahre des großen Luke, der, wie wohl auch die meisten anderen Helden jener lange zurückliegenden Zeit, inzwischen das zeitliche gesegnet hat. Der Sohn eben dieses Kol, mit Namen Cade, kann als einer der wenigen Jedi fliehen, stürzt sich aber, vor Trauer um seinen Vater zerfressen, selbstmörderisch in den Kampf...und...stirbt selbstverständlich nicht, wendet sich aber vom (nicht mehr existierenden) Orden ab und fristet in der Folge trotz seiner Stärke in der Macht ein "bescheidenes" Leben als knüppelharter, ganz und gar unjedihafter Kopfgeldjäger. Das kann aber nicht lange so bleiben, denn Darth Krayts Sith drehen natürlich keine Däumchen und was ein echter Skywalker ist, der hat ja schließlich ein Schicksal - die Galaxis retten, würde ich mal vermuten. Sein Weg aus der Gleichgültigkeit gegenüber der Galaxis die ihn so bitter enttäuschte ist der Weg dieses ersten Legacy-Sonderbandes: "Skywalkers Erbe".
Mit Legacy hatten die Autoren eine einmalige Chance: Sie konnten so ziemlich alles machen, wozu sie Lust hatten, konnten alles umwerfen was die Wächter und die Erben erreicht - oder auch nicht erreicht - hatten, denn wer weiß schon was in den 90 vorrangegangenen Jahren geschehen ist? Das ist einerseits nicht leicht, denn so musste man sich ein eigenes Fundament aufbauen und konnte sich nicht (oder nicht so sehr) auf den Errungenschaften früherer Werke ausruhen. Andererseits gab es so auch kaum kreative Grenzen und die Fehler früherer Projekte (ich denke vor allem an LotF) spielten für Legacy keine Rolle mehr. An diesem Potential muss sich "Skywalkers Erben" messen lassen.
Zunächst: der erste Legacy-Sonderband ist erstklassig inszeniert, düster, atmosphärisch dicht und durchaus spannend. Es wird ein hohes Erzähltempo vorgelegt und immer wieder eingestreute Wendungen im Plot stellen sicher, dass nie Langeweile aufkommt. Eine Actionsequenz folgt der nächsten, immer wieder werden Blaster und Lichtschwerter gezogen - allein: die große, epische Schlacht fehlt, alles spielt sich im Nahkampfbereich ab. Der gesamte Comic ist dunkel gehalten (die allermeisten Szenen spielen bei Nacht), von gelegentlichen Rückblicken durchsetzt und alles in allem zeichnerisch auf dem sehr hohen Niveau der "Republik"-Comics (ebenfalls von Duursema (eine Frau, nebenbei) und Ostrander). So sind diese Illustrationen für mich der größte Pluspunkt, neben der gelungenen Inszenierung (hier kommen den Autoren wohl sowohl ihr Talent als auch ihre Erfahrung entgegen).
Nun zu den weniger schönen Eindrücken: Da wäre zunächst die Idee, der "Überplot", wenn man so will. Klar ist: Die Erklärungen - Wie kam es zu der Situation? Wie konnten die Sith überleben? Oder: Wo kommt Darth Krayt her und was hat das alles mit den Yuuzhan Vong zu tun? usw. (zugegeben einige [überraschende] Antworten kenne ich - ich konnte mich nicht zurückhalten ;-) - sind noch dünn und die Zusammenhänge noch nicht wirklich klar, auch wenn der Leser mit einer kurzen Einleitung über die Geschehnisse informiert wird; doch dürfte dies kaum überraschen, geschweige denn verärgern - mich jedenfalls nicht. Was mich hingegen schon stört: das schon wieder ein Skywalker am Scheidepunkt der Geschichte die Zügel in der Hand hält - vermutlich halten wird. Die Sith sind quasi eine Star Wars-Naturkonstante, die Rückkehr des Imperiums ist, zumal es ja nicht DAS Imperium, sondern ein ganz anderes als Palpatines ist, ebenfalls noch glaubwürdig (selbst wen es schon komisch ist, dass die imperialen Truppen immer noch wie vor 140 Jahren aussehen), aber wieso musste man denn einen - so scheint es mir - viel zu leicht zu durchschauenden Hauptprotagonisten wie Cade Skywalker, dem man möglichst viele Ecken und Kanten andichten möchte, der aber gerade deshalb ein sehr glatter Charakter bleibt, in den Ring werfen? Überhaupt scheinen mir die Charaktere das einzige, aber doch entscheidende Manko dieses Sonderbands zu sein. Vor allem die Bösewichte" wirken doch (noch) sehr stereotypisch, schlicht böse und mit ihrem einheitlichen "Design" irgendwie seltsam.
Nicht zuletzt wegen dieser Mankos bleiben die Szenen in denen erkennbar Bezüge zu früheren Werken hergestellt werden - z.B. Krayts Besuch auf Korriban - für mich die Besten. Ein Wort noch zu dem kleinen Lexikon", das als Starthilfe am Anfang des Comics abgedruckt wurde: ich fand es zwar etwas befremdlich, die Charaktere nicht erst mit der eigentlichen Story einzuführen, aber letztlich ist eine kleine Orientierung wohl doch hilfreich (im Englischen war dies ja ein eigener, ausführlicherer Band ("Legacy 0" und die Ergänzung "Legacy 0 1/2")).
Alles in allem: 3,5 von 5 Sternen für einen gut inszenierten, aber ausbaufähigen Start in die nächste Ära des EU.