Seit Traitor, der 13. Band der New-Jedi-Order, den Krieg der Sterne auf neue literarische Höhen katapultierte, ist Matthew Stover der meistverehrte und meistgehaßte Autor der weit, weit entfernten Galaxis. Die einen finden ihn zu radikal, die anderen nicht radikal genug. Die einen wünschen sich die unkaputtbaren, unantastbaren Helden zurück - die es in den Filmen nie gab und die mit den Romanen überhaupt erst erfunden wurden - die anderen sehnen sich - nach jahrelangen Wiederholungen und dem ewig gleichen Trott verlustloser Siege über übermächtige Gegner - nach dem Einzug des totalen Realismus, der gleichermaßen die Seelen der Figuren, wie ihre Körper verbrennen und entstellen soll.
Mit Shatterpoint geht der Autor - der in mancher Hinsicht mehr für diese Auseinanderentwicklung getan hat, als seine Vorgänger Michael Stackpole (I, Jedi), James Luceno (Cloak of Deception) oder R. A. Salvatore (Vector Prime) - nun also in die zweite Runde seines Kreuzzugs für die Reinigung der Büchergalaxis. Zu seinem Thema ist hier schon viel gesagt worden, kurz zusammenfassen läßt es sich mit "Suchaktion in Sternenkriegs-Vietnam mit Lichtschwertern". Das Napalm hat neue Namen, der Grundkonflikt eine neue ideologische Problematik, die Zielperson ist kein Marineinfanterist sondern eine Jedi, aber im Grunde genommen ist das Elend das gleiche geblieben: Verstümmelungen durch Guerillieros stehen Massaker durch hochtechnisierte reguläre Einheiten gegenüber. Ebensowenig neu wie diese Situation, sind die Gedanken und Gefühle, die sich Jedi-Ratsherr Mace Windu über den Konflikt macht. Neu aber sind die direkten Folgen, die nur ein Jedi - direkt aus der Macht gestärkt, ihrem Willen und Schicksal direkt unterworfen - bildlich erleben kann. Und während Normalsterbliche in einem Krieg wie diesem, der keine Sieger, sondern nur Überlebende kennt, entweder verrücktwerden oder abstummpfen würden, kämpft Mace Windu mit jedem Massaker, jedem Kampf, jeder Begegnung mit der ureigenen, unerschütterlichen und nie greifbaren Natur des Dschungels nicht nur gegen Wahnsinn und physische Aufgabe, sondern gegen die Dunkle Seite der Macht, die er vor seiner Mission für so kontrollierbar hielt, daß er sie sogar zum Elementarbestandteil seiner Kampftechnik machte.
So führt der Autor seine Leser über verschlungene Dschungelpfade und durch kompromißlos geführte Gefechte seitenlang tief hinein in das, was er als das Grundproblem der Jedi schon in Traitor beschrieben hat: in den Widerspruch zwischen der personifizierten Lebenskraft "Macht" als Energiequelle der Jedi und der Rolle eines Jedi im Krieg als Soldat und "potentieller Mörder".
In Traitor verbreitete Stover das Idealbild eines Jedi als Gärtner, der Unkraut vernichtet, um Nutzpflanzen zu erhalten. Shatterpoint wiederholt das Bild und erklärt den Jedi zum Kämpfer für Gerechtigkeit als Schöpfungsmacht der Zivilisation, die wiederum Basis für den vielbeschworenen Friedensleitsatz der Jedi ist.
In Vietnam also doch nichts Neues? Nun, wie man es nimmt. Wer die New-Jedi-Order-Reihe und damit Traitor gelesen hat, wird genug über galaktische Kriege und ihre Schrecken mitbekommen haben, daß es für die nächsten Dekaden reicht. Wer diese Erfahrung noch nicht gemacht hat, ist mit Shatterpoint recht gut bedient und hat hierbei den Vorteil, nicht erst 40 Romane lesen zu müssen, um alle Anspielungen zu verstehen, die der Autor in seine Nebensätze eingestreut hat.
Also, Shatterpoint ohne Traitor, ja. Aber Traitor ohne Shatterpoint auf keinen Fall.
Denn was Stover getan hat, ist was andere Autoren vor ihm nie wirklich erreicht haben. Dank Stover haben die Jedi der Klonkriege nun die gleichen Probleme durchgemacht, die die Jedi der New-Jedi-Order-Ära noch bewältigen müssen. Damit ist der direkte Vergleich möglich geworden, der einerseits die beiden Epochen verbindet und Kontinuität aufzeigt und andererseits ihre fundamentalen Gegensätze herausarbeitet: sind die Jedi der Klonkriege bewährte Friedenswächter, deren Rollenverständnis auf einer jahrtausendealten Tradition fußt, wissen die Jedi des Yuuzhan-Vong-Kriegs mit sich selbst noch recht wenig anzufangen und haben noch nicht einmal ihre Vorkriegsrolle verstanden, als sie sich unerwartet ihrer Position im Krieg bewußtwerden müssen.
Und das Fazit? Eingeschränkt lesenswert. Wer die Jedi in Erinnerung behalten will, wie sie zu ihren Hochzeiten waren, sollte dieses Buch, wie alle Romane über die Klonkriege, besser im Regal lassen. Wer hingegen "Realismus" - sofern in einer fiktionalen Welt möglich - sucht und kein Problem damit hat, seine Existenz in Zweifel zu ziehen, ist mit Shatterpoint gut bedient.
Natürlich mit der englischen Fassung, die deutsche ist - wen wundert's? - das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurde.