Ich hab' gezögert. Ich hatte vor der Lektüre des Ganzen einen merkwürdigen Eindruck von Bloodlines, bestimmt durch einen ganzen Haufen an Halbwissen und Vorurteilen: 1. Das Buch wurde parallel zum Vorgänger geschrieben, nicht danach. 2. Die beiden weiblichen Autoren der NJO haben die beiden Tiefpunkte selbiger Serie abgeliefert (nicht fair, aber fakt). 3. In einigen Reviews wurde Bloodlines als "schlechter als Betrayal" bezeichnet. 4. Karen Traviss hat sich in ihren bisherigen zwei Star Wars Büchern (die ich noch nicht gelesen hab) mit dem Gefühlsleben von Klonen beschäftigt - ah... 5. Jetzt will sie Boba Fett wieder ausgraben.
Mit ungefähr diesen Gedanken ging ich an Bloodlines. Weniger als eine Woche später kann ich die Punkte 1 bis 6 zu den Akten verbannen und sagen: 7. Karen Traviss bildet zusammen mit Matt Stover die Zukunft der Star Wars Romane.
Zum Buch selbst: Während zu Zeiten der NJO der Titel eines Buches in schwachem bis gar keinem Bezug zum Inhalt stand, ist in Band 1 und 2 von LotF exakt das drin, was drauf steht: Bloodlines ist ein Buch über Familie, mehr noch als der Vorgänger von Allston. Zu den großen Stärken des Ganzen gehören zuallererst die Charaktere. Im Ernst, ich habe noch nie ein Star Wars Buch gelesen, dass nahezu ohne jede Action auskommt und trotzdem blendend funktioniert. Hin und wieder ein Blasterschuss, eine einzige kurze Raumkampfszene,... Mehr ist nicht drin, mehr ist nicht nötig. Halt doch, Traviss ist spätestens nach den zwei Republic Commando Büchern die Meisterin der Boden-Spezialeinheit-Einsätze und die sind dann doch für etwas auflockernde Action gut, wenn auch aus gutem Grund keine plumpen Schusswechsel.
Aber Fokus liegt auf den Charakteren und die sind ausnahmslos erstklassig dargestellt: Allen voran Boba Fett, der exakt so ist, wie man sich einen gealterten Kopfgeldjäger vorstellt. Praktisch am laufenden Band liefert Fett logische und nachdenklich-machende Bezüge zu 70 Jahren Lebensgeschichte, angefangen mit dem Tod seines Vaters in den Filmen. An Stelle Zwei stehen Jacen und Ben Skywalker, deren Denkweise und Beziehung untereinander erstklassig gemacht ist, umringt von dem bekannten Ensemble aus dem Vorgänger und der NJO. Bloodlines ist glaubhaft. Irrsinnig glaubhaft, weit mehr als die meisten anderen Star Wars Bücher. Jede einzelne Handlung jedes einzelnen Charakters passt absolut perfekt.
Das einzige, was mir gelegentlich merkwürdig vorkam, ist nicht Traviss' Schuld, sondern einfach ein Schnitzer in der Reihe: Nachdem in Betrayal bereits zwei große Schlachten ausgetragen wurden, dachte man als Leser: Okay, jetzt herrscht also plötzlich (!) Krieg. Bloodlines geht einen Schritt zurück. Die Story ist praktisch ein einziger großer Abstieg, über immer neue Anschläge und Erschütterungen des Friedens vollzieht Bloodlines praktisch das nochmal in langsam, was Betrayal sehr gehetzt hat. Anders ausgedrückt: Ich hätte Traviss mit Bloodlines den ersten Band gegeben und viele Storyelemente von Betryal an Platz Zwei gestellt. So wie es jetzt ist, wirkt es sehr so, als hätte Allston schnelle, große Action liefern sollen, und Traviss muss nun hinter ihm herräumen und das ganze nachträglich glaubhaft machen. Was sie ja schafft, aber wie gesagt: Man hätte da ein bisschen was tauschen sollen.
Das gilt auch für Jacen Solo, dessen Abstieg in Bloodlines sehr viel realistischer und bedrückender wirkt, als noch in Betrayal. Hier möchte ich allen Lesern raten, Bloodlines möglichst schnell und am Stück zu lesen. Grund ist folgender: Wenn man keine großen Lesepausen hat, dann ist man so tief in der Geschichte drin, dass man Jacens Handlungen einfach nachvollziehen kann, da man alle Entwicklungen aus vorherigen Szenen noch im Kopf hat. Nach einer Pause von z.B. einem Monat weiterzulesen stelle ich mir sehr verwirrend vor.
Fazit: Erstklassiges, ungewöhnliches Star Wars Buch, das zwar mehr eine Explosion vorbereitet als selbst eine bietet, den Vorgänger jedoch übertrifft und wunderbar ergänzt. Die Zukunft der vergangenen Galaxis ist so gut wie gerettet.