Mein erster Krieg-der-Sterne-Roman war Das letzte Kommando. Mal davon abgesehen, dass der dritte Teil einer Trilogie ein etwas unpraktischer Einstand ist, war ich begeistert. In den folgenden Monaten besorgte ich mir weite Teile der Bantam-Romane, um alles zu verschlingen, auf dem das Star-Wars-Logo prankte. Einige dieser Romane waren solide, einige wenige äußerst unterhaltsam, viele waren schwacher Durchschnitt und einige unterirdischer Schrott.
Del Rey war offenbar der gleichen Meinung, als dort die Entscheidung fiel, mit der New Jedi Order neues Leben und neuen Tod in den Krieg der Sterne zu pumpen. Die Folgen waren jedenfalls dramatisch, wurde mit der New Jedi Order doch das gesamte Krieg-der-Sterne-Weltbild ordentlich durchgerüttelt und später nur noch teilweise wieder zusammengefügt. Den handelnden Figuren scheint das nicht viel getan zu haben, sie rennen noch im Rentenalter durch die Galaxis, um den nächsten Krieg zu führen, die nächste Katastrophe wegzustecken und den nächsten Freund unter seltsamsten und unnötigsten Umständen zu verlieren. Das Romanuniversum kam nicht ganz so ungeschoren davon: Bis heute steigert sich jede neue Reihe, jeder neue Einzelroman weiter in den Blutrausch hinein, den die New Jedi Order einst auslöste. Krankeste Gewaltorgien sind alltäglich geworden, widerlichste Schurken tarnen sich als missverstandende Opfern mit schwerer Kindheit und absurd menschenverachtende Kriegerkulte sind die nachahmungswürdisten Helden überhaupt. Wäre das Romanuniversum ein Mensch, man könnte glauben es mit einem Amokläufer mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma zu tun zu haben.
Ich für meinen Teil hatte jedenfalls schon vor Jahren jede Hoffnung aufgegeben, noch einmal einen Krieg-der-Sterne-Roman lesen zu dürfen, der sich nicht im Dreck suhlt, um die niedersten menschlichen Instinkte anzusprechen.
Und dann kam Knight Errant. Meine Erwartungen waren sehr gering: Zu oft schon hatten Romane auf ganzer Linie zu enttäuschen gewusst. Doch schon nach den ersten paar Seiten war klar, dass Knight Errant anders ist. Große galaktische Kriege gibt es hier nur weit im Hintergrund, im Vordergrund stehen Abenteuer, Spionagethriller und die spannende Frage, wieso es eigentlich zur verfahrenen Situation im Sith-Gebiet kommen konnte. Wieso tobt dort ständig Krieg? Wer sind diese zahllosen "Sith-Lords" überhaupt? Was ist da los?
Im Mittelpunkt des Romans - und der dazugehörigen Comics - steht Kerra Holt, eine Muster-Jedi, die trotzdem schlicht und ergreifend überfordert ist: Zum einen wegen ihres Alters - sie ist ihrem Padawanzöpfchen kaum entwachsen -, zum anderen, weil sie allein gegen endlose Sith-Miniimperien steht. Über die sie noch dazu nicht besonders viel weiß. Kerras größtes Problem besteht allerdings darin, dass sie zwar das Richtige tun will - also jeden Sith zu lynchen -, die Konsequenzen aber als Kämpferin für das Gute nicht einfach abnicken kann. Soll sie sich im Kampf gegen einen Sith-Lord opfern, wenn es noch hundert andere gibt, die auch nicht besser sind? Soll sie es riskieren, einen Sith-Lord zu stürzen, wenn dies nur zur Folge hätte, dass zwei oder drei andere raubend und mordend in sein Territorium einbrechen?
Kerra Holt kämpft nicht für die Republik und nicht für die Jedi, sondern - und das macht sie trotz ihrer Sturheit, ihrer Planungsbesessenheit und einiger seltsamer Entscheidungen so sympathisch - sie kämpft für das Volk. Genauer gesagt für alle Völker, die unter der Herrschaft der Sith - die erstmals seit langem nicht als fehlgeleitete Idealisten dargestellt werden, sondern als die machthungrigen, brutalen, abgrundtief bösen Egomanen, die sie sind - dahindarben und für die es schon einen Hoffnungsschimmer darstellt, wenn ihre Kinder oder deren Kinder eines fernen Tages auch nur einen Hauch von Freiheit genießen können.
Kerras Kampf um diesen Hauch von Freiheit führt dabei in drei Sith-Reiche, deren unterschiedliche Herrscher und Herrschaftsideologien John Jackson Miller wundervoll ersonnen und ausgestaltet hat. Nur eines haben diese Sith gemein: Sie sind jeweils von einem Gedanken, einem Plan, einem Weg zur absoluten Macht besessen - was für den einen die Selbststilisierung zum Schöpfer des Universums ist, ist für den nächsten die Überzeugung, das Universum vernichten zu müssen, jedes Lebewesen zum Teil seinerselbst werden zu lassen oder das Chaos zum Mittel einer galaktischen Ordnung zu erheben. Durch ihre bewusst ausgelebte Farbenblindheit sind Millers Sith-Lords wundervoll einseitige Geschöpfe, Comicschurken in bester Vader-Tradition, gegen die man jeden Held gerne ins Feld ziehen sieht. Und als wäre dieser Abenteuergeist, diese Rückkehr zur Urtradition des Kriegs der Sterne, nicht schon Grund zur Freude genug, hat Miller seine Welt ins finsterste Mittelalter gestürzt. Drachen tauchen zwar nicht auf, davon mal abgesehen ist das dunkle Zeitalter aber allgegenwärtig: Alte Technik versagt, neu ist nur, was wiederentdeckt wird, absurdester Aberglaube hat um sich gegriffen, und aus einem vielbefahrenen Sternenmeer ist ein stiller Ozean geworden, aus dem die einzelnen Sith-Reiche wie Inseln herausragen. Wann seit 1977 hatte ein Held im Sternenkrieg eine so märchenhafte Welt zu durchwandern?
Um es kurz zu machen: Knight Errant ist - anders kann ich es nicht sagen - ein kleines Meisterwerk, mit einer faszinierenden Welt, sympathischen Helden und Schurken und einem großen Mysterium, das einen Seite für Seite gespannt verschlingen lässt. Die begleitende Comicreihe kann also kommen, aber auch und gerade ein Fortsetzungsroman wäre unbedingt wünschenswert!