Bevor man sich dieses Buch legt sollte man sich in vielerlei Hinsicht gut vorbereiten, zum Einen was den sprachlich sehr hoch angesetzten Stil der Übersetzung angeht, wie auch des wissenschaftlichen Anspruchs des Autors. Anatomie einer Saga ist kein Buch, dass für jeden Star Wars-Fan zu empfehlen ist, auch nicht unbedingt für den so genannten harten Kern, den Hardcore-Fans, die alles kaufen und lesen wo nur Star Wars draufsteht. Das Buch ist eine wissenschaftliche Arbeit eines französischen Professors der Filmwissenschaften und damit Lichtjahre von dem entfernt was sonst so an Büchern über die Saga kursiert.
Der Inhalt:
Die Analyse selbst ist eine genaue Abhandlung des Phänomens Star Wars, mit besonderem Fokus auf die Filme, anhand derer Jullier die ungemeine Faszination des Kriegs der Sterne begründet. Neben der Saga als Ganzem beschäftigt sich der Autor auch mit den Filmen im Einzelnen und diversen Handlungen die sich als roter Faden durch beide Trilogien ziehen. Dabei greift er gelegentlich auch auf Vergleiche mit anderen Filmen und Werken der Literatur zurück (von Ben Hur bis Faust und Flash Gordon).
Dem Vergleich mit gängigen Filmmagazinen sollte man Anatomie einer Saga natürlich nicht unterziehen, denn das Buch stellt die Filme nicht vor, es zerlegt sie in ihre kleinsten Teile und erfasst die dem Film zugrunde liegenden Elemente, wie die Charaktere, die Jullier anhand der jungschen Archetypen analysiert. Anders ausgedrückt, Jullier erklärt dadurch die Helden von Star Wars, als der junge Held", der alte Zauberer/Krieger", die schöne Prinzessin", der Schurke", der treue Gefährte" und der böse Zauberer/Bösewicht". Es sind genau diese in verschiedenen Filmen, Fabeln und Erzählungen immer wiederkehrenden Charaktertypen die laut Jullier und darin stimmt er mit teils auch weniger anspruchsvollen Experten überein, zum Phänomen beigetragen haben, da man sich durch diese bewährten Elemente wiederum mit den Charakteren so gut identifizieren kann.
Auch geht er auf den markanten Unterschied zwischen der alten" und neuen" Trilogie ein, welche er mitunter in einem geschichtlichen Kontext (dem Vietnam-Krieg und der Suche nach neuen Helden, die sich gegen das unterdrückende Establishment erheben) erklärt. All das ist jedoch nur einer kleiner Teil dessen was zur Analyse gehört, die hier aus Platzgründen nicht weiter erläutert werden soll.
Zum Buch:
Anatomie einer Saga ist wirklich verblüffend. Der Autor schafft es die Saga derart genau zu sezieren und Dinge zu enthüllen, die man sich vielleicht gedacht, aber nie ausgesprochen hat. Da er, nach eigener Aussage nie zuvor mit den Filmen in Kontakt gekommen ist, gehört er wohl auch zu den wenigen Personen die wirklich objektiv und unvoreingenommen an die Analyse herangehen können. Des wissenschaftlichen Anspruchs und hohen Niveaus ungeachtet strotzt das Buch jedoch vor Fremdwörtern und Anglizismen, wobei letztere für ein Buch welches aus dem Französischen übersetzt wurde, mitunter etwas seltsam anmuten. Die Übersetzung selbst kann man als vollen Erfolg betrachten, denn die Wortwahl und Sinnhaftigkeit des Autors dürften nahezu verlustlos erfasst worden sein. Problematisch ist jedoch, was dem langjährigen Fan wieder auffallen dürfte, dass es zu Fehlübersetzungen gekommen ist (Ein gutes Beispiel dafür ist Seite 280, wo der Originaltext aus dem Englischen, den Jullier auf Französisch vor sich hatte, wieder mitübersetzt wurde, wobei eine deutsche Übersetzung dieses Textes aus dem Englischen existiert hätte). Trotzdem, mein Lob für die Übersetzerin.
Größtes Manko des Buchs dürfte vor allem der Preis sein, der sogar weit über dem Durchschnittspreis von Hardcover-Büchern liegt. Kombiniert man das mit dem überaus hohen Anspruch des Buches, den gelinde gesagt hochtrabenden Ausdrücken, so ist vom Kauf schon eher abzuraten, denn Anatomie einer Saga" ist alles andere als ein populärwissenschaftliches Sachbuch. Gelegentlich fragt man sich sogar, für wen dieses Buch geschrieben wurde, ursprünglich wohl kaum für den einfachen" sondern filmwissenschaftlich interessierten Leser (aus französischen Akademikerkreisen). Wer sich jedoch unbedingt kritisch mit den filmwissenschaftlichen Hintergründen (mit eindeutiger Betonung auf wissenschaftlich) von Star Wars befassen will und dabei nicht auf Kosten achten muss, dem dürfte dieses Buch unter diesen Umständen Freude bereiten, wird doch so ziemlich alles geboten, was selbst hohen Ansprüchen genügt. Dennoch meine Empfehlung für all jene die es nicht lassen können, das Buch macht sich sicher gut im Regal und wirft ein gutes Licht auf seinen Besitzer, falls man einmal beweisen möchte wie gebildet man ist (selbst wenn man es nicht ausgelesen hat).
Fazit:
Ein hochkomplexes Werk, das tiefer schürft als alles zuvor, bei dessen Preis und Anspruch man es sich aber genau überlegen sollte.