Jede STAR TREK-Serie hatte seine eigene Schwäche-Phase. Vermeidbar ist sowas nicht, besonders nicht wenn sich das Leben einer ST-Serie über sieben Staffeln erstreckt. TNG schwächelte gleich zu Anfang und ackerte sich durch die ersten beiden Seasons, ehe ein konstant hohe Niveau erreicht und gehalten werden konnte; bei DS9 glich es mehr einer Berg- und Talfahrt, die Staffel-Qualität schwankte von Jahr zu Jahr. Im Falle VOY sieht es wieder ganz anders aus: Erst in den letzten beiden Staffeln war der Serie anzumerken, dass die besten Geschichten längst erzählt waren. Alles natürlich aus Sicht des Rezensenten betrachtet (nur um Missverständnisse zu vermeiden !).
Eigentlich unterhält Season Numero 6 gewohnt gut und hat eine Vielzahl sehenswerter Episoden zu bieten, darunter sogar ein paar kleine Highlights:
- Der starke "Equinox"-Zweiteiler wird direkt mit der ersten Folge zu Ende erzählt
- Tom Paris verfällt beinahe dem Einfluss eines denkenden Alien-Shuttles ("Alice")
- die Crew stößt auf den viele Jahrhunderte verschollenen Mars-Projekt-Orbiters ("Ein kleiner Schritt")
- die Anwesenheit der Voyager beeinflusst die Geschichte eines Planeten, auf dem die Zeit vielfach schneller abläuft als im Orbit und darüber hinaus ("Es geschah in einem Augenblick")
- der Holo-Doc versucht das Leben seines sterbenskranken Schöpfers zu retten ("Rettungsanker")
- Kes kehrt zurück und will sich für die Zeit auf dem Schiff, wo sie zur Weiterentwicklung und Entfaltung ihrer Fähigkeiten ermutigt wurde, an Janeway rächen ("Voller Wut")
- Ein tot geglaubtes, von fremden Wesen wiederbelebtes Crew-Mitglied möchte zurück zur Voyager ("Asche zu Asche")
Aber: das vorletzte Jahr von Janeway und Co. steht allgemein sehr stark im Zeichen der Borg. Ehemalige Borg hier, frisch vom Kollektiv Getrennte da, dazu noch Massen von Borg, die in einer selbst geschaffenen virtuellen Welt ihren Individualismus auszuüben versuchen, und in fast all den betreffenden Episoden ist zwangsläufig auch Seven of Nine involviert. Ich würde mich normalerweise nicht darüber beschweren, weil ich gerade Seven zu einer meiner liebsten VOY-Charaktere zähle. Doch von der "Regelmäßigkeit" der Borg-Thematisierung bin irgendwann auch ich schnell gesättigt, und es fällt schon auf, dass der Rest der Crew im Vergleich zu den früheren Jahren seltener im Zentrum steht.
Die Schiffbesatzung vergrößert sich (vorübergehend) mit der Aufnahme einer kleinen Gruppe nicht vollständig assimilierter Kinder, und wer anfangs denkt, dass auf jeden Einzelnen näher eingegangen wird, muss auch hier mit nicht erfüllten Erwartungen rechnen. Seven hält als strenge Aufsichtsperson die Zügel in der Hand, und einzig der Älteste unter den Neuankömmlingen, Icheb, bekommt gelegentlich die Möglichkeit, sich ein wenig hervor zu tun. Bei vier aus dem Kollektiv getrennten Kids sind drei zuviel.
Zu seinem Glück fällt Staffel 6 trotz dieser Einspurigkeit "nur" auf oberes Mittelmaß ab, weil die restlichen Episoden inhaltlich ausreichend Abwechslung bieten und zudem ein paar TNG-Charaktere mit Gastauftritten mitmischen, die sich nicht auf ein schnödes "Hallo" beschränken. Der erste Live-Kontakt mit der Erde gehört hier selbstredend zu den bewegendsten Momenten. Anzumerken wäre auch, dasst das Holo-Deck - von ein paar Folgen ("Dame, Doktor, As, Spion", "Fair Haven" und "Das Geistervolk") mal abgesehen - dieses Mal eine untergeordnete Rolle spielt und sich die meisten Abenteuer vermehrt in der Realität ereignen. Eine gut überlegte Entscheidung, schließlich gab es in den vergangenen Staffeln Simulations-Abenteuer zur Genüge.
Fazit:
Der Alpha-Quadrant verliert in Staffel 6 ein wenig an Reiz, weil zwischen dem Borg-Schwerpunkt und den individuellen Erlebnissen einzelner Crewmen nicht mehr die gewohnte Ausgewogenheit herrscht. Anfang, Mitte und Ende von Season 6 sind von den Aliens mit Assimilationsdrang zu stark gekennzeichnet, zumindest nach meinem Gefühl. Die meisten der restlichen Episoden unterhalten weiterhin gut, auch wenn einem die eine oder andere Handlung wie bereits (in abgewandelter Form) erzählt vorkommt. In meinen Augen die bis hierhin schwächste Staffel der Serie.