Vorbemerkung
Zwei Dinge liegen derzeit bei der Star Trek-Belletristik voll im Trend. Zum einen hat Pocket Books seit dem Millennium damit begonnen, den einzelnen Serien einen Relaunch - eine waschechte Fortsetzung in Buchform - zu verpassen. Zum anderen wurde gerade in diesem Zusammenhang immer öfter darauf geachtet, den so genannten Canon zu berücksichtigen. Dieser heilige Gral des Franchise steht gemeinhin für die Andickung neuer Romane mit möglichst reichhaltigen Bezügen aus Episoden und Filmen, ganz einfach um das Erleben eines solchen Star Trek-Abenteuers noch authentischer zu gestalten.
Mehr noch: Indem manch bislang lose Geschichtsfäden miteinander verwoben werden, können Autoren nicht nur ihr Wissen über das Star Trek-Universum unter Beweis stellen, sondern im besten Fall, begleitet durch einen ordentlichen Schuss Kreativität, beim Leser neue Tatsachen und besondere Aha-Effekte schaffen. So wird mit der Vorlage aus TV und Kino nicht gebrochen; vielmehr wird sie durch die Lizenzromane geehrt und bereichert.
Bis zum Jahr 2005 ist bei diesem Trend nur eine einzige Ausnahme zu erkennen: TOS, die ursprüngliche Serie Gene Roddenberrys, blieb von etwaigen Relaunchversuchen im modernen Sinne bislang weitestgehend ausgespart. Wer nach den Gründen hierfür fragt, wird eine Menge Antworten bekommen. Zunächst war ein TOS-Relaunch (trotz abgebrochener Bemühungen in den neunziger Jahren, die verlorenen Jahre zwischen dem Ende der dritten TOS-Staffel und Der Film zu füllen) aus Sicht von Pocket Books wohl nicht wirklich reizvoll, weil die Filme ohnehin die Geschichte der Serie in großen Zügen weiter erzählen, und zwar bis hin zum Tod des großen James Kirk. Zudem ist jemand wie Spock noch im 24. Jahrhundert zu sehen und sein Werdegang in weiten Teilen bekannt.
Hinzu kommt speziell im Buchsektor eine bislang von anderen Serien unerreichte Zahl von Einzelabenteuern, welche in den letzten dreißig Jahren gediehen sind und die zeitlichen Lücken zwischen TV-Folgen und Filmen zusätzlich füllen. Dann hat sich vor einer Weile obendrein noch William Shatner mit einer eigenen, aus dem Canonsystem vollends ausbrechenden Fortsetzung der Kirk-Saga (dem so genannten Shatnerverse) ins Getümmel des Bestehenden gestürzt.
Kurzum: Bei der herrschenden Gemengelage im TOS-Sektor hätte es die Verwirrung wohl komplett gemacht, einen Relaunch nach üblichem Muster zu stricken, der die bekannten Hauptfiguren begleitet. Pocket Books wäre Gefahr gelaufen, sich beim Leser in unnötige Widersprüche zu verheddern. Vor allem hätte man einen Ballast von bisherigem Storymaterial zusammentragen müssen, was freilich den Spielraum für substanzielle Neuigkeiten gegenüber Nacherzählungen arg geschmälert hätte. Die Wahrheit ist recht eindeutig: Über Jim, Spock, Pille und Co. ist einfach schon zu viel erzählt worden.
Die Entscheidung, TOS nicht doch irgendeinen neuen Relaunch für eine bestimmte Zeitperiode zu verpassen (z.B. mit Blick auf das niemals im Fernsehen gezeigte Phase Two), sondern stattdessen Vanguard zu erschaffen, trägt all den genannten Problemen Rechnung. Trotzdem lässt es sich Vanguard nicht nehmen, das Classic-Universum wieder zum Leben zu erwecken. Ganz im Gegenteil: Mit neuen Gesichtern und viel ungewohnter Atmosphäre soll das Ziel erreicht werden, die Story jener Welt einzufangen, in der die (produktionstechnisch) erste Star Trek-Generation zuhause ist.
Vanguard ist - wenn auch kein eigentlicher TOS-Ableger - nach Bekennen von Marco Palmieri insbesondere eine Ergänzung und Vertiefung der klassischen Geschichte, die bislang nicht in größeren Zusammenhängen (also über die unmittelbaren Enterprise-Missionen hinaus) betrachtet wurde. Gleichzeitig kann Vanguard aber auch als kleines Experiment gesehen werden für eine Interpretation von Star Trek im 21. Jahrhundert. Insofern liegt eine gewisse Ironie darin, dass gerade auf dem Sockel der angestaubten Sixties-Serie eine Innovation begründet werden soll. Dazu passt der Cameoauftritt der Enterprise-1701 im Auftaktroman von Vanguard: Kirk und seine Leute halten einer Schar neuer Helden die Hand, die sich mit ihren Abenteuern am langen Ende einreihen sollen in den Reign von TOS und den Glanz früherer Tage auf eigene, unorthodoxe Weise erneuern sollen.
Inhalt
Dabei setzt Vanguard dort an, wo TOS selbst gerade seinen Auftakt genommen hat: Schwer beschädigt, befindet sich die Enterprise anno 2265 - nach den Ereignissen aus Spitze des Eisbergs - auf dem Flug zurück in die Föderation. Mit dem Verlust seines Studienfreunds Gary Mitchell hat der blutsjunge James Kirk soeben seine erste Bewährungsprobe als Kommandant hinter sich gebracht. Der Weg zum nächsten Trockendock ist vom Rand der Galaxis noch weit, und es scheint so, als hätte Kirk jede Menge Zeit, um die zurückliegenden Geschehnisse zu verdauen.
Doch weit gefehlt: Noch etliche Monate vom eigenen Raum entfernt, taucht beim Streifen der bis dato so gut wie unerforschten Taurus-Ausdehnung aus dem sprichwörtlichen Nichts ein Außenposten der Sternenflotte auf. Sternenbasis 47, Codename Vanguard, ist eine gewaltige, autarke Konstruktion der Watchtower-Klasse, die, gelegen am Rand der Taurus-Region, auf eine Reihe eigener Fregatten und Kreuzer zurückgreift. Kirk und seinen Leuten geht beinahe die Kinnlade herunter, als sie in Reichweite der Station kommen, die laut Datenbank erst in den kommenden Jahren hätte gebaut werden sollen und daher gar nicht existieren dürfte.
Übereifrig und im Windschatten anderer Ereignisse hat die Sternenflotte hier offenbar ein Sprungbrett in unbekannte Stellargrade geschaffen, weit abseits von ihrem Hoheitsraum. Kein Wunder, dass da Fragen aus dem Kraut schießen, die sich beileibe nicht nur der Captain der Enterprise stellt: Warum wurde die Konstruktion von Vanguard so vorangetrieben? Wieso sind der Basis - anders als ursprünglich geplant - drei Schiffe der Sternenflotte permanent zugeordnet, ganz zu schweigen von einem Netzwerk aus zivilen Kolonien, das sie koordiniert? Was macht die Taurus-Region für die Wirtschaft und die Kolonisation wertvoller als zum Beispiel den Kalandra-Sektor, der deutlich näher am Föderationsraum gelegen ist? Und last but not least: Warum wurden überhaupt derart immense Ressourcen darauf verwendet, eine große Raumbasis am Ende des erforschten Raums im Rekordtempo fertig zu stellen, wo diese doch im Konflikt mit den Klingonen weit dringender benötigt worden wären? Was zum Teufel will die Sternenflotte eigentlich hier, im Nirgendwo?
An Bord der riesigen Station geht auch der Journalist Tim Pennington diesem Rätsel nach und wird immer wieder von Jetanien, dem Föderationsbotschafter auf Vanguard, und dem verschlossenen Befehlshaber, Commodore Diego Reyes, mit floskelhaften Antworten abgespeist. Längst sind auch die Klingonen und Tholianer, an deren Territorium die Taurus-Gegend angrenzt, in Lauerstellung verfallen, möchten sie doch genauso in Erfahrung bringen, wonach die Föderation in der unbekannten Ausdehnung auf der Suche ist. Auf dem diplomatischen Parkett brodelt es bereits, und so hat die Taurus-Region das Zeug dazu, in absehbarer Zeit ein politischer Zankapfel zwischen den Großmächten zu werden. Festzustehen scheint bislang nur, dass die Sternenflotte sich zivilies Engagement zunutze macht, indem sie Planeten eilig von Kolonisten besiedeln lässt, um ihre friedliche Ausdehnung in diesem Gebiet zu rechtfertigen. Kurz darauf vollzieht Reyes nicht selten militärische Enteignungen, womit er sich den Zorn der Justizabteilung auf SB 47 zuzieht.
Kirk ist diese Angelegenheit nicht geheuer. Während sein Schiff die wohl verdiente Überholung im Dock von Vanguard spendiert bekommt, macht er sich auf die Suche nach ein paar Antworten. Die zu bekommen ist schwerer, als er zunächst angenommen hat. Bei Reyes, einer beunruhigend zugeknöpften Persönlichkeit, beißt er auf Granit. Der Stationsleiter will sich vom unebenbürtigen Captain nicht in die Karten schauen lassen. Letztlich ist es ein unglückliches Ereignis jenseits von Kirks Nachforschungen, das der Diskussion um das Vanguard-Mysterium neuen Auftrieb gibt: Die U.S.S. Bombay, ein SB 47 zugeteiltes Versorgungsschiff der Miranda-Klasse, wird im Ravanar-System aus dem Hinterhalt von sechs tholianischen Schiffen angegriffen und vernichtet.
Für Tim Pennington ist dieser schier grundlose Zwischenfall, der die Bedrohung eines systemweiten Kriegs gegen die Tholianer in Aussicht stellt, ein gefundenes Fressen, um seinen investigativen Journalismus zu Höchstform auflaufen zu lassen. Durch die Informationen, die er mit Glück und Vitamin B hinter den Kulissen in die Hände bekommt, findet er heraus, dass die Bombay nicht direkt zerstört wurde, sondern ihr Captain vielmehr die Selbstzerstörung aktivierte - und eine Ladung an Bord hatte, von der die Tholianer um keinen Preis etwas in Erfahrung bringen durften.
So wird schließlich Kirk darauf aufmerksam, dass der Grund für Vanguards Existenz noch heikler ist, als ihn sein Bauchgefühl vermuten ließ. Er geht zurück auf einen Beschluss abgeschotteter diplomatischer und Geheimdienstkreise, zu denen auch Reyes und der kleine Zirkel seiner Vertrauenspersonen auf Vanguard gehören. Nun versuchen diese verschwörerischen Elemente zu verhindern, dass die Wahrheit ans Tageslicht gerät: Sie starten eine Desinformationskampagne, die kaum Skrupel kennt...
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