Was zu vermuten war, bestätigt sich eindrucksvoll von der ersten bis zur letzten Seite des Buches: David Mack ist der Garant für eine getreue Fortsetzung der Vanguard-Reihe. Denn während Rufe den Donner, geschrieben vom Tandem Ward-Dilmore, in vielen Teilen eine Art Intermezzo darstellte, nimmt der dritte Spross Ernte den Sturm wieder Kurs auf die Rahmenhandlung des Projekts. Um den Shedai-Plot rankt sich diesmal ausnahmslos die komplette Geschichte: Das ominöse Volk erwacht und wird immer bedrohlicher; Tholianer mühen sich um Spurenverwischung und Klingonen werden von machtpolitischer Entfesselung getrieben. Dazwischen liegt die Föderation mit Vanguard-Station, wo Diego Reyes um ein neuerliches Mal keine andere Wahl bleibt als auf Risiko zu spielen.
Das alles hört sich nicht nur atemlos und nervenaufreibend an - Mack bringt es in gewohnter Manier auch so herüber. Mithilfe seines charakteristischen Stils, der so etwas wie einen gesunden Minimalismus hochhält, gelingt es dem Autor, selbst die komplexesten Zusammenhänge sowie ein übergroßes Aufgebot an Gastrollen auf relativ wenigen Seiten verständlich abzuhandeln. Er konzentriert sich aufs Wesentliche für seine Geschichte. Ebendies verleiht auch dem dritten Vanguard-Roman eine explosive Kompaktheit, die gegenüber anderen Trekbook-Reihen ihresgleichen sucht und Mack zweifellos zu einem der gegenwärtigen Topautoren macht.
Auch beim Spannungsbogen bleibt er konsequent: Ohne an dieser Stelle Inhalte vorwegzunehmen, so lässt sich doch sagen, dass am Ende dieses Werks nichts mehr beim Alten bleibt und die Eskalation in der Taurus-Region großen Schritts fortschreitet. Die Shedai haben keine Skrupel, Tholianer als ,Batterien' für ihre Weltuntergangsmaschinen zu verwenden; die Klingonen nähern sich einem Krieg mit der Föderation und Reyes geht für seine Geheimnisse sprichwörtlich über Leichen.
Bliebe noch zu fragen: Wie verhält es sich mit den Charakteren? Obwohl diesmal das persönliche Techtelmechtel eher im Hintergrund steht und die Protagonisten die Getriebenen der allgemeinen Handlung sind, faszinieren nach wie vor die zwischenmenschlichen Ambivalenzen. Bestes Beispiel hierfür sind Pennington und Quinn, die derweil eine Freundschaft verbindet, wobei allerdings in ihrem tiefsten Innern ein Geheimnis existiert, das die denkbar größte Feindschaft heraufbeschwören könnte. Ähnlich verhält es sich mit Reyes und Desai: Privat Liebende, öffentlich institutionelle Gegner. Jetzt hat Mack diesen Bogen auch bei T'Prynn und Sandesjo weiter gespannt, nachdem die vulkanische Agentin ihre heimliche Liebhaberin als klingonische Spionin entlarven konnte.
Überhaupt hält Ernte den Sturm für manch einen Hauptcharakter der Geschichte bittere Konsequenzen bereit: Doktor Fischer kommt T'Prynns gefälschter Gesundheitsakte auf die Spur; T'Prynn selbst belastet das Leben mit einem aufgezwungenen Katra immer mehr; die überführte Sandesjo muss über ihre zersplitterte Identität und Loyalität neu nachdenken; Reyes schließlich ist am Ende mehr als nur für den Tod seiner Exfrau verantwortlich und wird von Desai zu einem Prozess abgeführt, der seine komplette Zukunft als Offizier bestimmen könnte. Einzig der ansonsten so prädestinierte Pechvogel Quinn scheint ausnahmsweise mal Fortuna zu haben, denn T'Prynn entlässt ihn offen aus seiner Bringschuld.
Nebenbei gesagt: Ein besonderer Griff ist Mack gelungen, indem er Carol Marcus am Ende des Romans auftauchen lässt. Der Konnex zum künftigen Genesis-Projekt räumt allmählich mit einer weiteren offenen Frage im Star Trek-Universum auf und ist eine Canon-Verknüpfung der allerbesten Sorte. Man darf gespannt sein, was Mack an dieser Stelle in Zukunft für uns bereithält.
Nun zur Conclusio. Ganz gewiss haben wir es bei Ernte dem Sturm mit einem Werk zu tun, welches das durch den Vorgängerroman etwas abgefallene Qualitätsniveau der Reihe beträchtlich steigert. Mehr noch: Mack verfolgt konsequent all die Eigenschaften, die Vanguard zu einem außergewöhnlichen Stück Star Trek machen, das sich viel näher an der Realität befindet. Trotzdem kommt das Buch nicht mehr ganz an die verschachtelte Genialität von Der Vorbote heran. Dort war jeder Charakter nicht nur treffend etabliert worden, sondern hatte auch eine Rolle inne, die ihm wie auf den Leib geschnitten war. Die Verzahnung läuft in Ernte den Sturm nur noch in Bezug auf einen Teil der Protagonisten gut, und zudem gibt es eine Parallelität von Handlungsbögen, die nicht wirklich zusammengeführt werden. Auch ist die Seitenzahl für meinen Geschmack zu aufgebläht; man hätte an mancher Stelle - ich denke an Actionszenen - durchaus mehr zusammenfassen können. Dafür - das muss auch gesagt werden - ist der Sprachstil gut und wird niemals ermüdend oder unauthentisch.
Nichtsdestoweniger gilt uneingeschränkt, dass wir uns glücklich schätzen dürfen, ausgerechnet diese außergewöhnliche Reihe auf Deutsch genießen zu dürfen. David Mack ist zurück - und lässt uns einem neuen Höhepunkt der Vanguard-Reihe entgegenfiebern. Ernte den Sturm ist weit mehr als nur ausgeklügelter Nervenkitzel; hier geht es um das Verletzen, um Intrigen und all die Widersprüche des Lebens. Star Trek erstrahlt in neuem Glanz. Glass it.