Nachdem der Heyne-Verlag seine Veröffentlichungen vor einigen Jahren eingestellt hat, gibt es also endlich auch für deutsche Star Trek-Fans wieder Nachschub in Romanform, seit der Cross Cult-Verlag die auf Englisch bereits eine Weile erhältlichen "The Next Generation"- und "Deep Space Nine"-Relaunch-Reihen auf den Markt bringt -- und eben auch die neue Reihe "Titan", die sich auf Rikers neues Schiff und Kommando konzentriert, das er am Ende des letzten Films "Nemesis" übernommen hat.
Während der DS9-Relaunch einfach großartig ist und nichts zu wünschen übrig lässt, war ich vom TNG-Relaunch enttäuscht, da zumindest die ersten drei Romane eher von mittelmäßiger Qualität sind. Um das Bild zu vervollständigen habe ich nun also mit vorsichtigem Optimismus zum ersten Band der "Titan"-Reihe gegriffen.
Zunächst sei gesagt, dass es besonders erfreulich ist, dass die einzelnen Romane dieser neuen Reihen nicht wie die früheren Bücher zu den Serien unabhängig voneinander im Raum stehen, sondern aufeinander aufbauen und nicht an Querverweisen (auch zwischen den Serien) sparen, so dass eine wirkliche Kontinuität entsteht. Es handelt sich also um eine echte Fortsetzung zu den Serien.
Nun aber zu "Titan 1 - Eine neue Ära": Ebenso wie der TNG-"Relaunch"-Roman "Tod im Winter" schließt "Eine neue Ära" nahtlos an die Ereignisse aus dem Film "Nemesis" an. Will Riker, bekannt als Erster Offizier der Enterprise, wurde zum Captain befördert und übernimmt das Raumschiff Titan. Natürlich braucht eine solche neue Romanreihe auch einen Aufhänger, um sich von den anderen Serien zu unterscheiden und hervorzuheben. Im Fall von "Titan" ist es die durchmischte Crew, von der nur 15% humanoid sind, die Mehrzahl aber aus sehr exotischen Spezies besteht - das im Fernsehen zu realisieren, wäre wohl zu teuer gewesen, aber eine Romanreihe kennt solche Einschränkungen natürlich nicht. So werden viele neue Aliens eingeführt, unter anderem der reptilische, saurierartige Chefarzt Ree, der sich liebend gern von rohem Säugetierfleisch ernährt. Dazu kommen ein bajoranischer Wissenschaftsoffizier, eine Ferengi-Ingenieurin und ein cardassianischer Kadett.
Die Vielzahl fremdartiger, neuer Aliens wird aber dadurch aufgefangen, dass auch viele dem Fan altbekannte Figuren eine Rolle spielen: Natürlich ist Rikers frisch angetraute Ehefrau Deanna Troi als Counselor und diplomatischer Offizier mit von der Partie. Leiterin der Stellarkartographie ist die an niedrige Schwerkraft gewöhnte Melora Pazlar aus der DS9 TV-Folge "Das Melora-Problem", bzw. den noch bei Heyne erschienenen TNG-Romanen "Kristallwelt 1&2". Als Ersten Offizier gewinnt Riker Christine Vale, die zwar nicht auf dem Bildschirm zu sehen war, jedoch in früheren Romanen als Sicherheitschef der Enterprise-E aufgetaucht ist (z.B. in der bisher nur auf Englisch erhältlichen "A Time to..."-Reihe). Sicherheitschef ist zunächst der unvereinigte, homosexuelle Trill Ranul Keru, der den Lesern bereits aus dem TNG-Roman "Sektion 31: Die Verschwörung" (noch bei Heyne erschienen) bekannt ist. Krankenschwester Alyssa Ogawa, bekannt aus der TNG-Serie, ist wieder in der Krankenstation tätig. Und nicht zuletzt ist Commander Tuvok natürlich den Zuschauern aus der TV-Serie "Voyager" bekannt: Er übernimmt am Ende des Romans den Posten als taktischer Offizier.
Nicht als permanentes Crewmitglied, jedoch als Gastrolle im ersten Roman taucht Admiral Leonard James Akaar auf (dessen Geburt in der TOS-TV-Folge "Im Namen des jungen Tiru" gezeigt wurde - natürlich wurde er nach Leonard "Pille" McCoy und Captain James Kirk benannt!), der einigen Lesern aus den bisher nicht auf Deutsch erschienenen Romanen "The Lost Era: The Sundered" und "Deep Space Nine: Mission Gamma" bekannt sein mag. Und natürlich gibt als besonderer Bonus Botschafter Spock höchstpersönlich ein Gastspiel!
Ein Mangel an Referenzen zum etablierten Star Trek-Universum lässt sich dem Roman also sicher nicht vorwerfen - sehr zur Freude der eingefleischten Fans, aber zur Verwirrung des Gelegenheitslesers. In der Tat ist "Titan" sicher nicht als Einstieg ins Star Trek-Universum geeignet, sondern richtet sich eindeutig an den langjährigen Fan.
Zur Story: Im Film "Nemesis" hat der remanische Picard-Klon Shinzon den romulanischen Senat ermordet. Nachdem er besiegt wurde, gibt es im romulanischen Reich ein Machtvakuum, sechs Fraktionen streiten um die Macht, wie im TNG-Relaunch-Roman "Tod im Winter" bereits beschrieben wurde. "Eine neue Ära" baut nun darauf auf: Riker erhält den Befehl, auf eine diplomatische Mission nach Romulus aufzubrechen, um in diesem internen Konflikt zu vermitteln und humanitäre Hilfe zu leisten. Dabei wird die Titan von einigen klingonischen Schiffen begleitet. Auch hierbei greift der Roman auf altbekannte Figuren zurück: Senator Pardek (aus der TNG-TV-Folge "Wiedervereinigung"), die Commander Donatra und Suran, sowie die neue Prätorin Tal'Aura (alle drei aus "Nemesis"). Währenddessen befindet sich Tuvok (aus der Serie "Voyager") als Romulaner maskiert auf einer Geheimmission auf Romulus, mit dem Auftrag, Botschafter Spock zu finden, der sich um den Aufbau einer Bewegung bemüht, die eine Wiedervereinigung von Romulus mit Vulkan vorantreiben soll. Tuvok wird inhaftiert und gefoltert, kann mit Hilfe einiger Remaner jedoch entkommen und wird schließlich von der Titan -- nebst Botschafter Spock -- an Bord geholt. Schließlich ist Rikers unkonvetionelle diplomatische Kreativität gefordert, um einen romulanischen Bürgerkrieg abzuwenden.
Die Story führt damit nicht nur die Entwicklung fort, die im Film "Nemesis" und im TNG-Roman "Tod im Winter" beschrieben wurde, sondern ist ebenfalls eine Fortsetzung zum TNG-TV-Zweiteiler "Wiedervereinigung". Darüber hinaus gibt es Referenzen zu dem Star Trek-Politthriller "Articles of the Federation"/"Die Gesetze der Föderation" von Keith DeCandido (soll im Juni ebenfalls bei Cross Cult erscheinen). Jedoch ist weder die Lektüre dieser beiden Romane, noch die der vielen anderen, weiter oben genannten, zwingend erforderlich, um der Story folgen zu können.
All das mag in der Zusammenfassung den Eindruck vermitteln, der Roman sei heillos überfrachtet, jedoch ist er sehr flüssig und unterhaltsam geschrieben. Es kommt Spannung auf und kann sich bis zum Ende des Romans halten, die Wendungen sind überraschend und die verschiedenen Elemente werden auf geschickte, gefällige Weise miteinander verknüpft. An keiner Stelle kommt der Eindruck auf, hier würde auf Teufel-komm-raus zusammengebracht, was nicht zusammengehört. Die Einführung der neuen Figuren ist weitestgehend gelungen, die bekannten Figuren werden treffend dargestellt und auch das Auftreten Spocks wirkt nicht erzwungen, sondern bereichert die Geschichte. Dabei ist die Haupthandlung eine gelungene Mischung aus Politik, Diplomatie und Action - genau, wie man es sich von einem guten Star Trek-Roman wünscht.
Im Großen und Ganzen ist auch die Prämisse, möglichst fremdartige Crewmitglieder zu beschreiben, durchaus gelungen: Es gibt "Titan" einen erfrischend originellen Anstrich. Erfreulich ist auch die Darstellung des homosexuellen Charakters Keru. Seine Homosexualität wird nur ganz beiläufig und selbstverständlich angedeutet, ohne in irgendeiner Weise bemüht oder verkrampft zu wirken, und ohne unnötig in den Vordergrund gezogen zu werden. Die Selbstverständichkeit, mit der das geschieht, zeigt uns: Im 24. Jahrhundert ist sowas eben keine große Sache mehr und verdient weder Ablehnung, noch besondere Aufmerksamkeit.
Ein paar kleinere Kritikpunkte gibt es dann aber doch: Die Flut der neu eingeführten, exotischen Alien-Crewmitglieder schießt etwas über das Ziel hinaus. Zwar soll der erste Roman der Einführung neuer Figuren dienen, jedoch wäre es wohl besser gewesen, diese Einführung über die ersten paar Romane zu verteilen, anstatt dem Leser gleich zu Beginn "die volle Dröhnung" zu geben. Es sind einfach zu viele Aliens, als dass das Interesse bis zuletzt aufrecht erhalten werden kann. Auch erscheint es absurd, dass der Sicherheitschef eine hochschwangere Sicherheitsoffizierin auf einen Kampfeinsatz mitnimmt -- aber das sind nur kleinere Ungereimtheiten in einer ansonsten gelungenen, spannenden Story.
Der Start der neuen Reihe "Titan" ist also durchaus gelungen und ich kann den Roman absolut weiterempfehlen -- allerdings mit der Einschränkung, dass Neueinsteiger und Gelegenheitsleser von der Fülle an Querverweisen ins umfangreiche Star Trek-Universum vermutlich überfordert sein dürften.
Die "technische" Seite: Die Aufmachung des Buches vom Cross Cult-Verlag ist rundweg gelungen. Schickes Cover, stabiler Buchrücken und ein sauberer Druck, der einen qualitativ höherwertigen Eindruck vermittelt als die früheren Veröffentlichungen bei Heyne. Negativ stößt aber die nachlässige Arbeit von Übersetzern bzw. Lektoren auf - viele Rechtschreib-, Tipp- und vor allem Kommafehler haben es bis in den Druck geschafft, was den Lesefluss zuweilen mehr oder weniger stört. Ansichtssache ist der Font, der kursive Schrift in einer Art Pseudo-Schreibschrift darstellt, den ich eher für Rosamunde Pilcher passend finden würde, als für Star Trek - aber das ist natürlich Geschmackssache.