THE NEXT GENERATION verkörpert für viele Fans genau das, was STAR TREK ist: die Vision einer erstrebenswerten positiven Zukunft, in welcher der Mensch sich über seinen aggressiv-kapitalistischen Egoismus hinaus entwickelt hat und sein Leben der Forschung und der Philosophie widmet.
Leider ist von dieser Serie nicht mehr viel übrig geblieben. Die vier Kinofilme setzten vor allem auf Action, Gewalt, aalglatte Handlungsgerüste und brachiale Effekte. Wer erst aufgrund dieser "Blockbuster" zum Fan wurde kann sich den Rückblick in die sieben TV-Jahre sparen.
Zur Zeit der TV-NEXT GENERATION wurden noch echte Modelle der Raumschiffe verwendet, sodass die damals nur schwer zu realisierenden (zu teueren) Actionsequenzen hinter den Geschichten zurückstecken mussten. Folglich konzentrierten sich die Drehbuchautoren mehr auf die Charaktere und ihre Dialoge. So entstanden mit der Zeit viele geniale Episoden, die im Gedächtnis der Fans haften blieben und bis heute thematisch nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
Vor allem ab der vierten Staffel, der magischen Erfolgsgrenze für alle bisherigen STAR TREK-Serien nahm die Handlungsdichte und die Qualität der Folgen zu.
SEASON 4 - BOX SET 2
In der zweiten Hälfte der Season finden sich daher einige der besten Episoden der gesamten Serie. Hier ein paar Beispiele:
Der Pakt mit dem Teufel (Devils Due) bescherte Ventax II ein Jahrtausend des Friedens. Doch nun kehrt Ardra, der Teufel dieser Welt, zurück und fordert von den Ventaxianern die vollständige Unterwerfung. Picard glaubt, dass Ardra eine Hochstaplerin ist und fordert sie auf ihre Identität vor einem Gericht zu beweisen.
In Beweise (Clues) stößt die Enterprise auf ein unwiderstehliches Rätsel, dessen Lösung für alle an Bord die Vernichtung bedeuten könnte. Data, der als einziger die Antwort kennt, ist gezwungen die Ermittlungen der Crew zu behindern, auch wenn ihn sein Handeln seine Karriere bei der Sternenflotte kosten könnte.
Erster Kontakt (First Contact) zeigt die Reaktion einer bislang isolierten Welt auf einen außerirdischen Eindringling - einen Menschen. Die Episode wird nahezu gänzlich aus der Sicht der Malcorianer erzählt, ein selten gewählter Erzählstil, der u.a. auch in Morgen ist gestern (CLASSIC-Serie) oder Herkunft aus der Ferne (VOYAGER) gewählt wurde.
Mit der jährlichen Q-Folge Gefangen in der Vergangeheit (Qpid) darf sich die Crew der Enterprise ausnahmsweise einmal ganz ungezwungen geben. Zum Komödienensemble gesellt sich auch Picards Freundin Vash (aus Picard macht Urlaub, Season 3), die in einem von Q-geschaffenen Szenario des Sherwood Forrest ihre Rettung durch Robin "Picard" Hood erwartet.
Eine Spagat aus Humor und Drama geht Die Auflösung (Half a Live), eine Episode die sich der Thematik des Älterwerdens und der des Sterbens widmet. Der äußerst amüsante Logbucheintrag von Deanna Troi, ein Einzeiler, erörtert die anfängliche Lage: "Meine Mutter ist an Bord." Doch die Handlung nimmt eine tragische Wende, als Lwaxana Troi von dem für sie unglaublichen Brauch eines Volkes erfährt: Selbstmord am 60.Geburtstag.
Das Standgericht (The Drumhead) verdeutlicht, dass auch im 24.Jahrhundert nicht alles perfekt ist. Die Ergreifung eines romulanischen Spions an Bord der Enterprise führt zu weitreichenden Ermittlungen bei der eine Hetzjagd vermeintlicher Komplizen selbst zur Verurteilung Unschuldiger führt. Diese Folge ist ein Geniestreich sondergleichen, denn der Spannungsaufbau bis hin zum bitteren Finale nimmt den Zuschauer gefangen und lässt diesen mit der erschütternden Erkenntnis über die Einfachheit von der Verführung zur Mittäterschaft und über die Gefahren schnell gefasster Vorurteile zurück. Genau diese Thematik wurde auch zu einer Grundlage der Serie DEEP SPACE NINE, die mehr als einmal eine Analogie zum Holocaust präsentierte.
Interessanter Weise ist diese Einzelepisode Teil eines groß angelegten Handlungsbogens, der mit den Episoden Die alte Enterprise und Die Sünden des Vaters (beide Season 3) begann und in der ersten Hälfte der vierten Staffel mit den Episoden Tödliche Nachfolge und Datas Tag fortgesetzt wurde. An diese knüpft wiederum Verräterische Signale(The Minds Eye) an, in der Geordi LaForge von den Romulaner entführt und manipuliert wird. Zurück an Bord der Enterprise soll er als Schläfer einen Mordanschlag auf einen klingonischen Gouverneur verüben. Die Handlung mündet schließlich in einen von den Romulanern inszenierten klingonischen Bürgerkrieg, der in der abschließenden Doppelfolge der vierten Season Der Kampf um das klingonische Reich (Redemption) seinen Höhepunkt findet, einem der besten STAR TREK-Zweiteiler.
Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass der heutige Zuschauer von jeder Episode einer Serie eine Fortsetzung der vorangegangenen Ereignisse, sprich einen gigantischen Storyarc erwartet, ist es erstaunlich, dass eine auf Einzelepisoden aufbauende TV-Show wie STAR TREK - THE NEXT GENERATION schon damals auf subtile Art und Weise ein knapp zwei Jahre später stattfindendes Ereignis vorbereitete, welches selbst für die Zukunft der Nachfolgeserie DEEP SPACE NINE weitreichende Auswirkungen hatte.
Mehr noch: der massive Eingriff in die Geschichte, der in Die alte Enterprise durch die Entsendung von Tasha Yar in die Vergangenheit begann, führte zur Entwicklung einer alternativen Realität, die wiederum zur Erschaffung der Halbromulanerin Sela führte. Sela, die wie Lt.Yar von Denise Crosby verkörpert wurde, tauchte erstmals in Verräterische Signale auf, als eine im Schatten stehende Romulanerin. Weitere Auftritte sollten in der fünften Staffel folgen.
FAZIT
Heutzutage werden Science-Fiction-Serien für das Mainstreampublikums aufbereitet: groß angelegte Handlungsbogen, Effekte auf Kinoniveau, flotte Sprüche und leicht nachvollziehbare Geschichten wollen konsumiert und ebenso schnell wieder vergessen werden. STARGATE SG1 hat mit dieser Taktik THE NEXT GENERATION als erfolgreichste Sci-Fi-Serie abgelöst!
Doch gerade die Verwendung von Einzelepisoden machen THE NEXT GENERATION zu einer der stärksten Genreserien; mussten sich doch die Autoren für jede Folge eine neue, anspruchsvolle Geschichte ausdenken, anstatt einen einzigen Handlungsbogen auf 26 Episoden pro Jahr zu strecken. Sie bauten oftmals winzige Details ein, die in anderen Episoden weiter thematisiert und ausgebaut wurden, sodass alle 178 Episoden letztendlich ein in sich geschlossenes Ganzes ergaben. Die zweite Hälfte der vierten Staffel zeigt, wie gut die Serie auf diese Weise funktioniert. Von mir gibts daher eine klare Kaufempfehlung!