Nachdem ENTERPRISE erwartungsgemäß in eine zweite Season verlängert worden war, setzten die Serienschöpfer, Rick Berman und Brannon Braga, das von ihnen favorisierte Prequelkonzept konsequent fort. Sie hatten beweisen, dass eine Prequel-Serie, die rund 100 Jahre vor der Originalserie spielte, funktionieren konnte. ENTERPRISE war futuristisch und die Produktion fand auf einem für TV-Verhältnisse sehr hohem Niveau statt.
An herausragenden Einschaltquoten mangelte es jedoch nach wie vor, was nicht zuletzt den weniger mutigen und oft drögen Drehbüchern zu verdanken war. Nachdem der Pilotfilm, AUFBRUCH INS UNBEKANNTE, noch über 12 Millionen US-Zuschauer vor den Bildschirm locken konnte, waren es am Ende der ersten Season weniger als die Hälfte. Die zweite Staffel begann mit unter 5 Millionen Zuschauern (2x01: DIE SCHOCKWELLE, TEIL 2) und pendelte sich nach und nach auf einen Durchschnitt von 4 Millionen ein. Was folgte waren hilflos wirkende Versuche der Produzenten, ENTERPRISE auf den richtigen Kurs zu bringen. Insbesondere in der zweiten Hälfte der Season gab es zahlreiche Episoden, die sich auf andere STAR TREK-Serien bezogen. So wurde Captain Archer von den Klingonen vor Gericht gestellt und nach Rura Penthe verbannt (2x19: DAS URTEIL) und man begegnete den reanimierten Borg, die einst von der Enterprise-E in der Vergangenheit der Erde abgeschossen worden waren (siehe STAR TREK: DER ERSTE KONTAKT und ENTERPRISE 2x23: REGENERATION).
Während die Klingonenstory ein eher langweiliger Lückenfüller war, der rein gar nichts von der Qualität des sechsten STAR TREK-Kinofilms (STAR TREK VI: DAS UNENTDECKTE LAND) zu bieten hatte, war die Borgepisode erstaunlich gut gelungen. Wider erwarten schafften es die Drehbuchautoren eine glaubwürdige Erstbegegnung mit den Todfeinden der späteren Föderation auf die Beine zu stellen, die obendrein noch außergewöhnlich gut in die Kontinuität des STAR TREK-Universums passte. Da ENTERPRISE ohnehin die Fortsetzung der Ereignisse des STAR TREK-Kinofilms DER ERSTE KONTAKT gewesen ist, zeigte sich hier, wie gut die Borg mit der ersten Enterprise harmonierten.
Doch diese eine Episode reichte kaum, um mehr Zuschauer zum Einschalten zu bewegen. Vielmehr wurden die guten Episoden von einem Großteil der Fans gar nicht mehr wahrgenommen, da diese ENTERPRISE bereits aufgegeben hatten. Und so folgte etwas, dass man gelinde ausgedrückt als Messerstich bezeichnen kann. Eine ungewöhnliche Kehrtwende bei STAR TREK, die Schöpfer Gene Roddenberry in seinem Grab rotieren lassen würde (sofern er nicht ins All geschossen worden wäre). Mit der letzten Episode der zweiten Staffel (2x26: DIE AUSDEHNUNG) zogen Berman und Braga die Notbremse und beendeten die friedliche Forschungsreise der Enterprise.
Sie erfanden die mysteriöse Rasse der Xindi, die unerwartet eine experimentelle Sonde zur Erde entsandte und bei einen Angriff mehrere Millionen Menschen tötete. Diese geschmacklose Science-Fiction-Kopie des realen Terror-Angriffs vom 11.September 2001 sollte der Auftakt für die militärische neue Ausrichtung der Serie sein, die in ihrem dritten Jahr einen 24-teiligen zusammenhängenden Handlungsbogen präsentierte - der bislang längste in der STAR TREK-Geschichte.
Anstatt aus dem hervorragenden Repertoire der über 500 STAR TREK-Episoden kreative Ideen zu schöpfen oder gar neue zu entwickeln, formte man ENTERPRISE zu einer Action-Serie um. Rückblickend betrachtet mag dies zwar gelungen sein und ich gebe zu, dass die dritte Staffel zum Teil sehr gute Episoden zu bieten hatte, doch es war eben kein richtiges STAR TREK mehr - keine Reise zu neuen Welten, keine Forschungsmission und vor allem kein menschlich-moralisches Abenteuer mehr.
In der zweiten Staffel bemühte man sich hingegen ab und an noch sehr, moralische Themen anzusprechen und das Für und das Wider von kontroversen Situationen herauszuarbeiten. Dies geschah z.B. besonders deutlich in der herausragenden Episode CONGENITOR (2x22), in welcher die ENTERPRISE-Crew einer dreigeschlechtlichen Rasse begegnete und aufgrund eines Missverständnisses versehentlich eine Katastrophe auslöste. Auch die Folge BÖSES BLUT (2x21) beinhaltete ein diskussionswürdiges Grundthema, wobei es um den tiefsitzenden Hass zweier ehemals verfeindeten Rassen ging, den es zu überwinden galt.
Allerdings - und dies war einer der größten Kritikpunkte an ENTERPRISE - wandelte man rein storytechnisch Episode um Episode auf ausgetretenen Pfaden. Alles wirkte vertraut und war irgendwie schon einmal da. Nicht gerade förderlich waren dabei die Form der Regiearbeit, die Dialoge und die musikalische Untermalung, die allesamt von STAR TREK VOYAGER kopiert worden waren.
Somit wirkte ENTERPRISE austauschbar, da man sich sehr leicht vorstellen konnte, die gleichen Ereignisse mit der Crew der Vorgängerserie zu erleben. Insofern ist es ganz gut, dass man nach zwei vergleichsweise ereignisfreien Jahren die Notbremse zog und man der Serie in der dritten Staffel einer Radikalkur unterzog. Dass der Versuch, etwas grundlegend Neues zu kreieren, nach hinten losging ist bekannt. Es verabschiedete sich folglich eine weitere Million an Zuschauern, sodass der erneute Richtungswechsel in der sich anschließenden und leider letzten Staffel von ENTERPRISE kaum mehr wahrgenommen wurde. Wirklich schade!
DIE EPISODEN IN DER ÜBERSICHT (SEASON 2 BOX 2)
(mit Bewertung)
2x13) Dawn **
2x14) Stigma ***
2x15) Waffenstillstand ***
2x16) Die Zukunft ****
2x17) Canamar *
2x18) Übergang **
2x19) Das Urteil **
2x20) Horizont **
2x21) Böses Blut **
2x22) Congenitor *****
2x23) Regeneration *****
2x24) Erstflug **
2x25) Kopfgeld **
2x26) Die Ausdehnung ***
Durchschnitt: 2,72 (gerundet 3 Sterne)