Es ist schon eine Woche her, seitdem ich "Die Gesetze der Föderation" zuende gelesen habe. Meine Bewertung dieses Romans stand schon fest, aber ich habe lange gehadert, was ich denn in einer Rezension ansprechen sollte. "Gesetze" überrascht im positiven Sinne, nicht nur, weil der Roman sich von den meisten "Star Trek"-Geschichten abhebt, sondern auch weil er die gleichen Stilmittel, die Keith R.A. DeCandidos "The Next Generation"-Erzählung "Quintessenz" für mich zu einem vergessbaren Band dieser Reihe machten, auf hervorragende Weise einsetzt und mit genau diesen Mitteln erst zu einem interessanten Roman wird.
"Die Gesetze der Föderation" besteht aus Momentaufnahmen eines Jahres des politischen und öffentlichen Lebens in eben jener Vereinigten Föderation der Planeten, die das Grundgerüst und das politische sowie moralische Fundament der "Star Trek"-Serien darstellt, aber bis zu diesem Roman weitestgehend im Hintergrund verweilte. Anders als in den üblichen "Star Trek"-Geschichten stehen nicht das Militär und die Erforschung galaktischer Phänomene im Vordergrund, sondern das Handeln einer zivilen Gesellschaft, die sich über mehr als hundert Völker erstreckt, oftmals in interplanetare Konflikte verwickelt ist und stets darauf bedacht ist, das Leben innerhalb ihrer Bevölkerung und mit den galaktischen Nachbarn so positiv wie möglich weiterzuentwickeln.
Die Administration der Hauptfigur, der erst kürzlich ins Amt gewählten Präsidentin Nanietta Bacco, ist damit auf Diplomatie, Kompromissbereitschaft und geschickte Zusammenarbeit mit Journalisten angewiesen--Bacco und ihre Mitarbeiter bestreiten Konflikte mit Worten statt Waffen, machen ihren Mit- und Gegenspielern oftmals Zugeständnisse, um ihre Ziele trotz Gegenwehr noch erreichen zu können und müssen ab und an untragbar gewordene Personen zum Rücktritt zwingen, anstatt sie in filmreifen Explosionen mit ihrem Leben bezahlen zu lassen. Insofern ist "Gesetze der Föderation" ein Roman, der auf die Urtugenden von "Star Trek"--dass Worte mächtiger als Waffen sind und Diplomatie für ein Zusammenleben höchst unterschiedlicher Personen und Völker viel wichtiger ist als bewaffneter Konflikt--zurückgreift und damit einen schönen Gegenpol zu den letzten Filmen und Büchern, besonders des Borg-lastigen "Next Generation"-Relaunchs, bildet.
DeCandido setzt in diesem Roman dieselben stilistischen Mittel ein, die er schon in seinem vorherigen Werk verwendete. Während "Quintessenz" unter dem Ansporn, zusammenhanglosen Ereignissen einen gemeinsamen Fokus zu verleihen, dem sehr lockeren und für Sternenflottenoffiziere nicht angemessenen Dialog und der Verwendung vieler Schauplätze und Charaktere litt, haben diese Mittel auf "Gesetze" eine sehr positive Wirkung. Die--oftmals zum ersten und wohl einzigen Mal in der "Star Trek"-Literatur auftretenden--Figuren sind gut gezeichnet, dürfen statt dem üblichen theatralischen Dialog locker und frei heraus sprechen, bieten so einen interessanten Querschnitt der Föderations-Zivilisten. Der Roman vermischt scheinbar wahllos mondäne mit überaus kritischen Ereignissen, hält dabei aber stets seinen Fokus auf der Arbeit Baccos und ihrer Mitarbeiter, die sich im Laufe der Erzählung zu einer klaren Regierungslinie herauskristallisiert. Auch auf die journalistische Arbeit und die Reaktionen zufällig ausgewählter Bürger geht der Roman ein, um die Regierung aus dem Blickwinkel der Regierten zu betrachten.
Trotz des im Grossen und Ganzen interessanten Romans möchte ich "Gesetze der Föderation" aber nur vier Sterne verleihen, weil es noch einige Kritikpunkte gibt. Einige Erzählstränge--darunter ein paar, die ich besonders interessant fand--verlaufen leider im Sand und werden einfach nicht zufriedenstellend aufgelöst; der Roman löst sich von diesen Ereignissen, sobald die Regierung nicht mehr direkt an deren Bearbeitung beteiligt ist, obwohl die weitergehende Entwicklung in diesen Belangen für den Leser noch sehr interessant hätte sein können, besonders, da der Roman stets auf die weitreichenden Auswirkungen von politischen Handlungen aufmerksam macht. Darüber hinaus gibt es eine erschreckende Anzahl an griesgrämigen Figuren in diesem Roman. Nan Bacco selbst wird als willenstarke Frau gezeichnet, die aber auch Fehler eingestehen kann; nicht wenige andere Charaktere hingegen zeigen eine nervende "Us vs. Them"-Mentalität auf, die in der "Star Trek"-Zukunft zumindest innerhalb der Föderation eher als Ausnahmeerscheinung, in "Gesetze der Föderation" aber als alltäglich gezeichnet wird. Ich bin zwar kein Vertreter Gene Roddenberrys utopischen Zivilisationsideals, aber ein wenig mehr "wir ziehen alle an einem Strang"-Gefühl hätte den Föderations-Akteuren dieses Romans sicherlich nicht geschadet.
Im Nachhinein bin ich überrascht, eine Studie der politischen Szene von "Star Trek" so interessant zu finden. Politikverdrossene und/oder actionfreudige Leser können "Die Gesetze der Föderation" getrost anderen Käufern überlassen; Weichen, die Ereignisse in zukünftigen "Star Trek"-Romanen entscheidend beeinflussen, werden hier wohl gestellt, dürften aber in folgenden Werken nochmals rekapituliert werden. Als Überblick des zivilen Lebens aber ist "Gesetze" ein empfehlenswertes Buch, das die Sorge um das Bestehen der Föderation und der Öffentlichkeit, die der Leser in diesem Band kennenlernen darf, beim Lesen der derzeit aktuellen "Destiny"-Trilogie noch weiter schürt.