Wenn ein Film herauskommt, der auf einer Vorlage basiert - sei es nun Comic, Buch, TV Serie oder wie im Falle von "Star Trek" ein ganzes TV/Kino Franchise - dann lässt sich das Publikum grob in zwei Gruppen einteilen: Die einen, nennen wir sie einfach mal "Normalos", kennen die Vorlage wenig bis gar nicht und haben daher eine ganz andere Erwartung an den Film als die andere Gruppe, nennen wir sie einfach mal "Fans".
Passenderweise sah ich den Film mit Vertretern beider Gruppen im Kino. Die "Normalos" wurden repräsentiert durch meinen Schwiegervater in spe, der "als Kind auch mal Raumschiff Enterprise geguckt" hatte, und meine Freundin, welche die Originalserie unterhaltsam, die TNG nicht schlecht und den Rest des Franchise eher langweilig fand. Auf der anderen Seite ich mit meinen beiden Brüdern, Eigentümer sämtlicher "Star Trek" Serien auf DVD. Wir kennen uns gut im ST Universum aus, können mit Begriffen wie "Kobayashi Maru" auf Anhieb etwas anfangen und lieben es, über "Star Trek" zu diskutieren und philosophieren. Kurz: Wir sind die Fans.
Die Handlung
Kurz noch mal der Inhalt des Films: Im 24. Jahrhundert wird die Sonne der Zwillingsplaneten Romulus und Remus zerstört. Der Romulaner Nero wird zurück in die Vergangenheit geschleudert und verändert damit nachträglich den Lauf der Geschichte. Er will sich an dem gealterten Botschafter Spock rächen, den er für die Zerstörung seiner Heimat verantwortlich macht, wird. Da er jedoch einige Jahre vor Spock eintrifft, verändert er das Leben des gerade frisch geborenen James T. Kirk.
Während Nero auf die Ankunft von Spock ausharrt, sehen wir zwei unterschiedliche Persönlichkeiten heranwachsen. Auf der Erde Jim Kirk, auf Vulkan der Mensch/Vulkanier-Mischling Spock. Wir sehen Ausschnitte aus ihrer Kindheit, den Weg der sie zur Sternenflotte führte. Wir sehen auch, wie beide aneinander gerieten. Dann greift der Film wieder die Ursprungshandlung auf: Mit dem Angriff von Nero auf Vulkan.
Kritik
Wie gesagt, "Fans" und "Normalos", haben unterschiedliche Erwartungen an einen Film. Ich und meine Brüder erwarteten eine gelungene Vorgeschichte zum geliebten Franchise. Die "Normalos" wollen einfach einen gut gemachten, spannenden Actionfilm sehen. Um es vorweg zu nehmen: Beide Gruppen werden bei "Star Trek" nicht ganz glücklich.
Für die "Fans": Es gibt Dinge in diesem Film, die wirklich Spaß machen. Die kleinen Querverweise auf die späteren Ereignisse. So zum Beispiel der "Kobayashi Maru" Test, von dem wir erstmals in "Star Trek II" hörten, und der nun eine ganz andere Bedeutung erhält. Oder auch Ausschnitte aus der Jugend von Kirk und Spock, die glaubhaft zu den späteren Charakteren passen. Oder auch wie "Pille" zu seinem Spitznamen kam. Oder wenn Nimoy-Spock etwas Nostalgie in den Streifen bringt (gleichwohl der Auftritt bei wiederholtem Sehen, eher der Kategorie "Wir wollen Nimoy im Film haben, egal ob es passt oder nicht" zuzuordnen ist). Mit Ausnahme von Chekov und Sulu finde ich auch sämtliche Neubesetzungen gelungen. Und so ganz nebenbei: Man merkt deutlich, dass hier ein wesentlich höheres Budget zur Verfügung stand, als bei den letzten Trek-Filmen. Es gibt von allem mehr: Mehr Effekte, mehr Kulissen, mehr Statisten.
Richtiggehend weh tut dagegen dieses "Aufpeppen" des Filmes. Versteht mich nicht falsch, ich meine damit nicht die Warp-Pylone der Enterprise oder die Kulissen. Auch nicht den Effekt-Overkill, eher die Tatsache, dass "Star Trek" zu sehr auf unterhaltsamen, Hirn-aus-Blockbuster a'la "Transformers" geht. So eilt Chekov als Lachfigur durch den Streifen, Sulu findet den Anlasser für die Triebwerke nicht, oder Uhura, Spock und Kirk bilden plötzlich ein eifersüchtiges Liebesdreieck.
Und dann ist da ja noch die alternative Zeitlinie: Man wird den Eindruck nicht los, die Autoren haben sich dieser Quasi-Lösch-Taste bedient um alles zu eliminieren, was ihnen gerade nicht ins Konzept passte. So wird halt mal spaßeshalber Vulkan in die Luft gesprengt.
Die "Normalos" interessieren sich natürlich nicht für den Kanon oder ob Vulkan in die Luft fliegt. Aber auch sie bemerken die haushohen Logiklöcher in der Story. Mein Schwiegervater in spe genauso wie wir fragten uns, warum Nero ausgerechnet eine Wut auf Nimoy-Spock hat. Hatte dieser nicht versucht, die Sonne von Romulus zu retten. Diese Ahab-Jagd wirkt nicht wirklich glaubwürdig, nur weil Nimoy-Spock bei seinem Versucht gescheitert ist. Auch die Tatsache, dass plötzlich sämtliche Kadetten inkl. Nicht-Kadett Kirk in Kommandopositionen gehievt werden, nur weil gerade der Captain nicht an Bord ist, wirkt mehr als unglaubwürdig. Und, ganz nebenbei, hat jemand schon mal irgendetwas davon gehört, dass man ungehorsame Offiziere von Bord wirft, anstatt in den Arrestzelle?
Dann noch eine letzte Sache, die ausschließlich filmtechnischen Hintergrund hat und wohl Geschmackssache ist. Ja, ich finde es schön, dass die Enterprise so schön hell gehalten wurde, aber jede Lichtquelle, jeder Stern und jeder Laserblitz reflektiert und bricht sich in der Kamera (und damit auf jener Mattscheibe, die wir Fernseher nennen). Auf Dauer ist das höchst nervig und alles andere als ästhetisch. Das nächste Mal bitte ein paar Energiesparlampen weniger bzw. das Set gescheiter ausleuchten lassen.
Fazit: "Star Trek" ist unterhaltsam - sofern man das Hirn ausschaltet. Das alte "Star Trek" hat aber gerade immer dann am meisten Spaß gemacht, wenn das Gehirn ein bisschen angeregt wurde. Dieses Prequel/Quasi-Remake hat einige wirklich gute Momente, nette Verweise aber zuviel "Gewollt, aber nicht gekonnt" und Logiklöcher, groß genug dass selbst Nero's Monstrum von Raumschiff durchpasst.
Kommerziell gesehen hat es auf jeden Fall funktioniert und "Star Trek 2" (falls er den ST 2 heißen wird) ist in Vorbereitung. Wer weiß, vielleicht nehmen sich Abrams und seine Autorenduo die Kritikpunkte zu Herzen, und liefern uns wieder ein richtig, gutes Sternenabenteuer.