Zuerst mal nörgeln. Das in diesem Buch links der deutsche Text und in der rechten Spalte die englische Übersetzung (von Julian Dawson) steht hemmt den Lesefluß ein wenig. Wenn man so will, war es ja eine starke Verbindung zwischen Deutschland und den englischsprachigen Künstlern, um die es in diesem Buch geht, insofern passt das schon wieder. Ein Register zum schnelleren Nachschlagen wäre ebenfalls hilfreich. Sicher wäre eine Hardcover Version angemessen gewesen, aber so ist es handlicher. Mehr habe ich an diesem wunderbaren Buch nicht zu bemängeln.
Es ist unglaublich wie viele namhafte Bands und Künstler in diesem Club aufgetreten sind. Mehrere Listen führen die entsprechenden Interpreten auf, auch diejenigen die Platten auf dem Star Club Label eingespielt haben. Auch wenn sie wohl die Größten sind, es ist nicht ausschliesslich ein Buch über die Beatles geworden. Von denen gibt es zahlreiche Fotos und manch seltsame Info, etwa wie viel Cola-Rum die Herren Lennon, McCartney und Co getrunken haben.
Achim Reichel beklagte kürzlich das sich mit Musik heute kaum noch etwas verdienen lässt. Wie wichtig Reichel und seine Rattles sind verdeutlicht dieses Buch sehr eindrucksvoll. Aus heutiger Sicht sehr amüsant: die zwanghafte Verwendung von The vor dem Bandnamen. Kein Wunder, dass irgendwann The Who und The The fällig waren, um sich darüber lustig zu machen. Erstaunlich, dass die Gallaghers sich nicht The Oasis nannten.
Streckenweise wirkt es amüsant wie Weissleder, der Betreiber des Star Clubs, sich darum kümmerte ein Riesengeschäft aufzuziehen. Und neben all dem Spass und der Befreiung der Jugend von den biederen 50er Jahren und der noch deutlich finsteren Zeit davor, es war eben auch ein Geschäft. Viel ist von Preludin zu lesen. Nicht nur die Beatles mussten ein Set nach dem nächsten spielen, das war erschöpfend, aber auch sehr lehrreich. Lustig ist dann auch, dass die englischen Künstlern den deutschen Musikern falsche Übersetzungen unterjubelten und sich dann darüber amüsierten, dass die Deutschen in ihren vermeintlichen Liebesliedern zotige Wörter benutzten.
Das Buch ist die totale Reizüberflutung. So viele spannende Anekdoten! So tolle Fotos! Gut gefallen hat mir auch, dass die deutschen Charts des jeweiligen Jahres abgedruckt wurden. Und ja, Jazz war mal Rebellion und die Musik der Jugend, das mag für manch Emo-Kid unvorstellbar sein. Es war eben eine ganz andere Ära. Und alles war neu und vieles war enorm aufregend. Aus heutiger Sicht liest sich mancher Zeitungs-Ausschnitt aus diesem Buch etwas befremdlich, etwa wenn über schwarze Künstler geschrieben wird. Die Star-Club News haben in den 60ern so geschrieben wie die Bild noch heute.
Nach diesem Buch habe ich nicht den Eindruck, dass ich gut über den Star Club informiert wurde. Nein, denn ich fühle mich viel mehr so als hätte ich die Geschichte dieses imposanten Clubs von Beginn bis zum Ende selbst miterlebt, als Insider, hinter den Kulissen. Und nun Schluss, muss Platten auflegen und tanzen.
304 Seiten, Softcover, Farbe, deutsch/englisch, durchgängig illustriert, Hannibal 2010