In erster Linie für die Schauspielerausbildung geschrieben, sei dieses Buch zudem für alle interessierten Laien, Laiendarsteller, Lehrer und alle möglichen anderen Berufe empfohlen, die mit Texten und deren Vortrag zu tun haben.
Der Autor an sich ist schon eine faszinierende Persönlichkeit: 1888 investierte er einen Grossteil seines Vorab-Erbes in die Gesellschaft für Kunst und Literatur. Denn seine lebenslange Forschung und Leidenschaft galt der Schauspielerei.
Die Auswahl der Texte in diesem Reader versucht in gekürzter Form (und doch noch ziemlich umfangreich)das System von Stanislawski darzustellen. Es ist eine Zusammenstellung aus mehreren Bänden. Der didaktische, weitschweifige Rahmen des Autors ist dabei wie nur irgendwie möglich weggelassen worden(Es handelt sich um eine Tagebuch-Aufzeichnung eines Schauspielschülers, der die Unterrichtsstunden des Lehrers Torzow notiert).
Durch die Verschlankung des Textes soll der Aufbau der Methode mehr in den Fokus rücken.
Es ist immer das beste, wenn der Schauspieler vom Stück ganz ergriffen ist. Darin lebt er unwillkürlich das Leben der Rolle, ohne zu merken, wie er fühlt, ohne zu denken, was er tut-alles geschieht von selbst aus dem Unterbewussten.
Seine Rolle wahrhaftig spielen heisst: diese logisch, folgerichtig spielen, menschlich im Denken, Wollen, Streben und Handeln.
Im Buch wird dieser Aspekt immer wieder von verschiedenen Seiten behandelt und in seiner Notwendigkeit unterstrichen.
Was der Autor ganz und gar nicht will: unnatürliches, überdrehtes Effekthaschen, schlampige Vorbereitung, unreflektiertes und unvorbereitetes Aufsagen der Rolle, rein handwerkliches Spielen, schwülstiges Pathos und schablonenhafte Darstellung.
Denn alles dies mag vielleicht den einen oder anderen Zuschauer unterhalten, aber kann niemanden auf die Dauer begeistern.
Es braucht menschlich wahrhaft handelnde Akteure und keine nachäffenden Mimen.
Da ist zum Beispiel das entscheidende WENN, der Umschalthebel für den Künstler, der ihn in jene Welt versetzt, in der sich wirkliche Schauspielkunst ereignen kann. Die ganze Aufmerksamkeit des Schauspielers soll auf die vorgeschlagene Situation gerichtet sein. Wer aufrichtig in der Situation lebt, bei dem werden sich die Echtheit seiner Leidenschaften von selbst einstellen.
Entscheidende und mächtige Werkzeuge werden mit diesem Buch dem Vortragenden in die Hand gegeben: die Schaffung der Phantasie, die Erlangung der Aufmerksamkeit auf der Bühne, der Leser staunt über Phänomene wie das der "öffentlichen Einsamkeit", da ist die Notwendigkeit der Muskelentspannung, das Gefühl für Wahrhaftigkeit und Glaube und vieles andere mehr.
Das SYSTEM von Stanislwaski ist eine Art Kursbuch, ein Leitfaden, aber keine Philosophie. Wer das System zu Hause durcharbeitet, muss es auf der Bühne wieder abwerfen. Letztlich gibt es kein System, es gibt allein die Natur. Das System ist kein Nachschlagewerk, sondern eine ganze Kultur. In diese gilt es hineinzuwachsen. Erziehung, Arbeit und Zeit sind dazu nötig. Dann wird sich eine positive Gewöhnung allmählich einstellen.
Sehr eindrücklich fand ich die beispielhafte Arbeit an Othello. Dies ist ein Muster, wie man sich selbst in Stück und Rolle intensiv hineinfinden kann. Auch hier gab es für mich viele Aha-Erlebnisse.
Auf den Gedanken der Intuition und des Gefühls ist der Autor durch Tschechow gekommen. Sehr tiefsinnige Erkenntnisse über den letztgenannten finden sich im Schlussteil des Buches.
Die Einsichten aus diesem Buch werden mich weiter begleiten. Sie werden Schauspielern in ihrer Ausbildung helfen und Theaterenthusiasten noch mehr für diese grossartige Kunst begeistern.
Meine Empfehlung für dieses Buch, welches ich in der Auflage 2011 gelesen habe.