"Ich habe immer gern Gedichte geschrieben, wenn es auch lange gedauert hat, alle Vorurteile, was ein Gedicht darzustellen habe und wie es aussehen müsse, so ziemlich aus mir herauszuschreiben". Brinkmanns frühe dichterische Methode läßt sich gut mit der eines Photographen vergleichen. Motiv und Blickwinkel geben Auskunft über die Beziehung des Dichters zu seinem Objekt. Nicht zufällig hat Brinkmann seine frühen Gedichte, die in diesem Band zusammengefaßt sind, "Standphotos" genannt. Er glaubt, "daß schlechthin alles, was man sieht ... ein Gedicht werden kann". Die Gedichte sind Selbstwahrnehmungen auf dem Weg zum Aufbau einer neuen Beziehung zu den Dingen, zur Welt. Brinkmann, der Beobachter, entdeckte für sich Mitte der sechziger Jahre die amerikanische "Underground-Kultur". In der Auflösung der Formen und Entleerung der Inhalte zugunsten radikalen Selbstausdrucks hofften Künstler wie Burroughs, O'Hara und Warhol eine kulturrevolutionäre Alternative zur herrschenden Gesellschaft zu finden. Die statischen Bilder, mit einem Minimum an Information, beginnen aber bei längerer Betrachtung zu sprechen. Brinkmanns Gedichte orientieren sich am Takt seiner Gedankenschübe, er proklamierte Lyrik als eine Form von Pop-Art. Seine Kindheitserinnerungen sind vom Kriegs- und Nachkriegserleben geprägt. Schutthalden, Bahndämme, verwilderte Stadtrandgärten sind seine Gefühlsheimat und bringen Wut und Verzweiflung in seine Poesie. Die Nichtbeachtung der Öffentlichkeit läßt ihn selbst als isoliertes Individuum am unteren Ende der sozialen Skala sehen. Manfred Orlick, Halle