Als hätten wir es nicht schon immer gewußt: Jazz funktioniert als Siegelung für einen in immer weitere Ferne rückenden Kern, der die Musik von Innen her leitet, obwohl der Klang ja für etwas Öffentliches stehen soll. Das ist eine Seite, die an Tortoise, ebenso wie an Postrock allgemein, aber auch am, eher als Vater, denn als großen Bruder von Postrock diskutierten Krautrock, immer etwas unter den Tisch gekehrt wurde. Klangforschung war für Tortoise nie reine Innenschau, war vielmehr (und zwar spätestens seit TNT, ihrem dritten Album) als sich selbst reproduzierendes und generierendes System stets auch Ansatz zur Außensicht, zur Ausstellung des Sound, oder: zur Rahmung eines inneren Kerns, welche diesem gleichzeitig als Versteck zu dienen hatte. Klang war das Prinzip in dem sich ein Zentrum verbarg, umschrieb und aus sich selbst herausbog, und zwar als ein System, das die Außenwelt oder die Oberfläche lediglich zur Ablenkung ausstellte, um die eigenen Spuren einzuschreiben und gleichzeitig zu verwischen. Und so ist es eben auch deutlich, dass die Beziehung von Tortoise zum angeblichen 'Vater' Krautrock niemals ödipal oder überhaupt dramatisch organisiert gewesen ist. Es blieb vielmehr immer auch reines Postulat. Deshalb bleibt die Entwicklung ihrer Musik, ihr energetisches Fort- und Umschreiten auch auf STANDARDS immer noch auf etwas Unwesentliches bezogen, ohne dieses Unwesen wiederum auf eine sichtbare/hörbare Positivität zu reduzieren (das schreckliche 'Heraus arbeiten wollen', oder, anders herum, 'zum Kern vordringen', beides im übrigen Prinzipien, die von den Chikagoer Nachbarn und Kollegen "Shellac" bis aufs vortrefflichste repräsentiert werden, weshalb Tortoise durchaus in einigen Punkten als deren Anti-Ödipus gelten könnten). Sondern: dieses Unwesen treiben zu lassen. Ebenso umschleichend ist hier nun auch der Beat, der im Klang keinen Unterschlupf zu finden scheint, sondern synthetisierend, nicht: synthetisch, wirkt. Ein für Tortoise in dieser Konsequenz neues Element, das den Zusammenhang aller anderen weniger organisiert, als schlicht ermöglicht: ein Angebot, dem sich der Beat selbst auch nur allzu gerne entzieht. Insofern ist WARP als neues Label keine unbedingt zwingende, aber doch auch keine gänzlich unpassende oder gar hemmende Wahl. Dennoch gibt es keine neuen Projekte, keine großen Überraschungen. Aber darauf angelegt hatten es Tortoise im Grunde eben noch nie. Die Musik darf lediglich weiter flanieren, sich an sich selbst verirren und wieder brüderlich aus sich selbst heraus gezogen und ins Licht gestellt werden. Das ist und bleibt Tortoises unabgeschlossenes Projekt. Bis sie alles in ihre Version von Klang nicht: umgearbeitet, sondern: umgeleitet/fehlgeleitet haben werden. Und diese Suche wird ähnlich unabschließbar und zu so wenigen großen Gesten bereit sein, wie die umgekehrte, destillierende. Doch muß man hier auch eines noch beim Namen nennen: Die Zeit, in der man die eher kleinen, konzentrierten oder dekonzentrierten, Gesten als die großen zu verstehen bereit war, scheint vorbei zu sein. So leben Shellac, und eben auch Tortoise, zu einem nicht geringen Teil von der Fetischisierung ihres Rufes, was natürlich kein gewaltfreier Akt ist, der ihre Musik nur wenig ehrt oder respektiert. Tortoise Musik war, vor allem im Rahmen von MILLIONS NOW LIVING WILL NEVER DIE, dem zweiten Album, ein den öffentlichen Diskurs provozierendes und zu immer neuen Beschreibungsfiguren anregendes, manchmal auch zwingendes Unternehmen. Der Diskurs jedoch, und die Öffentlichkeit, sowie die Form des Öffentlichen in der Kritik, haben sich gewandelt. All das ist zum nicht geringen Teil regressiv geworden und so interessieren den heutigen musiktheoretischen Diskurs die Fragen, die man mit und an Postrock stellen konnte, nicht länger. Das könnte einerseits als ein Befreiungsschlag fungieren, oder aber so, dass man Fragen, die der Diskurs nun nicht mehr stellt, oder beantwortet, durch die er sich auch gar nicht mehr provoziert fühlt, nun eben sich selber stellt und an sich selbst adressiert. Und auch diese letzte Möglichkeit klingt in Tortoise neuem Album bereits an. Doch eine Richtung gibt es sicherlich noch nicht: außer in der Ambivalenz des Titels, STANDARDS, der den öffentlichen Verlust doch zu spüren scheint, ihn aber nicht aufzuspüren versucht, sondern sich selbst scheinbar zu sehr unter Kontrolle hat, als dass er hieraus sogleich einen Gewinn feiern wollte.