Klaviertrios sind wie eine eigene Gattung von Jazz, eine besondere Kunstform von Musik überhaupt. Im Dreieck zwischen Schlagzeug, Klavier und Bass lebt alles auf einmal in Einem: Die Kunst gemeinsamer Improvisation, Raum für alles, was beim einzelnen zum Ausdruck drängt, und dabei zugleich ein gemeinsam gelebtes, filigranes und prägnantes musikalisches Werk. Das alles geschieht in einer Schlichtheit, in einer Selbstverständlichkeit, die sich selber zur Kunst macht.
Diese ideale Umschreibung klaviertriolischer Wirkung fällt einem leicht, wenn man sich auf "Still Live" vom Keith Jarrett Trio bezieht. Wohl kaum eine andere Produktion mit dem Namen des 'Meisters' kann für sich beanspruchen, derart rund und vollkommen zu wirken. Ein musikalisches Vollbad voller Witz und Ruhe, Ekstase und Gelassenheit. Das Spektrum, das Keith Jarrett, Gary Peacock und Jack De Johnette hier um gängige Standards herum entfalten, erscheint einerseits irrwitzig und atemberaubend. Eine Lehrstunde nicht für Jazzneulinge in Sachen Improvisation und der Kunst, Musik zwischen den Tönen leben zu lassen.
Andererseits gerät man dabei immer wieder auch zurück vom atemberaubenden Ganzen zum einzelnen Ton, in eine fast unvermeidliche Verliebtheit in den nächsten Klavieranschlag, wo man endlos zerdehnt zu spüren scheint, wie der Filz die Saiten berührt. Gerade diese Bewegung macht die Spannung und Herausforderung dieser Musik aus und macht sie so vieldeutig, daß es immer wieder Neues in ihr zu entdecken gibt. Zugegeben, es ist keine Musik für mal eben, für zwischendurch, für jederzeit. Aber auf jeden Fall eine der eindrucksvollsten für die Momente, wo man in Musik eine lebendige Wahrheit sucht.
Ich bin beruflich viel im Jazz unterwegs als Toningenieur bei Konzerten und habe mit vielen Größen des Jazz gearbeitet. Diese CD ist eine meiner persönlichen musikalischen Referenzen und ich teile diese Auffassung mit vielen Musikern.
Referenz dabei auch im klanglichen Sinne. "Still Live" ist ohne Zweifel eine der besten live aufgenommenen Produktionen des Jazz überhaupt. Auf guten Anlagen kann man mit dieser CD erleben, wie ein Klavier, ein Bass, ein Becken überhaupt klingen kann. Dabei hat ECM die Räumlichkeit des Geschehens perfekt eingefangen und man kann sich bei nicht zu geringer Lautstärke wie in der dritten Reihe des Konzertsaals fühlen. So mancher notorischer Hifi Perfektionist könnte diese CD mißbrauchen, um sich an der Wiedergabequalität seines 'Klangaltars' zu ergötzen. Ein durchaus riskantes Unterfangen: "Still Live" kann leicht bewirken, alle neurotischen und technokratischen Dogmen zu vergessen und zum Wesentlichen der Musik zurückgeführt zu werden. Aber wollen wir das nicht alle insgeheim?