"Stand Up" erreichte die Spitzenposition der englischen LP-Hitparade! War auch in Deutschland einflussreich. 1969 schien die erste Generation der neuen Jugendszene / Beatmusik noch jung, frisch und für Neues offen zu sein.
- A New Day Yesterday: Martin Barre eröffnet mit einem harten Gitarrenmotiv die LP, Mundharmonika & der seltsame greisenhaft-verzerrte Gesang Andersons. Der Track erinnert als einziger noch etwas an das stark bluesbetonte Debüt "This Was".
- Jeffrey Goes To Leicester Square: typischer Sound der frühen Jahre; verspielt, folkig, allerlei akustische Percussion und Zupfinstrumente und die Flöte, damals neu in der Beatmusik. .
- Bouree ist am bekanntesten. Die Melodieführung von J.S. Bachs Stück trägt Andersons Flöte. Clive Bunkers Schlagzeug und der Bass von Glenn Cornick bringen feine Soli.
- Back To The Family ist einer der ersten Heavyrock-Stücke der modernen Musikgeschichte, 1 Jahr vor Deep Purple in Rock. Der Text ist eine humorvolle Gegenüberstellung von den Vorteilen bei Eltern und Geschwistern zu wohnen (nobody can ring me in the morning) versus der ersten eigenen Bude. Hier angekommen, merkt der Hörer, daß Jethro Tull mit dem neuen Gitarrenjungen Martin Lancelot Barree einen guten Fang gemacht hatten. Sowohl sein Akustik-, als auch der E-Gitarrestil (an Jeff Beck angelehnt) klingen wie von einem Alten gespielt.
- Look Into The Sun ansprechende akustische Ballade, Gitarren mit dem Flötenmotiv gekonnt verwoben.
- Nothing Is Easy hat überraschende Melodie- und Tempowechsel. Er ist mit "Back ..." der einzige Hardrock-Track, am Schluss eine ausgedehnte Flöten- und Rhytmusorgie. Damals ungewohnt flippige Klänge, mit denen man die Eltern in die Flucht schlagen konnte.
- Fat Man: klingt orientalisch, Clive Bunker war (wie Steve Took von Tyrannosaurus Rex) ein begabter experimentierfreudiger Percussionist der Londoner Szene. Bongos, Balalaika, Mandoline und eine ironische Anspielung auf Mick Anderson?
- We used To Know, schöne Ballade, wehmütiges Wah-Wah Solo von Barree im Fade Out.
- Reasons For Waiting: der ruhigste Song. Flöten, akustische Gitarren, plus (unbenanntem) Orgelspieler. Hier verwendet Jethro Tull das erste Mal Streicher-Einlagen, die zusätzliche Dramatik und Farbe geben.
- For A Thousand Mothers ist ein lauter letzter Track. Hats off to Clive Bunker. - Die 3 Boni sind klasse:
- Living In The Past war eine erfolgreiche Single im 5/8 Takt. Sie wurde ein paar Monate vor "Stand Up" veröffentlicht und oft im Radio gespielt. Der altertümliche Text trug wieder zum Methusalem-Image der Gruppe bei. Wäre ein guter Opener für "Stand Up" gewesen.
- "Sweet Dream" - eine weitere gute 45-er. Für 1968/69 ungewöhnlich hartes Crescrendo, das klassische Bläser- und Violinen-Ensemble spielt ein majestätisches Fade-Out.
- 17 war (ich glaube) eine B-Seite. Bisher unbekannt, die anderen Boni gibt es auch auf der CD "Living in the Past".
"Stand Up" machte die Welt auf Jethro Tull aufmerksam. Die ungewönliche Gruppe schien Charisma zu haben. Und Disziplin: früh schlafen gehen, wenig private Kontakte zu (drogen- und alkoholkonsumierenden) Musikerkollegen, ständiges Proben und Erlernen von neuen akustischen Instrumenten. Trotz ihres wilden langhaarigen Äußeren - Andersons Vater wechselte deshalb jahrelang mit Sohn Ian kein Wort - würdigte auch die seriöse Tagespresse Jethro Tull. Die Gruppe hatte schon damals ein erwachsenes Publikum, das z.T. auch aus Klassik- und Folkloreliebhabern bestand.
- Mein Kaufmotiv waren die zahlreichen eher ruhigen Songs und die Boni. Wem "Stand Up" gefällt bestelle gleich "Benefit" (und evtl. "Living in the Past") mit. Danach, ab "Aqualung", machten Jethro Tull nie mehr Platten in diesem Stil.