An dieser Edition scheiden sich wohl die Geister. Zugegebenermaßen ist die Veröffentlichungsstrategie von Record Companies, wie auch Bands leider nicht immer verständlich. Jethro Tull steht da - ohne das in irgendeiner Weise entschuldigen zu wollen - aber nicht allein, denn auch z.B. "Santana" veröffentlichte sein
Santana und
Santana 3 [REMASTERED] erst in den 90ern als Remaster mit jeweils ein paar Bonus-Takes, bevor dann 2006 beide Alben als De Luxe-Editionen veröffentlicht wurden. Einerseits hatte mich das damals gefreut, andererseits aber auch geärgert, wegen der unnötigen zweimaligen Geldausgabe. Diese Liste ließe sich fortsetzen!
Da ich im Fall von "Stand Up" nur das alte Vinyl-Album habe, bin ich von dieser Neuveröffentlichung natürlich begeistert, zumal ich auch das "Carnegie Hall-Concert" vom November 1970 nur ausschnittsweise aus
Living in the Past kannte. Wer natürlich bereits das 2001-Remaster des Albums und/oder die Jubiläumsbox mit dem Konzert hat, findet hier nicht wirklich so viel Neues.
"Stand Up" allein gesehen ist wegen seiner musikalischen Vielseitigkeit und Abwechslung immer ein Kauf wert, mit der Mischung aus Rock mit Heavy-Elementen, Folk und Blues. Für mich ist es das schönste Jethro Tull-Album aus der Frühzeit der Band, auch wenn ich "This Was" bei Erscheinen auch nicht schlecht fand (und immer noch finde). Aber die Band wollte wohl im Grunde keine reine Bluesband mit Jazzeinflüssen sein, sodass die Trennung von (Blues-)gitarrist Mick Abrahams nur folgerichtig sein konnte. Und Martin Barre zeigt auf "Stand Up" ja auch deutlich, was er an Vielseitigkeit kann.
Alle 10 Songs sind sehr gut, ich höre das Album am liebsten bis zum Ende durch. Und Titel wie "Nothing Is Easy", "Bouree", "For A Thousand Mothers" und "We Used To Know" (hier fanden "The Eagles" wohl ihre Idee zu "Hotel California") waren oder sind auch noch Teil der Set-List heutiger Konzerte der Band. Dazu gibt es noch die klasse Singles "Living In The Past" und "Sweet Dream".
Auch die vier Titel der John Peel BBC Radio Session vom 16. Juni 1969 sind alternative Live-Versionen, wenn auch nur in Mono aufgenommen. Die Band war wohl damals etwas enttäuscht bei dieser Session, denn John Peel hatte Ian Anderson kurz vorher mitgeteilt, dass er das Album nicht besonders gut fände und der Wechsel weg vom Blues und Mick Abrahams ein Fehler sei. So war er denn bei den Sessions auch nicht aufgetaucht, was Ian Anderson beschreibt mit "...which made us feel somewhat unloved".
Das Carnegie Hall-Concert vom 4.11.1970, eine Benefit-Show für ein Drug rehabilitation centre in New York City ist von der Musik, wie auch soundtechnisch, erstklassig von der ersten bis zur letzten Minute (CD 79 Min.) und beginnt mit einer ungeheuer druckvollen Powerversion von "Nothing Is Easy". Die DVD-Audio-Version des Konzertes (nur das Interview ist DVD) dauert 1 Std. 42 Min. und hat zwischen den Titeln teilweise sehr lange Kommentare und Ansagen von Ian Anderson. "Dharma For One" dauert 23 Min., wovon das Drum-Solo von Clive Bunker allerdings 15 Min. allein einnimmt. Ich habe die DVD allerdings nicht in 5.1 surround sound gehört, sondern nur stereo.
John Evan (Hammond organ, piano) ist eine echte Bereicherung auf der Bühne, weil er den Sound der Band wunderbar mit seiner virtuosen Tastenarbeit untermauert und eine Hand dafür hat, "wo was passt". Außerdem spielt er außerordentlich gut klassische Themen ("By Kind Permission Of") Abgerundet wird die DVD noch mit einem 45-Minuten-Interview von Ian Anderson von 2010.
Das Klapp-Cover (5-fach) ist eine Reproduktion des alten Klappcover der LP mit der Band als Stand up. Das fand ich schon bei der LP sehr originell und es ist schön, dass diese Edition auch dieses Detail reproduziert.
Weniger schön finde ich die beiden fetten Aufkleber auf der Vorderseite, die zudem recht schwierig abgehen, da das Cover ja aus Pappe ist, ebenso wie den hässlich großen Barcode-Druck auf der Seite des ansonsten herrlichen Cover. Das wäre auch anders gegegangen!
Ein Booklet vervollständigt mit 10 Seiten Fotos, Text und Credits von Ian Anderson diese schöne CD, an der ich persönlich - bis auf die erwähnten Kleinigkeiten - rein garnichts auszusetzen habe und die ich zumindest nur jedem empfehlen kann, der nur die LP oder eine schlechte CD-Erstveröffentlichung von 1990 besitzt.
Wer das Remaster und das Konzert bereits hat, muss tatsächlich überlegen, ob einem das Geld für diese neue Version wirklich wert ist. Ich würde wahrscheinlich auf die Anschaffung verzichten, wenn das bei mir der Fall wäre.
Insgesamt für mich klare *****, auch wenn ich den Unmut über die Vermarktungsstrategie verstehen kann. Aber wie bereits gesagt, da steht Jethro Tull nicht allein.