"Stammheim" stellte vor "Der Baader-Meinhof-Komplex" den ersten Versuch Stefan Austs dar, die RAF-Thematik filmisch zu verarbeiten. Regie führte Reinhard Hauff als einem der Protagonisten des deutschen Autorenkinos, der sich in dem starken Film "Messer im Kopf" dem Thema schon früher angenähert hatte.
Wie "Stammheim" seinerzeit 1986 die Berlinale gewinnen konnte, ist ein wenig schleierhaft - vielleicht hat man hinter den Kulissen heftig für den Film getrommelt, vielleicht war der Film aber auch konkurrenzlos in einer Zeit, in der das deutsche Kino nicht seine stärkste Phase hatte.
Der Film ist eine Momentaufnahme der hitzigsten Phase des Stammheim-Prozesses gegen die RAF-Terroristen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Es war eine Zeit, als die Terroristen versuchten, die Autorität und Legitimität des Gerichtes an sich in Frage zu stellen und auf eine sehr provozierende Prozessführung setzten. In dieser Phase wurde bekannt, dass die Gefangenen in ihren Zellen abgehört wurde, der zuständige Richter Prinzing davon wusste, und dann abberufen wurde.
Aust/Hauff gaben sich mit Stammheim alle Mühe, den Film für die Zuschauer möglichst sperrig zu machen. Vom Start weg geht es in den (damals im Hochsicherheitstrakt des Stammheimer Gefängnisses liegenden) Gerichtssaal. Wer vor dem Anschauen wenig Informationen zur RAF hatte, hat Pech gehabt, die Hintergründe, weshalb es zu dem Prozess kam, werden kaum erläutert. Fairerweise muss man natürlich sagen, dass damals die Sache politisch noch präsenter war. Abseits der Prozessszenen gibt es nur ein paar Bilder vom Gefängnis oder den Terroristen auf dem Weg in den Gerichtssaal, unterlegt von zeittypisch bedeutungsschwangerer Musik. Dadurch ist der Film sehr kammerspielartig und trocken. Die Schauspielleistungen sind gut, wobei mir vor allem Ulrich Pleitgen als Richter Prinzing in Erinnerung geblieben ist, der rein durch sein Spiel dem Antagonisten Prinzing einen sympathischeren Anstrich verleiht. Außerdem sehen wir einen jungen Ulrich Tukur als Baader, und es ist schade, dass er rein aus Altersgründen im Film der "Baader-Meinhof-Komplex" für diese Rolle nicht mehr zur Verfügung stand, die dann mit Moritz Bleibtreu fehlbesetzt wurde.
Die deutschen Intellektuellen hatten ein merkwürdiges Verhältnis zu den RAF-Terroristen. "Stammheim" ist einer von einer ganzen Reihe von Spielfilmen in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, in denen partiell Sympathie oder Verständnis für die RAF geweckt wird, so wie es auch z.B. Heinrich Böll in seinem Text "Freies Geleit für Ulrike Meinhof" tat. In "Stammheim" wird diese Anteilnahme dadurch hervorgerufen, dass sehr viel Raum der Thematik gewidmet wird, ob die deutsche Justiz die Angeklagten ungerecht behandelt hat. Wenn dies in Teilen auch stimmt, so war dies in Teilen auch eine der vielleicht geschicktesten und politsch erfolgreichsten Strategien der RAF. Heute ist bekannt, dass zumindest die drei in Stammheim selbst einsitzenden RAF-Terroristen Baader/Ensslin/Raspe faktisch "Luxushäftlinge" waren mit großen Zellen und vergleichsweise viel Komfort. Freilich galt dies nicht für alle anderen Terroristen.
Demgegenüber lässt der Film etwas unter den Tisch fallen, wegen welchen Taten das Quartett überhaupt vor das Gericht kam, bzw. räumt diesem nicht viel Platz ein.
Über 20 Jahre später schrieb der ehemalige Spiegel-Redakteur Aust noch mal das Drehbuch für einen RAF-Film, den auf seinem eigenen Sachbuch basierenden "Baader-Meinhof-Komplex. Beide Filme könnten unterschiedlicher nicht sein: hier ruhiges Autorenkino, da grelles Action-Spektakel. Der zweite Versuch geriet inssgesamt trotz seiner eigenen Schwächen stärker als "Stammheim", da er als Film besser wirkt.
Der Vorwurf, den RAF-Terroristen partiell einen Märtyrer- oder Heldenstatus einzuräumen, wurde auch bei dem "Baader-Meinhof-Komplex" laut. Dennoch fand ich, dass in dem neueren Film eine weniger verzerrte Sichtweise herrschte als bei Stammheim.
Muss man ihn sich noch mal ansehen? Nur dann, wenn man sich stark für die Geschichte der RAF und wie sie in Deutschland gesehen wurde, interessiert. Filmisch ist Stammheim zu reduziert und eingeschränkt, um wirklich zu überzeugen.