"Who is bad?" fragt Michael Jackson in einem seiner besten Songs. Und das zu entscheiden, ist gar nicht leicht in diesem Psycho-Thriller", den man auch "Die Schöne und die Biester" nennen könnte. Das an seiner Misere nicht ganz unschuldige Opfer ist ein Mädchen von Nebenan in Manhattan, eher der Typ Renée Zellweger als Meg Ryan. Sie wirkt klischeehaft durchschnittlich, traummann-suchend, vom Chef gequält, ohne echte Freundin, mit bescheuerten Eltern - und fällt vorzugsweise auf Primitivo-Machos herein, deren Interesse an ihr nicht über "Ex und hopp" hinausgeht. Ob ihr widerlicher Macho-Freund allerdings "bad" ist, entzieht sich ihrem unsicheren Urteilsvermögen dauerhaft. Denn in diesem Roman ist das triebgesteuerte Böse immer und überall um sie herum. Der Stalker, der es auf sie abgesehen hat, ist das pure Gegenteil ihres Macho-Freundes: Gnadenlos romantisch, getrieben von durchgeplantem Eroberungswillen, umgarnt er sein Opfer mit freundlicher Fürsorge und zarter Annäherung. Er modelliert sich zum "Traummann", bietet bürgerliche Perspektive von Ehe, Kindern und Wohlstand. Soweit zum inhaltlichen Ausgangspunkt. Die vielen Konjunktive haben mich nicht gestört. Ebensowenig die als legitimes Stilnittel anzusehenden Ausflüge in die Pornosprache innerhalb der Männer-WG. Denn sie erhöhen den Kontrast zwischen dem hohlen Macho und dem besessenen Romantiker. Man könnte zunächst direkt Genugtuung empfinden, dass der Romantiker wie ein weißer Ritter den Macho endlich "stellt". Was genau passiert, möchte ich nicht verraten, denn ich will Ihnen dieses spannende Buch zur Lektüre empfehlen.
Ich habe es auf einen Zug gelesen, obwohl es über 500 Seiten hat. Und die Seitenzahl bringt mich auch zum Abzug eines Punktes. Überlänge! Es werden zu viele Verbrechen aufgetürmt, deren Lösung wirklich im Konjunktiv bleibt. Die im Kompetenzgerangel verstrickte Polizei macht einen unglaublich schlechten Job. Das mag in der Wirklichkeit oft so sein, aber das will ich nicht in einem Psychothriller dieser Geschwindigkeitsklasse lesen. Ein Verbrechen hätte genügt, und die Polizeisituation ist für das ganze eigentlich überflüssiger Ballast. Die dafür verschwendeten Seiten wären besser dem Opfer gewidmet worden, seinen oberflächlich charakterisierten Eltern, insbesondere dem Vater, der dem Stalker ja als Mastermodel dient. Überall schwebt der Autor als epischer Gott durch die Gehirne der Akteure. Nur dort nicht, wo es interessant sein könnte.
Der Autor turnt intelligent durch die Bewusstseinsebene, aber am Unterbewusstsein kratzt er nicht mal. So bleibt unklar, warum das Opfer eigentlich so doof geworden ist, wie es sich verhält. Unklar bleibt auch die tiefere Motivlage des Stalkers. Dessen Mutter wird angerissen, sein Vater bleibt blass. Bei aller Einschränkung dennoch ein außergewöhnliches Buch. Ich werde mehr von Jason Starr lesen.