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Bei dem Buch "Stalingrad" von Theodor Plievier handelt es sich wohl um das bedeutendste Antikriegsliteratur-Buch der unmittelbaren Nachkriegszeit. Der Autor beschreibt akribisch genau, beinahe in dokumentarischer Art und Weise, die Situation von Hitlers 6. Armee, die bei Stalingrad von der Roten Armee eingekesselt wurde.
Plievier beginnt mit seiner Erzählung an dem Tag, an dem es der Roten Armee gelingt, die Deutschen einzukesseln. Da Hitler einen Rückzug seines Paradepferdes ("Mit der 6. Armee könnte ich sogar den Himmel stürmen!") verbietet und es nicht gelingt, Hilfe von aussen zu bringen, kämpfen die eingeschlossenen Truppen einen aussichtslosen Kampf gegen einen überlegenen Gegner. Trotz einigem Nachschub aus der Luft fehlt es im Kessel an fast allem: Die Munition wird knapp, es hat zu wenig Nahrungsmittel und es mangelt an medizinischem Material. Der Gesundheitszustand der Truppe wird immer schlechter, auch weil sie nicht für den Winter gerüstet ist. Die 6. Armee wird immer weiter nach Stalingrad zurückgedrängt. Das Elend wird grösser und Ungehorsam beginnt sich breit zu machen. Die Führung der Nazis lehnt jedoch eine Kapitulation aus propagandistischen Gründen ab. Ausserdem wurde es für Hitler zur fixen Idee, die Stadt seines Feindes zu beherrschen. Es kommt zum unausweichlichen Ende der 6. Armee und die verbliebenen Soldaten kommen in sowjetische Kriegsgefangenschaft.
Plievier berichtet über die Geschehnisse und Gefühle der deutschen Soldaten im Kessel aus der Sicht einiger Einzelpersonen. Die wichtigsten darunter sind wohl der Panzeroberst Vilshofen sowie Gnotke, der Unteroffizier einer Strafkompanie. Im Verlaufe des Buches zeigt sich die Wandlung der beiden. Zu Beginn ist Vilshofen ein Oberst mit Leib und Seele, der sich der Führung unterstellt und sich gleichzeitig um seine Untergebenen sorgt; ausserdem hat er einen ausgeprägten Sinn für Gefahr. Er kämpft auch noch engagiert mit seiner Truppe, als sie bereits in Stalingrad eingeschlossen sind. Je länger es jedoch dauert, desto weniger glaubt er an ein gutes Ende, und er erkennt, dass sie von der Armeeführung für einen sinnlosen Krieg geopfert werden.
Etwas anders verhält es sich mit dem Unteroffizier Gnotke . An ihm zeigt Plievier ganz klar und unverblümt, wie schrecklich ein Krieg ist. Gnotke ist mit seiner Strafkompanie dafür verantwortlich, die gefallenen Soldaten von den Schlachtfeldern in die Massengräber zu transportieren. Unter ständigem Beschuss muss er die Leichenteile einsammeln. Dabei ist er bereits so abgestumpft, dass er sich beispielsweise auch nicht scheut, sich an noch warmen Toten zu wärmen. Plievier beschreibt diese Szenen so genau und er zeigt den Schrecken und die Grausamkeit so eindringlich, dass ich als Leser stockte und mich fragen musste, ob ich jetzt wirklich eine wahre Geschichte lese oder doch eher einen Horrorschocker - aber hier ist manchmal kein Unterschied mehr zu machen. Gnotke ist einer jener vielen Menschen, die im Krieg wissentlich geopfert werden und nur mit viel Glück überleben konnten. Auf eindrückliche Art gelingt es Plievier aufzuzeigen, dass diese Menschen nur kleine Bauern in einem riesigen Schachspiel sind, die man, wenn nötig, sofort opfert.
Aber trotz allem, was diese beiden erlebt haben, sind es gerade sie, die sich, als sie in die Gefangenschaft müssen, zusammenschliessen, um für einen friedlichen und sozialen Neuaufbau Deutschlands gerüstet zu sein.
Plievier schreibt in einer nicht ganz einfachen Sprache, wie ich finde. Einerseits wirkt sie etwas altmodisch und andererseits sind seine Wortkombinationen oftmals etwas zähflüssig. Es ist nicht so, dass ich fliessend Seite um Seite lese. Ich muss mich manchmal richtig zwingen, die nächste Seite zu lesen, da Plievier dazu tendiert, einzelne Szenen sehr ausführlich zu beschreiben. Des Weiteren verwendet er meiner Meinung nach nicht immer ganz treffende Vergleiche. Ausserdem ist es recht schwierig, bei den vielen Szenenwechseln noch den Überblick zu behalten und auch sofort zu wissen, worum es jeweils geht.
Trotz Pleiviers nicht sehr einfachen Sprache ist "Stalingrad" ein äusserst faszinierender Roman, der die schreckliche Wirklichkeit der Krieges ohne eine verzerrende Brille zeigt. Der Leser erlebt eine andere Seite des Krieges als in all den Hollywood-Filmen mit ihren Helden und einem Happyend, denn alles das gibt es in diesem Buch nicht.
Ralph Caluori, Kantonsschule Chur
Im Winter 1942/43 starben in Stalingrad 145.000 deutsche Soldaten im Kampf, am Hunger, an Krankeit und an Kälte. 91.000 Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Von ihnen starben 50.000 an Typhus und weitere 35.000 in den sibirischen Lagern. Nur 6.000 Soldaten der 6. Armee kamen nach Krieg und Gefangeschaft nach Deutschland zurück.
Das Buch von Theodor Plievier, der 1934 in die Sowjetunion emigrierte, war nie ganz unumstritten. Von der Mehrheit wurde es zwar entsprechend gewürdigt, aber es wurden auch andere Stimmen laut. So u.a. die vom späteren 2. Generalinspekteur der Bundeswehr (1961-1963), General Friedrich Foertsch, der selbst erst im Jahre 1957, nach elfjähriger Gefangenschaft, aus Rußland heimkehrte. Er warf Plievier vor, daß dessen, nach Befragung von Kriegsgefangenen und Studium von Feldpostbriefen, in Rußland geschriebenes Buch von der stalinistischen Führung zensiert worden sei.
Von dem rund 450 Seiten langen Roman enstand unter der Regie von Gerd Westphal ein gut einstündiges Hörspiel. Diese Konzentration aufs Wesentliche hat dem Hörspiel nicht geschadet. Die ausgewählten Szenen sorgen heute, 60 Jahre später, für ein beklemmendes Gefühl.
Es ist die Geschichte von Panzeroberst Vilshofen, der später General wurde, und von Unteroffizier Gnotke. Vilshofen vollzieht eine Wandlung und wird zum Zweifler; Gnottke hilft schwächeren und lebensmüden Soldaten. Am Ende maschieren sie gemeinsam in die Gefangenschaft.
Zwei Szenen haben mich besonders erschüttert: erstens die im Lazarett. Zwischen den Schmerz- und Hilfeschreien der Verwunderten ist im Hintergrund die berühmt, berüchtigte Stalingradrede vom 30. Januar 1943 von Hermann Göring zu hören, in dem er die Krieger des Nibelungenliedes als Vorbilder hinstellt. "... Wer da jetzt gegen eine gewaltige Übermacht um jeden Block, um jeden Stein, um jedes Loch, um jeden Graben, immer wieder kämpft, ermattet, erschöpft - wir kennen ein gewaltiges, heroisches Lied von einem Kampf ohnegleichen, das hieß "Der Kampf der Nibelungen". Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut - aber kämpften und kämpften bis zum letzen. Ein solcher kampf tobt heute dort, und jeder Deutsche noch in tausend Jahren muß mit heiligen Schauern das Wort Stalingrad aussprechen und sich erinnern, daß dort Deutschland letzten Endes doch den Stempel zum Endsieg gesetzt hat!...."
Zweitens die von den daheimgebliebenen Angehörigen verlesenen Auszüge aus Feldpostbriefen. So u.a. ein Vater "Mein lieber Kurt, ich bin schon alt, aber Du bist noch so jung, und deshalb mußt du zurückkommen", eine Verlobte: "Mein liebster Alwin, ich habe geglaubt, es zerreißt mir das Herz. Du mußt zu uns zurückkehren und ich habe das bestimmte Gefühl, daß ich dich wiedersehe" und eine Mutter: "Mein lieber Hans! Du bist zur ganz falschen Zeit auf die Welt gekommen. Oft denkt man: Sind wir den verlassen? In den Zeitungen wird nicht gedruckt, wie es zugeht, da wird nur das Schöne hineingedruckt. Im Kino ist es das gleiche. Wenn sie die waherheit von Stalingrad schreiben und zeigen würden, dann würden die Leute närrisch. Bei uns sagen sie jetzt, daß ihr schon sechs Tage absolut nichts mehr zu essen habt".
Die Qualität des Höspiels ist für das Alter außergewöhnlich gut. Die Sprecher (u.a. Paul Hoffmann, Friedrich von Bülow, Dirk Dautzenberg, Herbert Mensching u.a.) sprechen so, wie wohl seinerzeit gesprochen wurde. Es klingt alles so erschreckend echt und realistisch.
"Stalingrad" ist eines der besten Hörspiele die ich gehört habe - und das beklemmenste.
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