Pressestimmen
"So macht die Lektüre einmal mehr fassungslos ob der Monströsität des Verbrechens..." (Frankfurter Allgemeine Zeitung )
Kurzbeschreibung
Nachdem vor einigen Jahren Archive des Politbüros, des KGB und anderer Institutionen des untergegangenen Sowjetreichs für Wissenschaftler geöffnet wurden, konnte Donald Rayfield neue Erkenntnisse über Stalin und seine Henker – Dserschinski, Menschinski, Jagoda, Jeschow, Berija und ihre wichtigsten Komplizen – gewinnen. So entstand das beklemmende Porträt einer Epoche – vom Vorabend der Oktoberrevolution bis zur Exekution Berijas im Dezember 1953 –, in der ein skrupelloses Regime gegen das eigene Volk wütete.
Auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 verblüffte Nikita Chruschtschow die Weltöffentlichkeit durch seine radikale Abrechnung mit Stalin und dem Stalinismus. Die Enthüllungen über grausame Willkürakte und die Massenmorde des sowjetischen Diktators waren damals noch lückenhaft. Das ganze Ausmaß der Gräuel wurde erst sichtbar, nachdem man Archive in Russland Historikern aus aller Welt zugänglich gemacht hatte. Einer von ihnen, der Londoner Professor Donald Rayfield, porträtiert nun nach intensiven Studien eines der düstersten Kapitel in der Geschichte der Sowjetunion.
Stalin und seine Henker werden mit kurzen, prägnanten Biographien vorgestellt – eine Chronologie des Terrors. Der Autor aber beschreibt nicht nur das brutale wie banale, das ausschweifende wie zwielichtige Leben der Täter, sondern bringt immer wieder auch ausführliche Exkurse zur Geschichte der UdSSR. Dabei werden die Hungersnöte, die Zerschlagung des Bauernstandes, die Ermordung der alten Herrscherschicht, die Schauprozesse, die Enthauptung der Roten Armee (34000 Offiziere wurden erschossen), die Deportation von Dissidenten und die Ausrottung ethnischer Minderheiten mit einer Fülle konkreten Materials geschildert.
Rayfield musste bei den Recherchen für dieses Buch bestürzt registrieren, dass der Terror dieser barbarischen Zeit in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion verdrängt, häufig sogar geleugnet wird.
Klappentext
Neue Zürcher Zeitung
"So macht die Lektüre einmal mehr fassungslos ob der Monströsität des Verbrechens..."
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
O Muse, sing heute von Dschugaschwili, dem Hurensohn,
Kunstvoll hat er die Sturheit eines Esels und die Hinterlist eines Fuchses miteinander verbunden,
Indem er eine Million Schlingen knüpfte, hat er sich an die Macht gebracht.
Pawel Wassiljew (1909-1937)
Kindheit und Familie
Statt in etwa Folgendes zu sagen: »X wurde in einem septischen Tank in Kuala Lumpur von Krokodilen großgezogen«, hören wir von einer Mutter, einem Vater...
Martin Amis, Koba the Dread, New York 2002, S.98
Das Jahr 1878 war im russischen Zarenreich, insbesondere in Georgien, im Grunde kein schlechtes Jahr, das die Dschugaschwilis sich für die Geburt eines Kindes ausgesucht hatten. Gewiss, der Hass gärte in den Georgiern aller Gesellschaftsschichten. Ihre russischen Herren, in deren Hände die letzten georgischen Könige zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Überreste ihres Reiches gelegt hatten, regierten das Land mit einer häufig taktlosen, korrupten und ignoranten Bürokratie. Georgische Kinder lernten auf der Schule Russisch; der russische Vizekönig in Tiflis, so human und liberal er war, war entschlossen, alles beim Alten zu lassen. Armenier leiteten den Handel, ausländische Kapitalisten kontrollierten die Industrie, während georgische Adlige und Bauern, da sie in ihrer eigenen Hauptstadt nichts zu sagen hatten, ein mehr oder weniger erträgliches Leben auf dem Land führten. Die Georgier hatten durchaus auch Gründe, der russischen Herrschaft dankbar zu sein. Seit fast einem Jahrhundert war Georgien nunmehr von Invasionen und Überfällen durch seine Nachbarn verschont worden, die die Nation seit dem 13. Jahrhundert immer wieder verwüstet und beinahe vernichtet hätten. Die Russen mochten Strafabgaben erheben, sie in die Verbannung nach Sibirien schicken oder kulturell demütigen, aber anders als die Türken schlugen sie nicht allen männlichen Einwohnern ganzer Dörfer den Kopf ab und anders als die Perser trieben sie die Überlebenden von Massakern nicht weg, ließen sie kastrieren, versklaven und bekehrten sie zwangsweise zum Islam. Unter russischer Herrschaft wurden Städte wiederaufgebaut, Schienenwege verbanden die Hauptstadt mit dem Schwarzen Meer und folglich auch mit der Außenwelt. In der Hauptstadt Tiflis gab es Zeitungen, eine Oper (allerdings keine Universität). Eine neue Generation Georgier, die notgedrungen fließend Russisch lernten, verwirklichte den Traum ihrer Vorfahren: Sie wurden jetzt als Europäer behandelt, sie konnten in europäischen Universitäten studieren und Ärzte werden, Anwälte, Diplomaten - und Revolutionäre. Viele Georgier träumten von der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit, doch bislang glaubten wenige, dass sie gewaltsam dafür kämpfen mussten. In den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts nahmen die meisten Georgier zähneknirschend die russische Herrschaft als Preis für die Flucht aus ihrer asiatischen Geschichte in eine europäische Kultur hin.
Für die Bewohner der Metropole des Reiches, St. Petersburg, war 1878 ein Jahr, in dem alles in Anarchie zu versinken drohte. Die Terroristen, die 1881 dann Zar Alexander II. ermorden sollten, leckten bereits Blut: Der Flirt zwischen der russischen Regierung und ihren Intellektuellen und der neuen Akademikerklasse war vorüber. Die Saat der Revolution fiel weder in der verarmten Bauernschaft, noch in den Slums, in denen die Fabrikarbeiter der Städte untergebracht waren, auf fruchtbaren Boden, sondern in den frustrierten, gebildeten Kindern des Adels und des Klerus. Sie begnügten sich nicht damit, Menschenrechte und eine Verfassung zu fordern. Sie gingen weiter und verschworen sich zu einem gewaltsamen Sturz des russischen Staates. Ein derartiger Extremismus mochte fanatisch sein, aber er war durchaus nicht unrealistisch. Ein autoritärer Staat ist leichter zu zerstören als zu reformieren, und der russische Staat war in der Tat so gebaut, dass eine gut platzierte Ladung Dynamit und ein gut gezielter Revolver ihn in die Luft sprengen konnten, indem eine Hand voll Großfürsten und Minister eliminiert wurden. Die Schwäche des Zarenreiches lag in seiner verarmten Gesellschaftsstruktur: Der Staat wurde von einer vertikalen Hierarchie zusammengehalten, vom Zar bis hinunter zum Gendarmen. In Großbritannien oder Frankreich wurde die Gesellschaft von einem Netz und Gefüge von Institutionen zusammengehalten, von der Justiz, dem Parlament, der Kirche, der kommunalen Verwaltung. In Russland, wo all diese Institutionen nur rudimentär oder im Anfangsstadium vorhanden waren, blieb dieses Gefüge einschichtig. Die Mörder des Zaren Alexander II., die Generation der russischen Revolutionäre, die Lenin vorausging, erkannten diese Schwäche. Doch sie hatten nicht die Unterstützung des Volkes und keine Aussicht, einen Aufstand der Massen anzuzetteln. 1878 hatten nur wenige die Weitsicht eines Dostojewski, der Blutvergießen und Tyrannei voraussagte. Russland galt in den Achtziger- und Neunzigerjahren gemeinhin als stagnierend, rückständig, ja herzlos und zynisch - aber als stabil. Hässliche Episoden wie Hungersnöte, Epidemien, Judenpogrome verschafften Russland, zu Recht, in den Achtzigern international einen schlechten Ruf. Die Sechziger und Siebziger waren eine Periode der Reform, der Hoffnung und vor allem der schöpferischen Kraft gewesen: In dieser Zeit schrieben Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenjew, Leo Tolstoi und Nikolai Leskow ihre größten Romane. In den Achtzigern und Neunzigern war der Elan verflogen: Nur die Musik von Pjotr Tschaikowski und die chemischen Entdeckungen von Dmitrij Mendelejew kündeten von der russischen Zivilisation. Dennoch herrschte eine Ruhe in dieser Stagnation. 1878 war der Beginn der längsten Friedenszeit des russischen Reiches. Von dem russischen Sieg über die Türkei 1877 bis zu seiner Niederlage gegen Japan 1905 sollte knapp ein halbes Menschenleben verstreichen.
Als Jossif (georgisch Josseb) Dschugaschwili am 6. Dezember 1878 in der blühenden Stadt Gori, 60 Kilometer westlich von Tiflis, geboren wurde, herrschte eine stille und lebhafte Stimmung unter den städtischen Handwerkern, Händlern und Intellektuellen. Ein Junge, dessen Eltern ein bescheidenes Einkommen hatten, konnte sich eine Bildung erwerben, die ihm im ganzen russischen Reich eine gute Stellung sichern würde. Nur wenige Augenzeugen sahen Anlass, der Voraussage Dostojewskis und des Philosophen Wladimir Solowjows zuzustimmen: dass nämlich in den nächsten 40 Jahren eine russische Tyrannei errichtet würde, die so grausam und blutig war, dass selbst Dschingis Khans oder Nadir Schahs Invasionen gegen sie verblassen würden. Noch weniger ahnte irgendjemand, dass Jossif Dschugaschwili, als Josef Stalin, maßgeblich an der Errichtung dieser Tyrannei über das russische Reich beteiligt sein und anschließend die Alleinherrschaft übernehmen sollte.
Die Familie, aus der Jossif Dschugaschwili stammte, hatte nicht mehr Grund als das Land, die Zukunft zu fürchten. 1878 war der Schuhmacher Wissarion Dschugaschwili 28 Jahre alt, ein geschickter und erfolgreicher Handwerker, der selbständig arbeitete. Seit sechs Jahren war er nunmehr mit der inzwischen 22-jährigen Jekaterina verheiratet. Sie war ein Bauernmädchen mit großem Ehrgeiz, gut erzogen und hatte sogar Lesen und Schreiben von ihrem Großvater gelernt. Ihre ersten beiden Söhne waren im Säuglingsalter gestorben, dieser dritte Sohn war, nach georgischer (und russischer) Tradition, ein Geschenk Gottes, das man Gott wiederum anbieten musste. Jekaterinas Vater war noch vor ihrer Geburt gestorben, und sie wurde von ihrem Onkel Petre Chomuridse aufgezogen. In den Fünfziger Jahren waren die Chomuridses Leibeigene aus dem Dorf Medschroche in der Nähe von Gori. Im Jahr 1861 machte Zar Alexander II. sie, wie alle Leibeigenen, zu freien Menschen. Einmal befreit, erwies Petre Chomuridse sich als tüchtiges Familienoberhaupt: Er zog seine eigenen Kinder und die Kinder seiner verwitweten Schwester auf. Jekaterinas...
Auszug aus Stalin und seine Henker von Donald Rayfield. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
O Muse, sing heute von Dschugaschwili, dem Hurensohn,
Kunstvoll hat er die Sturheit eines Esels und die Hinterlist eines Fuchses miteinander verbunden,
Indem er eine Million Schlingen knüpfte, hat er sich an die Macht gebracht.
Pawel Wassiljew (1909-1937)
Kindheit und Familie
Statt in etwa Folgendes zu sagen: »X wurde in einem septischen Tank in Kuala Lumpur von Krokodilen großgezogen«, hören wir von einer Mutter, einem Vater...
Martin Amis, Koba the Dread, New York 2002, S.98
Das Jahr 1878 war im russischen Zarenreich, insbesondere in Georgien, im Grunde kein schlechtes Jahr, das die Dschugaschwilis sich für die Geburt eines Kindes ausgesucht hatten. Gewiss, der Hass gärte in den Georgiern aller Gesellschaftsschichten. Ihre russischen Herren, in deren Hände die letzten georgischen Könige zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Überreste ihres Reiches gelegt hatten, regierten das Land mit einer häufig taktlosen, korrupten und ignoranten Bürokratie. Georgische Kinder lernten auf der Schule Russisch; der russische Vizekönig in Tiflis, so human und liberal er war, war entschlossen, alles beim Alten zu lassen. Armenier leiteten den Handel, ausländische Kapitalisten kontrollierten die Industrie, während georgische Adlige und Bauern, da sie in ihrer eigenen Hauptstadt nichts zu sagen hatten, ein mehr oder weniger erträgliches Leben auf dem Land führten. Die Georgier hatten durchaus auch Gründe, der russischen Herrschaft dankbar zu sein. Seit fast einem Jahrhundert war Georgien nunmehr von Invasionen und Überfällen durch seine Nachbarn verschont worden, die die Nation seit dem 13. Jahrhundert immer wieder verwüstet und beinahe vernichtet hätten. Die Russen mochten Strafabgaben erheben, sie in die Verbannung nach Sibirien schicken oder kulturell demütigen, aber anders als die Türken schlugen sie nicht allen männlichen Einwohnern ganzer Dörfer den Kopf ab und anders als die Perser trieben sie die Überlebenden von Massakern nicht weg, ließen sie kastrieren, versklaven und bekehrten sie zwangsweise zum Islam. Unter russischer Herrschaft wurden Städte wiederaufgebaut, Schienenwege verbanden die Hauptstadt mit dem Schwarzen Meer und folglich auch mit der Außenwelt. In der Hauptstadt Tiflis gab es Zeitungen, eine Oper (allerdings keine Universität). Eine neue Generation Georgier, die notgedrungen fließend Russisch lernten, verwirklichte den Traum ihrer Vorfahren: Sie wurden jetzt als Europäer behandelt, sie konnten in europäischen Universitäten studieren und Ärzte werden, Anwälte, Diplomaten - und Revolutionäre. Viele Georgier träumten von der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit, doch bislang glaubten wenige, dass sie gewaltsam dafür kämpfen mussten. In den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts nahmen die meisten Georgier zähneknirschend die russische Herrschaft als Preis für die Flucht aus ihrer asiatischen Geschichte in eine europäische Kultur hin.
Für die Bewohner der Metropole des Reiches, St. Petersburg, war 1878 ein Jahr, in dem alles in Anarchie zu versinken drohte. Die Terroristen, die 1881 dann Zar Alexander II. ermorden sollten, leckten bereits Blut: Der Flirt zwischen der russischen Regierung und ihren Intellektuellen und der neuen Akademikerklasse war vorüber. Die Saat der Revolution fiel weder in der verarmten Bauernschaft, noch in den Slums, in denen die Fabrikarbeiter der Städte untergebracht waren, auf fruchtbaren Boden, sondern in den frustrierten, gebildeten Kindern des Adels und des Klerus. Sie begnügten sich nicht damit, Menschenrechte und eine Verfassung zu fordern. Sie gingen weiter und verschworen sich zu einem gewaltsamen Sturz des russischen Staates. Ein derartiger Extremismus mochte fanatisch sein, aber er war durchaus nicht unrealistisch. Ein autoritärer Staat ist leichter zu zerstören als zu reformieren, und der russische Staat war in der Tat so gebaut, dass eine gut platzierte Ladung Dynamit und ein gut gezielter Revolver ihn in die Luft sprengen konnten, indem eine Hand voll Großfürsten und Minister eliminiert wurden. Die Schwäche des Zarenreiches lag in seiner verarmten Gesellschaftsstruktur: Der Staat wurde von einer vertikalen Hierarchie zusammengehalten, vom Zar bis hinunter zum Gendarmen. In Großbritannien oder Frankreich wurde die Gesellschaft von einem Netz und Gefüge von Institutionen zusammengehalten, von der Justiz, dem Parlament, der Kirche, der kommunalen Verwaltung. In Russland, wo all diese Institutionen nur rudimentär oder im Anfangsstadium vorhanden waren, blieb dieses Gefüge einschichtig. Die Mörder des Zaren Alexander II., die Generation der russischen Revolutionäre, die Lenin vorausging, erkannten diese Schwäche. Doch sie hatten nicht die Unterstützung des Volkes und keine Aussicht, einen Aufstand der Massen anzuzetteln. 1878 hatten nur wenige die Weitsicht eines Dostojewski, der Blutvergießen und Tyrannei voraussagte. Russland galt in den Achtziger- und Neunzigerjahren gemeinhin als stagnierend, rückständig, ja herzlos und zynisch - aber als stabil. Hässliche Episoden wie Hungersnöte, Epidemien, Judenpogrome verschafften Russland, zu Recht, in den Achtzigern international einen schlechten Ruf. Die Sechziger und Siebziger waren eine Periode der Reform, der Hoffnung und vor allem der schöpferischen Kraft gewesen: In dieser Zeit schrieben Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenjew, Leo Tolstoi und Nikolai Leskow ihre größten Romane. In den Achtzigern und Neunzigern war der Elan verflogen: Nur die Musik von Pjotr Tschaikowski und die chemischen Entdeckungen von Dmitrij Mendelejew kündeten von der russischen Zivilisation. Dennoch herrschte eine Ruhe in dieser Stagnation. 1878 war der Beginn der längsten Friedenszeit des russischen Reiches. Von dem russischen Sieg über die Türkei 1877 bis zu seiner Niederlage gegen Japan 1905 sollte knapp ein halbes Menschenleben verstreichen.
Als Jossif (georgisch Josseb) Dschugaschwili am 6. Dezember 1878 in der blühenden Stadt Gori, 60 Kilometer westlich von Tiflis, geboren wurde, herrschte eine stille und lebhafte Stimmung unter den städtischen Handwerkern, Händlern und Intellektuellen. Ein Junge, dessen Eltern ein bescheidenes Einkommen hatten, konnte sich eine Bildung erwerben, die ihm im ganzen russischen Reich eine gute Stellung sichern würde. Nur wenige Augenzeugen sahen Anlass, der Voraussage Dostojewskis und des Philosophen Wladimir Solowjows zuzustimmen: dass nämlich in den nächsten 40 Jahren eine russische Tyrannei errichtet würde, die so grausam und blutig war, dass selbst Dschingis Khans oder Nadir Schahs Invasionen gegen sie verblassen würden. Noch weniger ahnte irgendjemand, dass Jossif Dschugaschwili, als Josef Stalin, maßgeblich an der Errichtung dieser Tyrannei über das russische Reich beteiligt sein und anschließend die Alleinherrschaft übernehmen sollte.
Die Familie, aus der Jossif Dschugaschwili stammte, hatte nicht mehr Grund als das Land, die Zukunft zu fürchten. 1878 war der Schuhmacher Wissarion Dschugaschwili 28 Jahre alt, ein geschickter und erfolgreicher Handwerker, der selbständig arbeitete. Seit sechs Jahren war er nunmehr mit der inzwischen 22-jährigen Jekaterina verheiratet. Sie war ein Bauernmädchen mit großem Ehrgeiz, gut erzogen und hatte sogar Lesen und Schreiben von ihrem Großvater gelernt. Ihre ersten beiden Söhne waren im Säuglingsalter gestorben, dieser dritte Sohn war, nach georgischer (und russischer) Tradition, ein Geschenk Gottes, das man Gott wiederum anbieten musste. Jekaterinas Vater war noch vor ihrer Geburt gestorben, und sie wurde von ihrem Onkel Petre Chomuridse aufgezogen. In den Fünfziger Jahren waren die Chomuridses Leibeigene aus dem Dorf Medschroche in der Nähe von Gori. Im Jahr 1861 machte Zar Alexander II. sie, wie alle Leibeigenen, zu freien Menschen. Einmal befreit, erwies Petre Chomuridse sich als tüchtiges Familienoberhaupt: Er zog seine eigenen Kinder und die Kinder seiner verwitweten Schwester auf. Jekaterinas Brüder Sandro und Gio wurden Töpfer und Ziegelmacher, und als Jekaterina die Frau eines Schuhmachers wurde, hatten alle Geladse-Geschwister den Aufstieg vom Bauern- in den Handwerkerstand geschafft.
Die Familie von Stalins Vater, Wissarion, schien denselben Aufstieg zu erleben. Stalins Urgroßvater väterlicherseits, Sasa Dschugaschwili, hatte ebenfalls in der Nähe von Gori in einem mehrheitlich ossetischen Dorf gelebt. Auch Sasa war Leibeigener: Er nahm an dem antirussischen Aufstand Anfang des 19. Jahrhunderts teil, entging der Strafe und wurde dank eines gnädigen Feudalfürsten in eine Bruchbude in dem windigen und halbverlassenen Dorf Didi Lilo umgesiedelt, 16 Kilometer nördlich von Tiflis. Hier stieg Sasas Sohn, Wano, in der gesellschaftlichen Hierarchie auf: Ihm gehörte ein Weinberg. Beide Enkelsöhne von Sasa, Giorgi und Wissarion, schienen noch höher zu klettern. Nach Wanos Tod wurde Giorgi Wirt. Doch ihr Aufstieg wurde jäh unterbrochen: Stalins Onkel Giorgi wurde von Räubern ermordet, und Giorgis jüngerer, mittelloser Bruder, Wissarion, wanderte nach Tiflis aus, um Schuster zu werden. Um 1870 hatten die Dschugaschwilis sich einigermaßen erholt. In seiner Anstellung bei einem armenischen Stiefelmacher lernte Wissarion nicht nur sein Handwerk, sondern auch ein wenig Russisch, Armenisch und Aserbaidschanisch, und natürlich Georgisch. Anders als die meisten georgischen Handwerker damals, konnte Wissarion lesen und schreiben.
Jeder dritte große Diktator, Künstler und Schriftsteller hat noch in seiner Kindheit den Tod, Ruin oder die Verkrüppelung seines Vaters miterlebt. Stalin ist, wie Napoleon, Dickens, Ibsen und Tschechow, der Sohn eines Mannes, der die gesellschaftliche Leiter ein Stück weit aufgestiegen und dann abgestürzt ist. Wieso scheiterte Wissarion Dschugaschwili, wo doch alles zugunsten eines Mannes von seiner Herkunft und mit seinem Geschick zu sprechen schien? Im Alter von 22 Jahren war Wissarion ein angesehener Handwerker mit einer gut erzogenen Braut, Jekaterina Geladse, und lebte in einem Häuschen mit zwei Zimmern in einer aufstrebenden Stadt Georgiens. Beso, wie Wissarion genannt wurde, begann, selbständig als Schuhmacher zu arbeiten. Die Zeitgenossen wissen wenig über Wissarion Dschugaschwili zu berichten. Einer erinnert sich, dass die Dschugaschwilis niemals etwas verpfänden oder verkaufen mussten. Ein anderer weiß noch: »Wenn Sossos Vater Wissarion heimkam, dann spielten wir, wenn es ging, nie drinnen. Wissarion war ein sehr komischer Mensch. Er war mittelgroß, dunkelhäutig, mit einem dichten schwarzen Schnurrbart und buschigen Augenbrauen, sein Ausdruck war ernst, und er lief immer mit einem düsteren Blick umher.« Als Stalin sechs war, im Jahr 1884, lief Wissarions Geschäft plötzlich schlecht. Die Familie zog um - neunmal in zehn Jahren. Der Schuhmacherladen verlor Kundschaft, Beso fing an zu trinken.
Anfang 1890 brach die Ehe von Stalins Eltern auseinander. In diesem Jahr sah der junge Stalin seinen Vater zum letzten Mal: Der Zwölfjährige wurde von einem Karren angefahren, und seine Eltern brachten ihn zu einer Operation nach Tiflis. Wissarion blieb in der Hauptstadt und fand Arbeit in einer Schuhfabrik. Als der Junge sich erholt hatte, stellte Wissarion ihm ein Ultimatum: Werde entweder Schuhmacherlehrling in Tiflis oder kehre nach Gori zurück und folge den Ambitionen deiner Mutter, gehe auf ein Priesterseminar und werde von deinem Vater enteignet. Sosso ging im Herbst 1890 wieder in Gori zur Schule. Nach etlichen Besuchen in Gori, bei denen Wissarion Jekaterina anflehte, ihn doch wieder aufzunehmen, verschwand er aus Stalins Leben. (Stalin gab später in einer offiziellen Erklärung an, sein Vater habe die Familie im Stich gelassen.) Wissarion Dschugaschwili wurde Alkoholiker und Landstreicher. Am 12. August 1909 starb er im Krankenhaus an Leberzirrhose, nachdem er aus einem Obdachlosenasyl in Tiflis eingeliefert worden war. Er wurde in einem schmucklosen Grab bestattet, betrauert von nur einem Schuhmacherkollegen.Einige Georgier konnten nicht glauben, dass Stalin von einer so niedrigen Familie abstammte; sie mutmaßten, dass Stalin ein uneheliches Kind sei (was erklären würde, weshalb Wissarion sein untreues Weib und ihre Brut im Stich ließ). Der Legende nach kamen zwei vermeintliche Väter in Frage: Nikolaj Prshewalski, der Erforscher Zentralasiens, und ein georgischer Fürst Egnataschwili. Es stimmt, dass Stalin äußerlich Prshewalski ähnlich sah - aber der war homosexuell, ein Frauenfeind und er kampierte gerade an der chinesischen Grenze, als Stalin gezeugt wurde. In sowjetischer Zeit führten zwei Brüder Egnataschwili ein bemerkenswert angenehmes Leben. Sie waren mit dem Geistlichen, der Stalin und seine Eltern verheiratet hatte, und mit dem Fürst Egnataschwili verwandt, für den Jekaterina angeblich den Haushalt besorgte. Gewiss wurde Stalin häufig ein Bastard und Hurensohn genannt, aber das Schimpfwort war bildlich gemeint. In einer georgischen Kleinstadt war Ehebruch die Ausnahme: Keke, ihr georgischer Kosename, war eine konventionelle, aber willensstarke Frau und Mutter, und Jossif war zweifellos Wissarions Sohn.
Stalin mochte es nicht, wenn jemand nach seiner Herkunft forschte: Er wich Fragen zu seinem Vater ständig aus. Nur im Jahr 1906 gewährte er ihm eine beiläufige Anerkennung, als er für kurze Zeit ein neues Pseudonym für seine journalistische Tätigkeit annahm: Wissoschwili (Sohn von Wissarion). Jekaterina übte einen nachhaltigeren Einfluss auf ihren Sohn aus. Sie vermachte ihrem Sohn die Hartnäckigkeit bei der Verfolgung der eigenen Ziele. Zuerst ruiniert, dann verlassen, war sie nach etlichen Umzügen von der Frau eines Handwerkers zum Arbeitstier degradiert worden. Dennoch kratzte sie genügend Geld zusammen und redete den Behörden gut zu, damit sie ihren Sohn von der Straße wegholen und in die Schule schicken konnte. Nach mehreren Berichten hat sie Jossif genauso oft geschlagen wie Wissarion, allerdings aus nobleren Gründen: Frömmigkeit und ein instinktives Gespür dafür, dass Bildung, vorzugsweise in Richtung Priesterschaft, die einzige Möglichkeit war, mit der ihr Sohn es in der Welt zu etwas bringen konnte. Genau wie Jossif, war auch Jekaterina außerordentlich zielstrebig: Religion und ihr Sohn waren ihre einzigen Interessen. Ihr einziger erhaltener Brief an Stalin aus den Zwanzigerjahren zeigt, wie viel sie mit ihm gemein hatte:
Mein liebes Kind, Jossif, zuallererst grüße ich dich voller Liebe und wünsche dir ein langes Leben und Gesundheit zusammen mit deiner guten Familie. Kind, ich bitte die Natur, dir den vollständigen Sieg und die Vernichtung des Feindes zu verleihen... Sei siegreich.
Wenn Stalin es auch vermied, über seinen Vater zu sprechen, so mochte er doch traditionsgemäß, wenn auch nachlässig, seine Mutter. Er schickte ihr kurze Briefe und machte ihr gelegentlich Geldgeschenke. In den Dreißigerjahren war Jekaterina, eine strenge Witwe in Schwarz, zu sehen, wie sie ihren Korb zum Kolchosmarkt von Tiflis trug, begleitet von einem Haufen stattlicher NKWD-Wachen - weil Lawrentij Berija sich damit bei Stalin einschmeicheln wollte, nicht etwa, weil ihr Sohn es befohlen hätte. Stalin besuchte seine Mutter zweimal in den Zwanzigerjahren und einmal im Jahr 1935. Zu ihrem Begräbnis schickte er nur einen Kranz.
Alle, die Stalin an der Macht kennen lernten, waren über seinen Eigendünkel und seine Einsamkeit verblüfft. Vielleicht war Stalins einsiedlerisches Leben darauf zurückzuführen, dass er der Sohn einer verarmten und einsamen Frau war. Aber war Stalins Kindheit wirklich die einsame Hölle, in der ein Psychopath geboren wird? Was wir über Jossifs Kindheit wissen, bestätigt dieses Bild keineswegs. Die Dschugaschwilis hatten ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Nachbarn, Kosmopoliten, »nach oben hin mobilen« Handwerkern. In der Nähe lebte Jekaterinas weitere Familie: Handwerker, Gastwirte, mit Verbindungen zu Händlern und sogar zu Adligen. Wie Besos Söhne Michail, geboren 1875, und Giorgi, geboren 1876, die kurz nach der Geburt starben, hatte auch Jossif Dschugaschwili prominente Paten, auf deren Unterstützung er ebenfalls zählen konnte. Der junge Stalin hatte als Spielfreund einen ein Jahr jüngeren Pflegebruder (der bei Wissarion in die Lehre ging): Wano Chutsischwili. Wano hatte keinen Grund zur Klage, als er sich 1939 in einem Brief an Stalin an ihre offenkundig glückliche Kindheit erinnerte. Selbst nachdem Wissarion Frau und Kind verlassen hatte, hielten Jekaterina und Jossif den Kontakt zu diesem Zweig der Familie. Wissarions Schwester war mit einem Jakob Gwesseliani verheiratet und ihre Kinder, Jossifs Cousins, besuchten Gori häufig, obwohl sie in der Nähe von Tiflis lebten. Jekaterina war ihrerseits wiederum mit ihren Kindern Teil einer größeren Familie in Gori, darunter ihre Cousine Mariam Mamulaschwili, die sieben Kinder hatte. Bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr dürfte Stalin keine unfreiwillige Einsamkeit gekannt haben.