Diese dreiteilige Dokumentation mit den Leitthemen "1. Der Mythos, 2. Der Kriegsherr, 3. Der Tyrann" wurde im Auftrag des ZDFs in der Schmiede Guido Knopps produziert, und wer schon einmal Produkte aus dieser Schmiede gesehen hat, weiß, daß dort besonders viel heiße Luft aus den Blasebälgern gepreßt wird.
Der Einfachheit halber möchte ich lediglich den ersten Teil kurz vorstellen, da er das Niveau der ganzen Reihe repräsentiert. Schon gleich zu Beginn wird der Zuschauer nicht darüber im unklaren gelassen, daß wir es mit einem echten Knopp zu tun haben, denn die aggressive Musik, die die plakative Metaphorik einer zerschellenden Stalinbüste untermalt, kennen wir doch schon aus bahnbrechenden Dokumentationen wie "Hitlers Frauen" oder "Hitlers Helfer".
Auch sonst ist das Rezept das gleiche - "Modern Talking" goes history! Originale Filmaufnahmen werden auf sprachlich einfachster Ebene - beliebt sind Hauptsätze mit fünf bis sieben Wörtern - kommentiert und teilweise assoziativ aneinandergereiht, unterbrochen von modernen Landschaftsaufnahmen, wie etwa einer schneebedeckten Ebene, wenn von den unter Rußlands Erde liegenden Opfern Stalins die Rede ist. Vielleicht gibt es Leute, die so etwas mögen, aber ein bißchen mehr könnte Knopp seinen Zuschauern doch zutrauen.
Auch dürfen die Authentizität vorspiegelnden Interviewschnipsel mit Zeitzeugen, wie etwa dem Enkel eines unehelichen Sohns Stalins nicht fehlen, die wiederum beliebig die Aussagen unterfüttern, die Knopp eben machen möchte. Besagter Enkel versorgt uns beispielsweise mit der ziemlich coolen Info, daß er bei seinem letzten Besuch im Haus seiner Großmutter dort noch die Wiege gesehen habe, in der sein Vater von Stalin hin- und hergeschaukelt worden sei. Eine andere Interviewte läßt uns wissen, daß sie sicher sei, daß Stalin seine Ehefrau wenn nicht selbst umgebracht, so doch immerhin in den Selbstmord getrieben habe. Schön ist ja, daß all diese Zeitzeugen, ganz anders als die Menschen, denen wir im täglichen Leben begegnen, einen objektiven Blick auf die Wahrheit haben und von keinerlei Werten, perspektivischen Begrenzungen, Gedächtnislücken oder Interessen beeinflußt sind, so daß wir jedes ihrer Worte für bare Münze nehmen können - besonders wenn wir immer nur einen kurzen Ausschnitt des Interviews zu hören bekommen.
Ein absoluter Höhepunkt von "Der Mythos" ist allerdings der immer wiederkehrende Vergleich mit Hitler. Daß sowohl Stalin als auch Hitler Kinder zur Selbstdarstellung nutzten, ist doch so etwas von banal, zumal sie in dieser Hinsicht ja nicht die einzigen Politiker waren. Die Macher dieser Dokumentation glauben aber anscheinend, etwas völlig umwerfend Neues damit herausgefunden zu haben.
Mein persönliches Schmankerl ist aber der Vergleich der Klassenphotos von Stalin und Hitler; beide der späteren Diktatoren stehen hier in gebieterischer, arroganter Pose in der oberen Reihe Mitte. Der Sprecher weist mit bedeutungsschwangerer Stimme auf diese Parallele hin und kann dann gerade noch die rhetorische Frage herausbringen: "Ein Zufall?" Spätestens hier hätte man die weitere Gestaltung der Doku an Aiman Abdallah und sein so natürlich vor der Kamera auftretendes Galileo-Mystery-Team abgeben müssen. Vielleicht wären ja in Zukunft auch Koproduktionen zwischen Knopp und Abdallah denkbar. Ich könnte mir Knopp jedenfalls gut in diesem Seriosität und fachliche Verläßlichkeit ausstrahlenden Team vorstellen, und das ZDF könnte sich dann endlich auf die Ausstrahlung von BBC-Dokumentationen konzentrieren.