Itzehoe in Schleswig-Holstein, Ende der 50er Jahre. Kommissar Roggenburg (Rudolf Platte) und seine Kollegin Fräulein Johannsen (Andrea Grosske) brechen zu einer Bahnreise in den Süden Deutschlands auf. Es gilt, den Mörder eines Menschen zu verhaften, dessen Leiche bereits 1947 in einem kleinen Teich gefunden wurde. Jahrelang war es nicht einmal möglich gewesen, den Toten zu identifizieren. Durch einen Zufall wurde Kommissar Roggenburg erst vor kurzem dazu animiert, die kalte Spur wieder aufzunehmen. Während der gemeinsamen Bahnfahrt erzählt der Kommissar seiner Kollegin, wie es ihm gelungen ist, mit welcher Beharrlichkeit es ihm gelungen ist, den Toten zu identifizieren, den Täter zu demaskieren und welche Rolle das Haus an der Stör spielt. Dabei nimmt er sie mit auf eine Zeitreise in die früheste Nachkriegsgeschichte Deutschlands.
Nur wenige Fernsehsendungen sind in Dialog und Handlung so ausgestattet, dass man sie ohne störende Kommentare eines nachträglich hinzugefügten Erzählers zu einem Hörspiel verarbeiten kann. Die 1963 entstandene Episode "Das Haus an der Stör" aus der Reihe "Stahlnetz" erfüllt allerdings diese Anforderungen. Die Wechsel zwischen den in Rückblenden erzählten Ermittlungen und Kommissar Roggenburgs Erklärungen aus dem Off bzw. während der gemeinsamen Reise mit Frl. Johannsen sind so raffiniert gestaltet, dass sich ein Erzähler vollkommen erübrigt. Dadurch wurde es möglich, das original Sendeband des NDR zu verwenden, ohne etwas herauszuschneiden oder hinzuzufügen.
"Das Haus an der Stör" überzeugt als Hörspiel noch durch weitere Punkte. Da wäre zum einen die faszinierende Schauspieler- oder besser Sprecherwahl. Schauspieler wie z. B. Helga Feddersen, Christa Siems, Gerda-Maria Jürgens, Ernst H. Hilbich und Otto Lüthje, die sonst eher auf das heitere Sujet abonniert waren, zeigen hier, dass sie durchaus in der Lage waren, auch Charakterrollen überzeugend darzustellen. Außerdem konnte Regisseur Jürgen Roland Film- und Theatergrößen wie Friedrich Schütter und den ehemaligen Ufa-Star Mady Rahl gewinnen. Besonders zu erwähnen sind Henry Vahl, der hier einmal nicht den aus dem Ohnsorg Theater beliebten, leicht schusseligen Opa der Nation gibt, sondern einen erfahrenen Gerichtsmediziner, und natürlich der unvergessene Rudolf Platte. Letzterer spielt den nachdenklichen, gewissenhaften und beharrlichen Polizisten, dem Humor und Ironie trotz seines eigenen Platzes in der deutschen Geschichte als ehemaliger Kriegsgefangener nicht fremd sind, unglaublich überzeugend - ganz klar eine seiner besten Rollen.
Des Weiteren besticht das Dialogbuch. Wolfgang Menge, der später auch dem Ekel Alfred in "Ein Herz und eine Seele" die scharfen Texte in den Mund legen sollte, verstand es, mit spitzer Feder der deutschen Fernsehnation die eigene Befindlichkeit Ende der 50er Jahre unter die Nase zu halten. Immer wieder gibt es – teils erstaunlich unverblümte und deutliche – Anspielungen auf die Nachkriegszeit und den Hang der Deutschen zum Vergessen und Verdrängen der eigenen Vergangenheit. Und so erzählt Menge nicht nur einen Kriminalfall nach einer wahren Begebenheit, sondern er porträtiert auch eine Gesellschaft, die mitunter nicht willens war, sich ihrer jüngeren Geschichte angemessen zu stellen.
Durch all dies wird "Das Haus an der Stör" zu einem Hörspiel trotz der vorrangigen Absicht zu unterhalten, zu einem Hörspiel mit einem erstaunlichen Tiefgang und vermittelt einen Eindruck dessen, wie die ersten fünfzehn Jahre nach der Stunde Null gewesen sind.
Bliebe noch die Tonqualität zu erwähnen: Der Audioverlag hat die Originaltonspur des NDR sorgfältig von den Spuren der Zeit befreit und digital überarbeitet, so dass einzig die Tatsache, dass der Ton nicht in stereo sondern mono zu hören ist, darauf hindeutet, dass "Das Haus an der Stör" bereits 1963 und nicht erst vor kurzem entstand.
Der einzige Wehmutstropfen findet sich im Abspann: Der hierfür notwendigerweise nachträglich hinzugefügte Sprecher macht beim Verlesen der Darstellernamen so eklatante Fehler, dass es schon fast peinlich ist. So wird aus Mady Rahl z. B. Madi Dahl und aus Kurt Jaggberg wird Karl Jaggbert. Einzig in diesem Punkt hätte der Audioverlag etwas mehr Sorgfalt walten lassen können.