Nicht zu Unrecht gilt H.P. Lovecraft als Altmeister des subtilen Horrors. Genau wie sein Landsmann und großes Vorbild Edgar Allen Poe versteht es der Amerikaner perfekt, eine dezente und feinsinnige Grusel-Atmosphäre aufzubauen, die nahezu völlig ohne blutige Effekte auskommt und dennoch sehr effektiv ist. So ist auch diese Sammlung von Kurzgeschichten wie andere Lovecraft-Kompendien gut umgesetzt und bietet einen weiteren Überblick über das Schaffen des Autors. Das Hauptwerk des Schriftstellers, das nicht allzu umfangreich ist, besteht zum Großteil sowieso aus Kurzgeschichten, die mittlerweile alle im Suhrkamp-Verlag erschienen sind, insofern kann man mit keinem dieser Bücher etwas falsch machen.
Bei aller Begeisterung für das Genie des Autors soll aber nicht verhehlt werden, dass die Qualität seiner Geschichten zum Teil ein wenig schwankt. So auch in "Stadt ohne Namen", das immerhin 14 Horrorgeschichten (wobei "Horror" aus heutiger Sicht wohl nicht der richtige Ausdruck ist) enthält. Es liegt eigentlich in der Natur der Sache, dass bei dieser Anzahl nicht alles Gold sein kann, was glänzt. So sind gleich die ersten beiden Kurzromane eher durchschnittlich gelungen: die Titelgeschichte wirkt auf mich wie ein unbearbeitetes, unvollständiges Manuskript zu "Berge des Wahnsinns", ohne auch nur eine Spur von dessen Intensität zu erreichen; "Dagon" ist dagegen an sich wirklich faszinierend, aber leider viel zu kurz ausgefallen, um einen befriedigenden Eindruck zu hinterlassen. Danach geht es jedoch mit der Qualität stetig bergauf (Ausnahmen: "Das merkwürdig hochgelegene Haus im Nebel" und das wirre "Nyarlathotep"), sodass der Gesamteindruck überaus positiv ist. Um das zu erkennen, muss man allerdings eine gewisse Affinität zu den Stilmitteln und der Schreibweise des Autors haben. Im krassen Gegensatz zu vielen anderen (vor allem modernen) Horror-Schriftstellern setzt Lovecraft auf den Schrecken dessen, was nicht, oder nur ungenau und nebelhaft beschrieben wird. Es gibt keine fassbaren Erklärungen und verlässlichen Anhaltspunkte, wodurch ein relativ aufwändiger Einsatz der eigenen Fantasie Pflicht ist um den Wert des Gesamtwerkes zu erkennen.
Etwas sollte aus meiner Sicht bei solchen Sammelbänden, die Lovecraft-Veröffentlichungen heute ja immer sind, beachtet werden: die Kurzgeschichten erschienen ursprünglich in Zeitschriften, d. h. zwischen den Veröffentlichungen lag immer eine gewisse Zeit. Wenn mehrere davon in einem Buch konzentriert werden, stellt sich relativ schnell ein gewisser Abnutzungseffekt ein, wenn man das gesamte Werk auf einmal liest. Grund dafür ist der prinzipiell spannende und schöne, aber doch meist sehr ähnliche Aufbau der Geschichten. Als Fan des Autors kann man darüber natürlich locker hinwegsehen, Neueinsteigern könnte das ein wenig zu schaffen machen und sogar ein Gefühl von Langeweile geben. Man sollte sich also auf jeden Fall Zeit für die Lektüre nehmen.
Die einzelnen Geschichten bewerte ich wie folgt:
Stadt ohne Namen: **
Dagon: ***
Der Hund: *****
Das Fest: ****
Das merkwürdig hochgelegene Haus im Nebel: **
Grauen in Red Hook: ****
Das Bild im Haus: ***
Herbert West - Der Wiedererwecker: *****
Der Tempel: ****
Er: ***
Die lauernde Furcht: *****
Arthur Jermyn: ****
Nyarlathotep: **
Das gemiedene Haus: ****