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Im Vorraum der Angst
Christoph Peters Roman «Stadt Land Fluss»
«Stadt Land Fluss» heisst ein Kinderspiel, bei dem es vor allem auf geographische Kenntnisse und Schnelligkeit ankommt. Einer sagt lautlos das Alphabet auf, ein andrer sagt «Stopp!», der erste sagt «K», und jetzt schreiben alle ganz schnell Stadt, Land, Fluss mit nämlichem Anfangsbuchstaben auf ein Papier; wer am Schluss die meisten zusammenhat, der hat gewonnen. Das Spiel ist einfach, es hat klare Regeln. Nur wer ihm ein Ende macht, ist nicht ganz klar. Es sei denn, zur Geographie gesellt sich ein literarischer Ehrgeiz. Dann ist das Spiel eine Metapher auf Leben und Tod.
«Stadt Land Fluss» heisst das hochgerühmte Début des 33jährigen Christoph Peters aus der kleinen Stadt Kalkar in Deutschland am Niederrhein; von «der literarischen Überraschung des Frühjahrs» war die Rede, ja vom «besten deutschen Romandébut der letzten Jahre». Doch nichts unterscheidet das Buch von anderen deutschsprachigen Neuerscheinungen dieses Frühlings und manch vergangener Büchersaison. Nicht das fussnotenbeschwerte Vorwort eines Herausgebers, der betont, mit dem Verfasser nicht identisch zu sein, obschon alle Daten, Namen und Umstände dieses nahelegen. Nicht die Geschichte einer bundesdeutschen Kindheit auf dem Lande mit Schlachttag, kopflosen Hühnern und pieksendem Frohsinn im Heu, auch nicht die verpickelte Jugendnot in der Provinz nebst katholischer Dorfchronik, nationalsozialistischem Erbe und ökologisch-romantischem Nachruf. Am wenigsten aber der gelehrte Rekurs auf den spätgotischen Holzschnitzer Henrick Douwermann, welchem sowohl die Ausflüge in die Kunstgeschichte als auch in die Umgebung von Kalkar zu danken sind ohne bildungsbürgerlichen Zierart, kulturhistorische Funde und ironisch-kritischen Textapparat kommt heutzutage ja kein Prosadébut mehr aus.
Die letzten Seiten
Selbst die Liebesgeschichte mit Zahnärztin Hanna ist so aufregend nicht, dass ihre mähliche Abkühlung in den Annalen des Ehealltags das gebündelte Lob der Kritik provozieren müsste: entbrannt zwischen Bohrer und Absaugschlauch, findet die Leidenschaft aus der Zahnarztpraxis bald in die geregelten Bahnen des gegenseitigen Elternbesuchs. Und der gekonnte Umgang mit Exposition, Perspektive und Rückblick gehört zur Standardausrüstung der dreissig- bis vierzigjährigen Debütanten; das routinierte Erzählen hat man gelernt vor aller Lebenserfahrung. Nichts also hebt diesen hochgelobten Roman heraus aus der Menge der vielen gut erzählten Neuerscheinungen dieses Genres. Nichts ausser den letzten Seiten.
Was bis dahin geschieht, lässt sich ungefähr folgendermassen umreissen: Ein seit Jahren erfolglos vor sich hinwerkelnder Kunstwissenschafter (Henrick Douwermann und die Philosophie der Zentralperspektive) verliebt sich in seine Zahnärztin, welches Sujet übrigens weder in der Natur noch in der Literatur so abwegig ist, wie der Autor uns weismachen will; zuletzt hat Peter von Becker sein deutsches Wendetriptychon «Die andere Zeit» auf einem Zahnarztstuhl eingeläutet. Doch mit der jüngsten deutschen Geschichte hat das Paar am Niederrhein insofern wenig zu tun, als es über den Kreisstadtteil nur ein einziges Mal hinauskommt; nach Italien nämlich, wo die Hochzeitsreisenden sich sofort in die Dorf-Wald-Bach-Idylle zurückziehen. Italien taugt nicht zur Aufhebung der Zentralperspektive, die in unserem Fall nur Hanna, Kalkar und Douwermann im Visier hat. So bewegt die Geschichte sich zwischen Zahnarztpraxis, spätgotischer Wurzel-Jesse-Predella und dem Anstandsbesuch bei Schwiegerpapa. So weit, so unspektakulär.
Das Normale braucht einen Grund, weshalb es erzählt wird, sofern die Erzählung nicht antritt, es aus den Angeln zu heben. Das ist hier der Fall und auch wieder nicht. Das Motiv dafür wird, sehr klassisch, schon auf den ersten Seiten geliefert. Doch das klamme Gefühl, dass womöglich alles ganz anders gewesen ist, als berichtet wird, stellt sich erst in den letzten Kapiteln ein. Es gibt Gründe, der Zentralperspektive des Erzählers mit Misstrauen zu begegnen.
Thomas Walkenbach «ein Planet, der nach einer gewaltigen Kollision noch eben seine Umlaufbahn hält» kreist um einen Befund; man ahnt: er ist tödlich. Doch lange noch realisiert der Leser nicht richtig, wem der ungeöffnete Brief auf dem Küchentisch gilt auch wenn die Indizien eindeutig sind. Das gibt der Geschichte ein schleichendes Gift ein, welches den nüchternen Ton mit einer leichten Bitternis kontaminiert. Bis sich herausstellt, dass Hanna schwer krank ist, bis der Leser bemerkt, dass er schon längst in dem Abwehrkokon steckt, in dem der Erzähler sich vor der Wirklichkeit abschirmt. All die Zeichen, die Hinweise auf ein schlimmes Finale, bleiben zunächst nahezu unbemerkt als mache die Angst des Erzählers auch den Leser blind.
Je faktischer sich der Tod Diagnose Brustkrebs gebärdet, desto vager wird die Erzählung, desto verschwommener auch die Grenze zwischen Erinnerung und Phantasie. Warum verschwindet die Sterbenskranke, ist sie davongelaufen, ist sie gar lange tot? Oder sind das alles nur Hirngespinste eines Feiglings, der «mit einer kränkelnden Frau nie hätte leben können»? Und es ist gottlob nicht nur ein kriminalistischer Clou, dass der Autor Walkenbachs Flucht in die Verantwortungslosigkeit eine imaginäre Richtung gibt. Sie mit dem Wort Schuld zu belegen führte zu weit; Schuldgefühl trifft die Sache besser. So kommt noch ein Mordverdacht mit ins Spiel. Es ist das Gefühl, in der Liebe versagt zu haben.
Ein Gespenst geht um in der jungen deutschsprachigen Literatur: die Angst vor dem Glück, das eintritt. «Das Glück ist immer der Augenblick davor», heisst es in Judith Hermanns Geschichtenband «Sommerhaus, später»; «dass es ein Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen», schreibt Peter Stamm in seinem gerade in Rauris gekürten Erstling «Agnes». «Wie wenig man spürt, wenn das Ersehnte eintritt», sagt Thomas Walkenbach, «die Erwartung des Glücks ist grösser als das Glück.» Die Fähigkeit, mit dem Wunder zu rechnen, gehört offenbar nicht zur Grundausstattung der jüngeren Generation; man nennt das auch gerne besorgt ihr «Lebensgefühl». Keine Spur Leichtsinn, Überschwang, Unvernunft, dafür Drogenprobleme und ein «dümmlich grinsender Widerstand gegen das Heimweh nach einem Ort, der in der Vergangenheit liegt und dessen Name auf keiner Strassenkarte verzeichnet ist». Paradies heisst das Land, dessen Name auf keiner Karte verzeichnet ist, Lethe der Fluss. Stadt, Land, Fluss: ein Leben lang wird offensichtlich das falsche Spiel gespielt.
Schlamperei des Gefühls
«Über Jahre hinweg geschieht wenig mehr, als dass wir arbeiten und zusammen sind und uns gegenseitig halten.» Später dann plötzliches Schweigen, kleine Versäumnisse bei den täglichen Gesten, ab und an eine Schlamperei des Gefühls, dann immer öfter lautlos hochschiessende Aggressionen. «Hanna nimmt ihre Arbeit zu ernst, ich trinke zuviel, wir werden uns nicht fortpflanzen.» Was fehlt: «Eine Möglichkeit, die eigene Geschichte anzuhalten, sobald sie gut ist.» Stopp. «Alles kann bleiben, wie es ist.» Aber das Spiel geht weiter. Bis zum letzten Buchstaben. Dann fehlen die Worte. Wir sind im letzten Kapitel.
Es gibt welche, natürlich. Karzinom der Mamille oder Lymphangiom, sagen die Ärzte; «Hanna spricht jetzt immer von der Geschichte mit der Brust.» Was hilft, sind Vergleiche: «Empfindet die Auster etwas Angstverwandtes, wenn man den Brecher ansetzt?» Was bleibt: das Gefühl, etwas schuldig geblieben zu sein. «Kein einziges Mal, dass sie losheult, warum ich, was habe ich denn getan?»
So unsentimental wie auf den letzten Seiten dieses Romans ist im Vorraum der Todesangst vielleicht selten erzählt worden. Hier, wo die Worte fehlen, das routinierte Erzählen verstummt, kommt der Ton aus dem stillen Zentrum der Ratlosigkeit: Alles ist, wie es ist, und es ist sinnlos. Die Unfähigkeit, mit dem Sterben zu leben, mit der Veränderung, mit dem Verfall; die Wut, die Verlogenheit, wenn das Spiel aus allen Beteiligten nur noch Verlierer macht: Christoph Peters hat diesem grossen Thema im letzten Kapitel seines Débuts eine beklemmende Spannung verliehen ohne Kunstgeschichte, Bauernsterben und poetologische Selbstreflexion. Stadt, Land, Fluss: die Namen der wichtigsten Orte sind auf keiner Strassenkarte verzeichnet. Heimat, Herzkammer, Himmel, Hades. Stopp. Das Spiel ist aus, das Leben geht weiter.
Andrea Köhler