Neue Zürcher Zeitung
Hinweise auf Bücher
Über das Keifen
upj. Die Soziologie der Geschlechterspannung hat in Deutschland eine beachtliche, wenngleich abgerissene Tradition. In den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts Georg Simmel, Robert Michels, Leopold von Wiese, Franz Blei wären zu nennen galt es keineswegs als unehrenhaft, über das «Flimmern» in den unergründlichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern nachzudenken. All diesen Autoren muss zugute gehalten werden (auch wenn manche ihrer Positionen heute «historisch» zu lesen sind), dass sie ein Reflexionsniveau erreicht hatten, an das heute angesichts der literarerotischen Dürre, die der Feminismus hinterlassen hat, kaum mehr anzuknüpfen ist. Der Magdeburger Soziologe Rainer Paris lässt sich vom Abbruch dieser Tradition nicht entmutigen; eines seiner Themen ist das «Keifen». Wer keift? Frauen und Alte, vor allem alte Frauen; Belegstellen finden sich bei den Brüdern Grimm, bei Shakespeare und anderswo. Die Frage, ob auch Männer keifen, ist nicht leicht zu beantworten, obwohl ein aggressives Abspulen von Ärger und Abwehr auch bei Männern vorkommt. Die Intentionen mögen sich gleichen, aber die Expression ist verschieden. Kurz: Frauen keifen, Männer bellen (zurück). Keifen und Bellen sind als Unterkapitel im «Drama der erkalteten Liebe» zu verstehen. Nicht ungern lässt man sich von Rainer Paris' assoziativer Alltagssoziologie zum «Zieren, Zicken und Zetern» weiterführen.
Kurzbeschreibung
Wie wird Macht von Menschen gemacht und zugleich von ihnen erfahren? Dieser allgemeinen Frage gehen die Aufsätze dieses Bandes anhand politischer Konflikte ebenso wie anhand von Alltagssituationen nach. Macht wird dabei nicht als strukturell erzeugte Ungleichheit aufgefaßt, sondern als eine dynamische Beziehung zwischen Akteuren, in der einer dem anderen seinen Willen durchzuetzen vermag. Anhand verschiedener Machtpraktiken (z.B. Drohungen, Lob, Provokation, Schimpfklatsch oder Intrige) wird gezeigt, wie Macht funktioniert und sich oftmals auch gegen die Absichten derjenigen durchsetzt, die sich ihrer bedienen.