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Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft (edition unseld)
 
 
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Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft (edition unseld) [Taschenbuch]

Josef H. Reichholf
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 138 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: Originalausgabe (20. April 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518260057
  • ISBN-13: 978-3518260050
  • Größe und/oder Gewicht: 17,6 x 10,8 x 1,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
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Josef H. Reichholf
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Topaktuell und wunderbar lesbar löckt der streitbare Evolutionsbiologe erneut wider den Stachel gängigen Umweltschutzdenkens, in dem das Erreichen stabiler Gleichgewichtszustände als oberste Priorität gilt. Für Reichholf sind sie der Anfang vom Ende allen Lebens. Eine Einladung zum Nach- und Mitdenken, die man gern annimmt.« (Börsenblatt Spezial )

»Ganz bestimmt ist auch der Band Stabile Ungleichgewichte zu empfehlen, in dem uns der Ökologe Josef H. Reichholf davon überzeugen will, komlexe Naturprozesse wie etwa den Klimawandel nicht zu dramatisieren, nur weil wir uns die Natur so gerne als ausbalanciertes Gleichgewicht vorstellen und jede Abweichung von diesem Ideal als bedrohlich empfinden.« (Christian Schlüter Frankfurter Rundschau )

Kurzbeschreibung

Die Erhaltung der Biodiversität der Erde ist eines der Hauptziele des UN-Zukunftsprozesses. Das soll erreicht werden durch das Bewahren einer statischen Weltsicht. Auch der moderne Naturschutz setzt auf das "Gleichgewicht im Naturhaushalt" und damit auf eine statische Konzeption der Ökologie. Josef H. Reichholf, der als "enfant terrible" des Umweltschutzes gilt, stellt diesen Ansatz radikal in Frage. Er argumentiert: In einer sich wandelnden Welt können Zukunftsziele nicht auf Zustände von gestern oder vorgestern bezogen werden. Ungleichgewichte sind die Triebkräfte der natürlichen Evolution und der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen. Gleichgewichte dagegen führen zu Erstarrung, in ihrer endgültigen Form sind sie der Tod allen Lebens. Unsere Zeit braucht dringend eine Abkehr von der konservativen Philosophie der Ökologie. Das Streben nach dem Gleichgewicht stellt zwar eine innere Notwendigkeit für die Körperlichkeit des Menschen dar, aber eine darauf begründete Weltsicht mutiert zum Ökologismus und wird eine Pseudoreligion mit fundamentalistischen Zügen. Deshalb gilt es, hinreichend stabile Ungleichgewichte zu finden und zu entwickeln – natürliche wie menschliche Vielfalt weisen uns Wege dazu. Mit seiner Publikation Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends, die als bestes Sachbuch des Frühjahrs 2007 ausgezeichnet wurde, löste Reichholf eine heftige Kontroverse über die Folgen des Klimawandels aus.

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18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Die Natur liebt Verschwendung und Zerstörung, 21. März 2010
Von 
Valer Ambrus (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft (edition unseld) (Taschenbuch)
Die Natur, so scheint es, ist das Gegenbild unserer Gesellschaft. Während das menschliche Leben von Konflikten geprägt ist, herrscht in der Natur Harmonie. Während der Mensch verschwenderisch ist, setzt die Natur ihre Ressourcen optimal ein. Während der Mensch Zerstörung verursacht, befindet sich die Natur im Gleichgewicht. Die Schlussfolgerung drängt sich auf, ein großer Teil der Probleme unserer Zeit wäre lösbar, wenn wir uns die Natur zum Vorbild nehmen würden. Josef Reichholf, Professor für Ökologie in München, hat es unternommen, diese Vorstellung zu prüfen.

Alle Lebensformen, so beginnt Reichholf seine Ausführungen, verkörpern einen hohen Grad an Ordnung. Um existieren zu können, müssen sie fortwährend gegen die Zunahme von Unordnung (Entropie) in der Welt ankämpfen. Dies aber sei gleichbedeutend mit der Herstellung lokaler Ungleichgewichte. Näherten sich Lebewesen dem Gleichgewicht, gingen sie zugrunde. "Der Tod ist das Erreichen des (thermodynamischen) Gleichgewichts" (S. 39).

Die Evolution bestätige diesen Umstand. Je komplexer eine Lebensform sei, desto stärker habe sie sich von ihrer Umwelt gelöst. In besonderer Weise sei dies an jenen Tieren erkennbar, die neben dem Menschen das Höchstmaß an physischer Unabhängigkeit erreicht hätten: den Vögeln. Aus eigener Kraft könnten sie ganze Kontinente überfliegen und in die gleichen Höhen aufsteigen wie Langstreckenflugzeuge. Dafür seien sie gezwungen, das energetische Ungleichgewicht mit der Umwelt zu maximieren. "Die meisten Vogelarten ... halten ihre Körpertemperatur bei 42 Grad ganz knapp unter der Todesgrenze" (S. 84). Damit verbrauchten sie "viel zu viel Energie; das Fünf- bis Zehnfache eines gleichschweren Säugetiers und ein Vielfaches verglichen mit ihrer Reptilienverwandtschaft" (S. 42). Wenn das Prinzip vom sparsamen Umgang mit Energie in der Natur allgemeine Gültigkeit hätte, dürfte es Vögel gar nicht geben.

Was für den Stoffwechsel der Lebewesen gelte, treffe nicht minder auf ihr Verhalten zu. Wann immer sie könnten, neigten sie dazu, die verfügbaren Ressourcen komplett auszuschöpfen. Regelmäßig führe diese Strategie zum Ungleichgewicht zwischen der Zahl der Lebewesen und ihrem Nahrungsangebot und verursache schwerwiegende ökologische Einschnitte. So finde man in der globalen Nutzung der Landschaften einen charakteristischen Zusammenhang: Je attraktiver und einträglicher, desto unbeständiger (S. 70). "Wo immer es ... Massenentwicklungen gibt, da kommen auch sehr starke Schwankungen zustande. Auf gute Zeiten können rasch sehr schlechte folgen. Die hochproduktiven Zonen sind instabil" (S. 72). Demographische Zusammenbrüche seien demnach biologisch "normal". Sie gehörten ebenso zum Auf und Ab des Lebens, wie Phasen des Wachstums und der Stabilität.

Darüber hinaus seien im Verlauf der Erdgeschichte mehrfach Katastrophen aufgetreten, die zur Vernichtung eines Großteils der existierenden Arten geführt hätten. Auch sie müssten als "natürlich" betrachtet werden.

Überhaupt dürfe man sich Ökosysteme nicht wie Organismen vorstellen. Sie seien ungleich offener und nahezu unbegrenzt flexibel (S. 101). "Deshalb können Ökosysteme auch nicht wirklich geschädigt werden oder zusammenbrechen. Es gibt keine festgelegten Zustände, weil keine Instanz vorhanden ist, die solche Festlegungen trifft" (S. 51).

Diese Überlegungen machen deutlich, dass die vom Menschen verursachte Umweltzerstörung biologisch gesehen nichts Außergewöhnliches darstellt. Indem er Raubbau an der Natur betreibt, verhält sich der Mensch so, wie es alle in vergleichbaren Situationen befindlichen Arten tun. Weit entfernt davon, sich gegen die Natur zu wenden, erweist er sich gerade in seiner Rücksichtslosigkeit als ihr gelehriger Schüler. "Es mag in unserer Natur liegen, alles auszubeuten, was genutzt werden kann" (S. 79).

Zwar gebe es durchaus Ökosysteme, die sich dem Gleichgewicht annäherten, doch seien sie meist durch ausgesprochene Armut gekennzeichnet. Typisch dafür sei der amazonische Regenwald, ein "weitestgehend geschlossenes Ökosystem mit nahezu perfektem Recycling von Nährstoffen" (S. 62). Die Böden auf denen er wachse, seien seit Urzeiten ausgelaugt und fast frei von den Mineralien, die für Pflanzenwachstum benötigt würden. Infolgedessen lebten dort erstaunlich wenige Tiere. "Sie bringen zusammen kaum 200 Kilogramm pro Hektar auf die Waage, ein Fünftausendstel der Pflanzenmasse, nicht mehr" (S. 60). Dies sei weniger als ein Zehntel des Tieraufkommens in mitteleuropäischen Wäldern. Nur gezwungenermaßen, aus Not, habe sich in Amazonien der sparsame Umgang mit Ressourcen durchgesetzt.

Außerdem verlange er einen hohen Preis. Lebewesen, die mit kargen Bedingungen auskommen müssten, hätten die Tendenz, ihre Vermehrung einzuschränken. In der Regel erfolge dies auf dem Weg sozialer Unterdrückung. Ein großer Teil der Angehörigen einer Art werde von der Fortpflanzung ausgeschlossen oder falle der innerartlichen Konkurrenz zum Opfer, wie man am Beispiel der Bäume erkennen könne. "Die Ressourcen, die Bäume in ihren Stämmen ansammeln, sind den anderen, den Konkurrenten, weggenommen. ... Bäume, die schneller als ihre Nachbarn wachsen, übergipfeln diese und unterdrücken sie. Von Zehntausenden, die als Sämlinge angefangen haben, bleibt vielleicht einer übrig. Die anderen sind durch die zunehmende Konkurrenzkraft dieses einen Baumes erdrückt und verdrängt worden" (S. 76).

In der Natur dominierten also zwei extreme Formen der Ressourcennutzung: hemmungslose Ausbeutung einerseits, die Unterdrückung von Artgenossen andererseits. "Die nach menschlicher Wertung mittleren, 'vernünftigeren' Bereiche sind nicht besetzt. Daraus folgt der Schluss, dass sie unter Naturbedingungen auch nicht wirklich überlebensfähig sind. Sie stellen keine ... 'evolutionär stabile Strategie' dar" (S. 83).

Somit erweist sich die Vorstellung einer zum Vorteil aller Lebewesen im Gleichgewicht gehaltenen Umwelt als eine in die Natur projizierte politische Utopie. Würden wir uns die Natur tatsächlich zum Vorbild nehmen, müssten wir entweder die Verbrennung fossiler Energieträger massiv beschleunigen, oder eine menschenverachtende ökologische Gewaltherrschaft errichten.

Angesichts dieser Perspektive hält Reichholf es für ratsam, die beliebten Illusionen über die Natur zu begraben. Wenn wir aufhören, sie zu idealisieren, werden wir erkennen, dass wir uns in Wirklichkeit nie von ihr entfernt haben. Harmonische Lösungen für unsere Probleme gibt es nicht. Wollen wir keine ökologische Weltdiktatur, werden wir uns mit hinreichend stabilen Ungleichgewichten behelfen müssen. Welche Zustände dafür in Frage kommen, kann die Menschheit nur durch Versuch und Irrtum ermitteln. Sollte sie dabei Fehler machen und Katastrophen verursachen, folgt sie ganz dem Beispiel der Natur.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Sehr interessant, doch leider mitunter ziemlich fatalistisch, 19. November 2011
Von 
Lena Waider "Leseratte" (Wiesbaden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft (edition unseld) (Taschenbuch)
Mit der Rezension zu diesem Buch habe ich mich sehr schwer getan. Dies mag einerseits daran gelegen haben, dass ich im Vorfeld zwei andere Besprechungen zum Buch bzw. eines anderen Essays von Reichholf zum Thema las, einerseits von Wolfgang Cramer (Spiegel, 13.06.2008: "Sprechblasen im Ungleichgewicht"), andererseits von Klaus Rohde (Google Knol, 27.02.2011: "Stabile Ungleichgewichte"). Erstere ist ein ziemlicher Verriss, Letztere deutlich wohlwollender.

Selten habe ich ein Buch eines Biologen in der Hand gehabt, das mir dermaßen deutlich gemacht hat, dass bestimmte Themen unter dem Paradigma der mittlerweile hoffnungslos veralteten Darwinschen bzw. Synthetischen Evolutionstheorie überhaupt nicht diskutierbar sind, speziell dann, wenn im Anschluss eine Übertragung der "Resultate" auf menschliche Gesellschaften erfolgt. Das Ergebnis ist dann - meistens - ein unpassender Biologismus.

Auf dem Umschlag steht, dass Josef H. Reichholf als "enfant terrible" des Umweltschutzes gelte, der manchen Ansatz radikal in Frage stelle. Man kann ihm nur anraten, insbesondere das Paradigma der Darwinschen Evolutionstheorie in Frage zu stellen und seine Arbeit stattdessen auf der moderneren und vermutlich auf alle Evolutionen gleichermaßen anwendbaren Systemischen Evolutionstheorie beruhen zu lassen. Denn viele seiner Aussagen sind in höchstem Maße interessant und zum Teil auch sehr tiefgründig, andere dagegen sehr problematisch.

Beispielsweise heißt es auf S. 39: "Das Leben muß dieser Gesetzmäßigkeit allein schon deswegen massiv entgegenwirken, um sich überhaupt erhalten zu können. Die Physik bezeichnet dieses Naturphänomen als Entropie und betont ihre unvermeidbare Zunahme mit der Zeit. Das Leben muss sich gegen diese Entropie stemmen. (...) Der Grundsatz besagt, daß Leben Energie aufnehmen muß, um beständig gegen den Zerfall, die Entropie, sich selbst immer wieder aufzubauen. Leben kann nur 'leben', also aktiv sein, wenn es sich mit Energie versorgt und diese 'verbraucht'."

Dies ist zweifellos richtig.

Auf der gleichen Seite heißt es dann aber: "Damit hebt sich das Leben aus dem allgemeinen Entropiegefälle heraus und wiedersetzt sich dem Zerfall. Der Physiknobelpreisträger Ilya Prigogine bezeichnete die Organismen daher als 'dissipative Strukturen', weil sie schneller, als es dem physikalischen Zerfall entspricht, Energie in Entropie umwandeln und davon selbst leben. Sie halten sich - solange sie leben, 'fern vom Gleichgewicht'."

Das ist bereits problematisch, da sich Leben nicht als dissipative Struktur charakterisieren lässt. Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie sind lebende Systeme selbstreproduktive Systeme, die "bestrebt" sind, ihre Komptenzen (mit deren Hilfe sie Ressourcen in ihrer Umwelt erlangen können) zu bewahren. Sie besitzen folglich Reproduktionsinteressen. Sie verhalten sich nachhaltig gegenüber ihren Kompetenzen und ausbeutend gegenüber ihrer Umwelt. Daraus lässt sich bereits alles Weitere ableiten, insbesondere Selbsterhalt, Fortpflanzung und die von Reichholf angeschnittenen Themen.

Sehr überzeugend ist seine Darlegung, dass Ökosysteme keine Superorganismen sind (51f.): "Ökosyteme sind somit alles andere als 'Super-Organismen' mit einem Eigenleben. Was in diesen 'Systemen', die der menschlichen Vorstellung entstammen, tatsächlich lebt, das sind die Lebewesen selbst, nicht aber das System. Deshalb können Ökosysteme auch nicht wirklich geschädigt werden oder zusammenbrechen. Es gibt keine festgelegten Zustände, weil keine Instanz vorhanden ist, die solche Festlegungen trifft." Aus diesem zutreffenden Zusammenhang leitet Reichholf viele seiner treffenden Folgerungen ab, jedenfalls solange es ausschließlich um die Natur geht. Kommt er auf den Menschen zu sprechen, ergeben sich leider Fehlschlüsse. Dies zeigt sich gleich im Folgesatz auf derselben Seite (52): "Außer - der Mensch bemächtigt sich solcher Ausschnitte aus der Natur und 'regiert' sie nach seinem Gutdünken. Dann grenzt er sie ab, als Felder etwa oder als Gärten, übt auf seiner Fläche die zentrale Steuerfunktion aus und sorgt dafür, daß bestimmte Zustände erhalten bleiben oder wiederkehren, wenn sie Zeiten der Ruhe oder der Veränderung durchmachen müssen, um wieder das zu leisten, was sie erbringen sollen. In geradezu grotesker Umdrehung der Annahmen entsprechend damit die künstlichen (Agro-)Ökosysteme weit besser dem Wunschbild eines Super-Organismus als die natürlichen Lebensräume."

Hier offenbaren sich die Defizite des Darwinismus, dem es insbesondere an einem systemtheoretischen Fundament mangelt. Im Allgemeinen dürfte das künstliche (Agro-)Ökosystem nämlich einem Agrarbetrieb gehören. Im Sinne der Systemischen Evolutionstheorie ist jedoch der Agrarbetrieb als Unternehmen ein Superorganismus (nicht aber dessen Ökosystem!), welcher ein Reproduktionsinteresse bezüglich seinen Kompetenzen besitzt. Das Ökosystem ist nur Teil seiner Kompetenzen. Folglich verhält sich der Agrarbetrieb nachhaltig gegenüber seinen Kompetenzen (u. a. seinem Agro-Ökosystem) und ausbeutend gegenüber der Umwelt (außerhalb seines Hoheitsgebiets und damit seiner Anbaufläche).

Dieser konzeptionelle Unterschied mag klein wirken, er ist aber entscheidend. Ich will das einmal am Beispiel der Tragik der Allmende verdeutlichen, wie sie von Garrett Hardin erläutert wurde. In der Natur sind Ressourcen im Allgemeinen reine Gemeingüter. Eigentum kennt man noch nicht. Infolgedessen kommt es darin meist zur freien Ausbeutung der Ressourcen (83). In menschlichen Gesellschaften könnte man die Allmende aber einem Akteur (Staat, Unternehmen, Genossenschaft etc.) unterstellen. Der Akteur würde sie zu seinen Kompetenzen zählen und sie in der Folge nachhaltig behandeln. Dann käme es jedoch keineswegs mehr zur Tragik der Allmende und den von Reichholf behaupteten Ungleichgewichtsproblematiken.

Reichholf suggeriert in seinem gesamten Buch, dass man eigentlich gar nichts Richtiges tun könne und auch sollte. Seine Botschaft lautet: Man sollte den Dingen ihren Lauf lassen (127). Gelangen natürliche Populationen oder menschliche Gesellschaften an Grenzen, dann wird es zu Ungleichgewichten und in der Folge zu bereinigenden Zusammenbrüchen oder Kriegen kommen, doch danach wird es mit neuer Kraft weitergehen: "Ungleichgewichte sind die Zukunft" (125ff.).

Entsprechend fatalistisch wirkt sein Ausblick (133): "Die Unterschiede auszugleichen gebietet die Menschlichkeit. Doch in der Realität werden die Unterschiede zwischen arm und reich eher größer als geringer."

Und (135): "Aber wer im 'Gleichgewicht' die bessere Alternative sieht, müßte, um es zu erreichen, großen Teilen der Menschheit die Fortpflanzung verbieten. Denn nur wenn nicht mehr nachkommen als wegsterben und wenn nicht mehr gebraucht als (gerade) erzeugt wird, kann Stabilität in diesem Sinne zustande kommen. Daß dies einen totalitären Weltstaat der schlimmsten Sorte bedeuten würde, in dem Aldous Huxleys 'Schöne neue Welt' nachgerade schön wäre, liegt auf der Hand."

Dies ist völlig unzutreffend. Denn längst liegen Konzepte vor, die ein nachhaltiges Schrumpfen menschlicher Populationen ohne Zwangsmaßnahmen (d.h. auf völlig freiwilliger Basis) ermöglichen. Sie müssten lediglich wahrgenommen und diskutiert werden. Fatalistische Aussagen der Art, dass man sowieso nichts tun kann, werden die Menschheit mit Sicherheit nicht durch die kommenden schwierigen Zeiten bringen.

Reichholf ist sich des Fatalismus-Vorwurfs bewusst (127): "Wer eine solche Einstellung vertritt, wird als Fatalist eingestuft. Der Lebensprozeß selbst, die Evolution, wäre demzufolge fatalistisch." Nein, eben nicht! Das Unterbreiten von Vorschlägen ist Teil des evolutionären Prozesses. Das zeigt sich bereits am technischen Fortschritt. Der ereignet sich nämlich auch nicht dadurch, dass man den Dingen einfach ihren Lauf lässt. Dazu ist es erforderlich, dass Menschen Ideen entfalten und Vorschläge unterbreiten.

Manche Aussagen Reichholfs scheinen anzudeuten, dass er bewahrendes Verhalten sogar für eine Schwäche hält (135): "Gefühlsmäßig gehen wir daher von kommenden Veränderungen und nicht vom Stillstand aus. Rational möchten dennoch viele 'dem Augenblick Dauer verleihen', um das selbst Erreichte nicht wieder auf- und abgeben zu müssen. So eine Denkweise ist zutiefst egoistisch."

Nein, um Egoismus handelt es sich dabei nicht, sondern um das Grundprinzip des Lebens an sich. Reichholf erklärt es zu Beginn seines Buches selbst: Leben ist bestrebt, dem thermodynamischen Zeitpfeil des Universums zu entrinnen. Es möchte 'dem Augenblick Dauer verleihen', bevor es selbst zerfällt. Ohne ein solches Streben nach Kompetenzerhalt gäbe es kein Leben auf der Erde.
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11 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Grundprinzipien der Welt, 26. April 2009
Von 
Dr. Christian-Uwe Behrens (Wilhelmshaven) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft (edition unseld) (Taschenbuch)
Das Buch vermittelt auf knappem Raum Zusammenhänge, die nicht nur für das Verständnis der Natur, sondern auch für das sozialer Systeme von elementarer Bedeutung sind. Als Folge der Lektüre dieses überaus lesbar geschriebenen Buches stellen sich unweigerlich elementare Einsichten in die Natur der Welt ein. Unbedingt lesen!
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