Carlo Maria Giulini (1914-2005) war der "Grand Old Man" unter den italienischen Dirigenten, ein zugleich begnadeter und bescheidener Künstler. Viele seiner Interpretationen werden noch über Jahre geschmackbildend wirken.
So auch das Stabat Mater von Gioacchino Rossini, welches er 1981/82 in der Londoner Watford Town Hall mit ersten Kräften aufgezeichnet hat. Die musikalische Gestaltung der großartigen Sequenz zum Fest der Schmerzen Mariä ist von untadeliger Geschlossenheit und kommt der Vollendung nahe wie kaum eine andere Einspielung. Das ist in erster Linie das Werk des Dirigenten, der zur sakralen Musik einen ganz besonderen Zugang hatte, wie auch einige andere vom ihm hinterlassene Aufnahmen, z.B. Beethovens Missa Solemnis und Verdis Requiem (beide EMI) eindrucksvoll belegen. Mit ruhiger Abgeklärtheit geht er an Rossinis Vertonung heran, er benötigt elf Minuten mehr als z.B. Kertész in der älteren Decca-Produktion, aber nirgends kommt das Gefühl von Trägheit oder Langatmigkeit auf.
Zudem stand Giulini ein erlesenes Sängerquartett zur Verfügung, das lediglich in Katia Ricciarelli einen nennenswerten Schwachpunkt aufzuweisen hat, was ein Vergleich mit Montserrat Caballés himmlischer Darstellung des "Inflammatus et accensus" (RCA) besonders deutlich macht. Ihr doch recht scharfes Vibrato macht sich hier und da störend bemerkbar, aber aufs Ganze gesehen sollte man dieses kleine Manko nicht überbewerten. Weitaus besser gefällt mir Lucia Valentini Terrani (Mezzosopran), die eine runde Leistung bietet. Besonders hervorheben möchte ich den sonst recht unbekannten Dalmacio Gonzalez, der für mich die überzeugendste Leistung auf dieser CD abliefert. Er setzt seine herrliche, biegsame Tenorstimme mit viel Geschmack und Einfühlungsvermögen ein, und ich ziehe ihn deutlich Luciano Pavarotti (bei Kertész, Decca) vor. Wenn ich von Jussi Björling einmal absehe, habe ich nie das "Cujus animam gementem" in solcher Vollendung gehört. Eine wirkliche Entdeckung! Ruggero Raimondi ist uns von der Oper aus vielen Gesamtaufnahmen in guter Erinnerung. Auch hier setzt er seinen profunden Baß mit großem Engagement ein, und trotzdem habe ich ein wenig das Gefühl, daß dieses sakrale Stück nicht ganz auf seiner Wellenlänge liegt. Es wäre aber unangemessen, sich hier an einigen nicht ganz überzeugenden Details ersthaft zu stoßen.
Der von Heinz Mende fabelhaft einstudierte Philharmonia Chorus singt textdeutlich und mit vollem Einsatz, und das berühmte Londoner Philharmonia Orchestra beweist ein weiteres Mal, daß es zu den besten Orchestern der Welt zu zählen ist. Die außergewöhnliche Leistung des Dirigenten habe ich weiter oben bereits gebührend hervorgehoben, und so ist hier eine wunderbare Aufnahme entstanden, die denen von Kertész (Decca) und Muti (EMI) in jeder Hinsicht überlegen ist. Lediglich die alte Fricsay-Produktion (DGG, mono) wäre ihr künstlerisch an die Seite zu stellen, kann aber klanglich nicht mithalten.
Klanglich ist Giulinis Digitalaufnahme von überrumpelnder Brillanz. Alle musikalischen Parameter sind vollkommen naturgetreu wiedergegeben. Ein schönes Textbuch liegt ebenfalls bei, es enthält neben einer guten Werkeinführung von Dr. Bruno Cagli auch den vollständigen lateinischen Text mit dreisprachiger Übersetzung.